Immer mehr kleine Gewerkschaften machen sich Konkurrenz, wie Beispiele bei Piloten oder der Bahn zeigen. Wir sprachen über die Folgen mit dem Tarifexperten Hagen Lesch.

HNA: Stimmt der Eindruck, dass Deutschland zunehmend in den Würgegriff streikwütiger Kleinstgewerkschaften gerät?

Hagen Lesch: Das kann man generell so nicht sagen. Wir haben zwar einzelne Berufsgewerkschaften wie die Pilotenvereinigung Cockpit oder die Lokführergewerkschaft. Aber das Agitationsfeld dieser Gewerkschaften ist ja beschränkt. Betroffen sind bisher nur der Verkehrssektor und die Krankenhäuser. In der Privatwirtschaft haben wir bislang noch keine rivalisierenden Gewerkschaften, die die Lohnforderungen nach oben treiben.

Es ist also der Wettbewerb zwischen den kleinen Gewerkschaften, der die jüngsten Konflikte bedingt?

Der Konflikt läuft nicht nur unter den kleinen Gewerkschaften ab, sondern auch zwischen den kleinen und großen Gewerkschaften. Bei den Spartengewerkschaften handelt es sich ja um Abspaltungen bestimmter Berufsgruppen von Branchengewerkschaften, vor allem von Ver.di. Und Ver.di kämpft natürlich gegen die Abspaltung und hofft durch höhere Forderungen, verlorene Mitglieder wieder zurückzugewinnen.

Welche Rolle spielen denn die Arbeitgeber selbst, müssen sie sich nicht auch ein bisschen an die eigene Nase packen?

Nein, die Bildung von Berufsgewerkschaften hat ja nichts mit dem Ausstieg aus der Flächentarifsbindung zu tun. Denn Berufsgewerkschaften bilden sich ja gerade da, wo Tarifverträge angewendet werden und Berufsgruppen stark organisiert sind und ein hohes Streikpotenzial haben. Insofern können die Arbeitgeber ja gar kein Interesse daran haben. Im Gegenteil, sie sind ja letztlich die Betroffenen. Sie müssen mit dieser Arbeitsrivalität fertig werden, haben mehr Arbeitskonflikte und müssen auch gegebenenfalls höhere Löhne bezahlen.

Das klingt, als würden die Kapitalisten die Liebe zur sozialistischen Einheitsgewerkschaft entdecken?

Wir brauchen keine Einheitsgewerkschaft. Aber wir brauchen auch keinen Gewerkschaftswettbewerb. Wir sehen ja, dass das gefährlich werden kann. Branchengewerkschaften sind die bessere Alternative als zahlreiche Berufsgewerkschaften. Denn Branchengewerkschaften sind einfach verantwortungsvoller in ihrer Tarifpolitik, weil sie die Auswirkungen ihrer Tarifabschlüsse eher berücksichtigen, als es die klientelorientierten Gewerkschaften tun. Das heißt aber nicht, dass man nur eine Gewerkschaft braucht. Es kann durchaus verschiedene Branchengewerkschaften geben.

Was sollte denn Ihrer Meinung nach seitens des Arbeitsrechtes nachjustiert werden?

Nun es gibt eine Reihe von Ideen, beispielsweise eine obligatorische Schlichtung vor Streikbeginn, man könnte auch Tarifgemeinschaften gesetzlich vorschreiben, dass also beispielsweise Ufo und Ver.di für das Kabinenpersonal nur mit einer gemeinsamen Forderung antreten könnten. Eine weitere Möglichkeit wäre, das Streikrecht dahingehend einzuschränken, dass überall dort, wo schon ein Tarifvertrag beschlossen ist, eine rivalisierende Gewerkschaft einen besseren Tarifvertrag nicht erstreiken darf. Möglich wäre auch, dass Konzerne von der Belegschaft eine repräsentative Gewerkschaft wählen lassen, die dann die Interessen aller Berufsgruppen vertritt und der Abschluss auf alle übertragen wird. Das wäre aus ökonomischer Sicht durchaus der beste Weg, weil dann der Anreiz für die Berufsgewerkschaften da ist, sich zu wandeln und nicht mehr nur die Interessen einer Gruppe zu vertreten, sondern sich allen Berufsgruppen zu öffnen.

Muss Deutschland sich denn auf italienische Verhältnisse einstellen, dass also Streiks den Alltag zunehmend bestimmen werden?

Überall dort, wo wir Gewerkschaftsrealität haben, die sich gegenseitig überbieten wollen, müssen wir damit rechnen, dass die Konflikte zunehmen.

Welche Bereiche sind davon betroffen?

Das sind sensible Bereiche, in denen vor allem der Kunde der Leidtragende ist, wie das Verkehrs- oder das Gesundheitswesen. Also dort, wo Konflikte aus dem Rücken der Bürger ausgetragen werden. Die Gefahr ist groß, dass sich diese Tendenz verstärkt. Und wenn sich in diesen Bereichen noch weitere Berufsgewerkschaften bilden sollten, dann treten auch noch mehr Konflikte auf.