Die Forderung läge höher als in der vergangenen Tarifrunde, obwohl von der wirtschaftlichen Entwicklung her eine geringere Forderung angezeigt wäre. Wir müssen sehen, dass sich in der Metallindustrie das Wachstum verlangsamt hat. In diesem Jahr erwarten wir einen Produktionszuwachs von vier bis fünf Prozent, im nächsten Jahr kommt allenfalls eine schwarze Null heraus. Ich habe den Eindruck, die IG Metall hängt noch ein bisschen den Träumen nach, die man im Aufschwung hatte. Aber die Konjunktur hat sich grundlegend gewandelt.

Was würden Sie für einen angemessenen Abschluss halten?

Ein kostenneutraler Abschluss muss sich am gesamtwirtschaftlichen Produktivitätswachstum orientieren. Dieses liegt trendmäßig bei 1,5 Prozent. Wie hoch dann letztlich der Abschluss aussieht, müssen die Tarifparteien verhandeln. Unklar ist heute, wie hoch der Spielraum der Unternehmen ist, höhere Lohnkosten gegebenenfalls weiterzugeben. Klar ist: Wir sind in einer Konjunkturphase, in der das Produktivitätswachstum langsamer wird. Damit sinkt auch der Verteilungsspielraum.

Das Arbeitgeber-Argument, höhere Löhne kosten Stellen, ist in den vergangenen zwei Jahren widerlegt worden. Seit 2006 sind in den Metallbranchen über 200 000 neue Stamm-Arbeitsplätze geschaffen worden.

Die Wettbewerbsposition der deutschen Metall- und Elektroindustrie wurde durch eine verantwortliche Lohnpolitik in den vergangenen Jahren verbessert. Die Früchte sehen wir jetzt auf dem Arbeitsmarkt. Allerdings ist die Arbeitsplatzsituation nicht nur auf die Lohnkostenentwicklung zurückzuführen, sondern auch auf die ausgesprochen starke Nachfrage nach Metallprodukten. Wenn die Nachfrage jetzt sinkt, sinkt auch der Spielraum, um Arbeitsplätze zu schaffen. Dann kommt der Lohnpolitik eine ganz besondere Verantwortung zu.

Die Lebenshaltungskosten steigen kräftig. Bei einem mageren Abschluss werden die Arbeitnehmer damit alleingelassen.

In der Metallindustrie sind die Löhne seit 2000 insgesamt um über 20 Prozent gewachsen, die Inflationsrate ist etwas über zwölf Prozent gestiegen. Die Metaller haben ein dickes reales Plus gehabt, sie gehören sicherlich nicht zu den Verlierern des letztes Aufschwungs. In der Metallindustrie sind ein ordentlicher Lohnzuwachs und ein Beschäftigungsaufbau gelungen.

Wen sehen Sie in der bevorstehenden Lohnrunde in der stärkeren Position?

Wir haben eine Tarifautonomie, die nur funktionieren kann, wenn das Kräfteverhältnis einigermaßen ausgeglichen ist. Gefährlich wird es, wenn die IG Metall die konjunkturelle Verlangsamung aus den Augen lässt und bei ihren Mitgliedern zu hohe Erwartungen weckt. Die IG Metall weiß, dass sie mit einem Streik den Flächentarifvertrag gefährdet. Denn für die Unternehmen in der Metallindustrie wäre ein Streik verheerend.

Die Unternehmen verlagern immer wieder immer weiter nach Osten. Was lässt sich damit gewinnen?

Man muss sehen, wer verlagert. In der Textilindustrie ging das relativ schnell, weil die Qualifikation der Beschäftigten nicht so hoch war. Ein Maschinenbauunternehmen kann nicht beliebig verlagern. Da ist unter anderem die Qualität der Mitarbeiter gefragt. Gerade die kleineren Unternehmen der Metallindustrie verlagern nicht so leicht.

In der Tarifrunde zur Altersteilzeit sind 200.000 Leute allein in Baden-Württemberg auf die Straße gegangen. Haben Sie damit gerechnet, dass so ein sprödes Thema wie Altersteilzeit so viele Menschen bewegt?

Nein. Das hängt aber damit zusammen, dass die IG Metall massiv mobilisiert hat. Will man das in der Entgelttarifrunde verhindern, gilt: Die IG Metall muss vorsichtig sein, was sie von den Arbeitgebern fordert, weil sie Erwartungen weckt, die sie nachher nur schwer einlösen kann.

Lässt sich von der Mobilisierung bei der Altersteilzeit auf die Streikbereitschaft bei der bevorstehenden Lohnrunde schließen?

Beides sind emotionale Themen, für die man leicht mobilisieren kann. Bei der Altersteilzeit hat die IG Metall auf Warnstreiks gesetzt, die aus Sicht der Gewerkschaft dazu dienen, einen regulären Streik zu verhindern. Gleichwohl sind auch Warnstreiks ein effizientes Druckmittel. So eine Begleitmusik macht die Tarifrunde nicht gerade einfacher.

Weiches Signal geht vom Abschluss zur Altersteilzeit aus? Die Unternehmen brauchen doch angesichts der demografischen Entwicklung Leute, die länger arbeiten.

Der Altersteilzeittarifvertrag hat einige interessante Komponenten. Ein Signal ist: Die Unternehmen können mutig sein und ältere Arbeitnehmer einstellen. Den Anspruch auf Altersteilzeit erwirbt man erst, wenn man zwölf Jahre im Unternehmen ist. Ein weiteres Signal ist: Künftig werden weniger Menschen, die nicht darauf angewiesen sind, vorzeitig aus dem Unternehmen ausscheiden. Denn der allgemeine Anspruch auf Altersteilzeit ist deutlich reduziert worden.