ABENDBLATT: Hat Deutschland 2007 einen Streikboom erlebt?

HAGEN LESCH: Ja. 2007 hatten wir rund 580 000 Ausfalltage zu beklagen, so viel wie seit vierzehn Jahren nicht mehr. Etwa 70 Prozent der Ausfalltage hingen mit dem Konflikt bei der Telekom zusammen, wo durch Auslagerungen die Arbeitsbedingungen verschlechtert werden sollten. Die Lokführerstreiks hingegen schlugen mit nur acht Prozent zu Buche. Beigetragen haben aber auch die Warnstreiks in der Metall- und Elektroindustrie.

ABENDBLATT: Hat es eine Verschiebung vom produzierenden Gewerbe zu den Dienstleistungen gegeben?

LESCH: Ja. Früher wurde vor allem in der Metall- und Elektroindustrie gestreikt, 2006 und 2007 vor allem im öffentlichen Dienstleistungssektor. Wegen des Wettbewerbs sind in vielen Bereichen die Arbeitsbedingungen unter Druck. Ver.di will eine Verschlechterung verhindern. Diese „Abwehrstreiks“ sollen den Status quo bewahren.

ABENDBLATT: Hält der Streikboom 2008 an?

LESCH: Abwehrstreiks könnten mit wachsendem Wettbewerb im öffentlichen Sektor häufiger werden. Schwächt sich die Konjunktur ab, könnte es in der Industrie mehr Streiks für Sozialplantarifverträge geben, um Werksschließungen zu verhindern.

ABENDBLATT: Sind die Tarifparteien heute konfliktbereiter?

LESCH: Die Gewerkschaften sind konfliktbereiter geworden - aber nicht unbedingt, was die Durchsetzung höherer Löhne anbelangt, sondern eher um Arbeitsstandards zu wahren. Bei den Arbeitgebern muss man differenzieren zwischen der Industrie und Teilen des Dienstleistungssektors. Industrielle Arbeitgeber sind wegen der störanfälligen Produktionsnetzwerke verwundbar. Bei Banken und Einzelhandel dagegen können Gewerkschaften kaum noch effektiv streiken, da leisten die Arbeitgeber mehr Widerstand.

ABENDBLATT: Ver.di und Beamtenbund fordern acht Prozent mehr. Ist ein reales Plus möglich?

LESCH: Auch im öffentlichen Dienst sollte es Realeinkommenssteigerungen geben, weil sich die gute Wirtschaftsentwicklung positiv auf die öffentlichen Kassen auswirkt. Doch nicht allen Kommunen geht es gut, deshalb sollte je nach Finanzlage differenziert werden können. Eine generelle Tariferhöhung, die sich an der gesamtwirtschaftlichen Produktivitätssteigerung - 1,5 Prozent - orientiert, kombiniert mit flexiblen Einmalzahlungen wäre ideal.

ABENDBLATT: Die Stahlindustrie fordert acht Prozent, die Chemie sieben . . .

LESCH: Beide Branchen profitieren stark von der guten Konjunktur. Hier könnten die Abschlüsse eine ähnliche Größe wie 2007 erreichen, knapp unter vier Prozent. Doch die Aussichten trüben sich ein, das berücksichtigen die Gewerkschaften nicht. Sinnvoller wäre es, Gewinnbeteiligungen zu vereinbaren, denn dann würden die Arbeitnehmer direkt vom Wirtschaftswachstum profitieren und müssten nicht erst ein Jahr später darum streiten.