Herr Lesch, wie stark sind die neuen Elitegewerkschaften tatsächlich?

Die Lokführer haben in der Tat eine große Macht, weil sie mit minimalem Aufwand ein wirtschaftliches Chaos anrichten können. Dazu muss ja nur an einigen neuralgischen Punkten der Verkehr dauerhaft lahmgelegt werden. Die Berufsgewerkschaften wollen als Vertreter von Funktionseliten durchsetzen, was eine Branchengewerkschaft niemals durchsetzen könnte. Und dafür nutzen sie ihre Macht.

Müssen wir uns also an Lohnforderungen von 30 Prozent gewöhnen?

Nicht unbedingt. Wir haben etwa bei den Piloten beobachtet, dass sich nach dem hohen Abschluss 2001 die folgenden Lohnrunden im Rahmen des Üblichen für den Verkehrssektor bewegten. Es geht also vorrangig um die Beseitigung einer Tarifstruktur, die als ungerecht empfunden wird. Nachdem sich die Berufsgewerkschaften das Recht erstreikt haben, als Tarifpartei agieren zu dürfen, treten sie in der Regel moderater auf. Wir wissen aber nicht, wie lange so etwas anhält.

Die GDL hält unbeirrt an der Forderung nach einem eigenen Tarifvertrag fest. Wird es im Erfolgsfall zu Nachahmern kommen?

Ich glaube, die Bildung neuer Berufsgewerkschaften wird begrenzt sein. Denn das Phänomen ist hauptsächlich im öffentlichen Sektor und in ehemals öffentlichen Unternehmen zu beobachten, wo transparente Tarifstrukturen bestehen, die von einigen als ungerecht empfunden werden. Außerdem ist für die Gründung einer eigenständigen Gewerkschaft ein hoher Organisationsgrad nötig. Dies gibt es in dieser Weise nicht in der Privatwirtschaft. Dort werden die Funktionseliten, etwa Ingenieure oder IT-Experten, in der Regel außertariflich bezahlt.

Aber warum sollten sich nicht unzufriedene Krankenschwestern organisieren, um höhere Löhne durchzusetzen?

Das wäre eher denkbar, aber auch die müssten sich erstmal organisieren. Das kann man derzeit nicht mit der Situation der Ärzte vergleichen.

Wie sehen künftige Tarifverhandlungen aus, wenn mehr Akteure am Verhandlungstisch sitzen?

Das kann dazu führen, dass die Gewerkschaften sich mit ihren Lohnforderungen gegenseitig hochschaukeln. Denn die Branchengewerkschaften wie Verdi werden durch die neue Konkurrenz zu einer aggressiveren Tarifpolitik gezwungen. Die andere Gefahr ist, dass es häufiger zu Konflikten kommt, weil die Forderungen natürlich auch durchgesetzt werden müssen, notfalls per Streik.

Müssen wir uns also von den berechenbaren, konfliktarmen deutschen Tarifbeziehungen verabschieden?

Die Ausfalltage könnten Vorübergehend zunehmen. Wir haben in diesem Jahr bereits ohne mögliche Lokführerstreiks mehr als 500.000 Streiktage verloren. Das ist deutlich mehr als in den vergangenen zehn Jahren. Auf der anderen Seite haben wir nicht feststellen können, dass die Zahl der Streiktage im Verkehrssektor seit der Gründung der Pilotengewerkschaft Cockpit spürbar angestiegen ist. Deshalb erwarte ich auch keine deutliche Trendwende hin zu mehr Streiks.

Welche Veränderungen ergeben sich innerhalb der Gewerkschaftslandschaft?

Die Arbeitgeber müssen sich darauf einstellen, nicht mehr mit einer Branchengewerkschaft, sondern gegebenenfalls mit mehreren Gewerkschaften Lösungen auszuhandeln. Der Blick nach Frankreich, wo es konkurrierende Richtungsgewerkschaften gibt, zeigt, dass das nicht immer einfach ist. Der Verhandlungsaufwand steigt, und bereits geschnürte Pakete müssen eventuell wieder aufgemacht werden, wenn mit einer anderen Gewerkschaft ein aus Sicht der Arbeitnehmer besserer Abschluss gefunden wird. Bislang wird das in Deutschland durch das Prinzip der Tarifeinheit noch verhindert. Aber der Abschluss der Bahn, die mit den großen Gewerkschaften Transnet und GDBA neu verhandeln muss, wenn sie mit der GDL höher abschließt, gibt schon mal einen Vorgeschmack darauf.

Es droht also ein unübersichtlicher Zustand der Dauerverhandlungen in einigen Branchen und Unternehmen – mit welchen Folgen?

Die brancheneinheitliche Friedenspflicht wird ausfransen, und die Planungssicherheit nimmt deutlich ab. Damit verliert auch der Flächentarifvertrag an Bedeutung, dessen Vorteil ja gerade die einheitliche Friedenspflicht ist. Für einzelne Arbeitgeber entsteht dadurch der Anreiz, aus den Branchenverbänden auszutreten. Und im Arbeitnehmerlager wird dadurch wiederum der Einflussbereich der Branchengewerkschaften geschmälert.

Welche Lohnentwicklung ist in einem solchen System zu erwarten, wenn Eliten separat verhandeln und die Branchengewerkschaft zu einem Sammelbecken von Nichtspezialisten wird?

Die Lohnschere wird wohl weiter auseinandergehen. Und die Löhne werden sich dann nicht in erster Linie an dem Wert der Tätigkeit orientieren, sondern an der faktischen Streikmacht, die bestimmte Berufsgruppen besitzen. Das führt sicherlich auch ein Stück weit zu einem ungerechteren Lohnsystem.