Professor Hüther, die Regierung hat das zweite Konjunkturpaket auf den Weg gebracht. Wie bewerten Sie die Maßnahmen, auch im Vergleich zum ersten Paket?

Das zweite Paket entspricht stärker den gesamtwirtschaftlichen Notwendigkeiten, und es bewegt mit Steuer- und Abgabensenkungen sowie Investitionsausgaben die bedeutsamen Hebel. Kritik ist im Detail der Ausgestaltung und an den anderen Instrumenten angebracht. Die dafür verfügbaren Mittel hätte man besser in die Steuersenkung investiert.

Wird das Volumen für starke Impulse in der Rezession reichen?

Mit dem gewählten Volumen sollte es – zumal im Zusammenspiel mit der Geldpolitik und im internationalen Gleichlauf – gelingen, zur Wendung der Konjunktur beizutragen.

Teile des Pakets treten erst zum 1. Juli in Kraft – das erscheint vor dem Hintergrund der sich verschärfenden Rezession als reichlich spät.

Ja und nein. Wichtig ist auch die Ankündigung und die damit mögliche Stimulierung weiterer Schritte in den anderen europäischen Ländern.

Derzeit scheint der Staat omnipräsent zu sein. Nun ist er auch Teilhaber mit Sperrminorität bei der Commerzbank. War dieser Schritt zwingend notwendig, oder stand der Wunsch im Vordergrund, eine zweite deutsche Großbank neben der Deutschen Bank zu etablieren?

Solche Finanzkrisen erfordern, das zeigt die historische Perspektive, fast immer den gleichen Instrumentenkasten: Eigenkapitalhilfen, Abkauf schlechter Wertpapiere oder Kredite, Bürgschaften und schließlich auch Teilverstaatlichung für einen begrenzten Zeitraum. Bei Misstrauensinfektion im Bankenbereich kann nur so gegengearbeitet werden.

Wagen Sie eine Prognose: Wie lange hält die Wirtschaftskrise an?

Im Moment gehen ja alle davon aus, dass die Krise sehr lang und schmerzhaft sein wird. Aber das ist im Moment schwer absehbar. Betrachtet man beispielsweise die vergangenen drei Jahrzehnte, so hat sich gezeigt, dass nahezu jede Krise schneller und besser verarbeitet wurde, als vorher gedacht. Glücklicherweise sind wir nicht mehr in der Situation wie noch in den 30er Jahren, in der die Länder begannen, sich abzuschotten. Heute arbeiten sie zusammen, die Informationssysteme ermöglichen ein schnelles Umsteuern. Der Weltfinanzgipfel hat gezeigt, dass man die Lehren gezogen haben. Ich kann mir vorstellen, dass wir uns schon in diesem Jahr wieder aus dem Tief heraus winden.

Blicken wir zurück auf den September 2008. Die Insolvenz der US-Bank Lehman Brothers und die Verwerfungen an den Märkten markieren einen Tiefpunkt im Verlauf der Finanzkrise. Hat vor allem die Entscheidung der US-Regierung, Lehman Brothers pleitegehen zu lassen, die Krise erst richtig eskalieren lassen, wie nun einige behaupten?

Eindeutig werden dies erst die Wirtschaftshistoriker bestimmen können. Auf der einen Seite war die Entscheidung ein klares Signal, dass der Steuerzahler nicht für jedes Risiko geradesteht. Langfristig darf man diese abschreckende Wirkung auf diejenigen nicht unterschätzten, die große Risiken eingingen. Auf der anderen Seite muss man festhalten, das mit der Lehman-Pleite alle Dämme brachen. Von da an war es nicht mehr möglich, dass jedes Land einzelstaatlich auf Probleme reagiert. Nur noch eine enge Koordination konnte helfen.

Es gibt Spekulationen, das man sich seitens der US-Regierung, auch deshalb fiir Lehman entschieden hat, weil das Bankhaus sehr viele Verbindlichkeiten in Europa hatte.

Die Überlegungen haben sicherlich während der Verhandlungen eine Rolle gespielt. Nach dem Motto: Diese Bank ist weltweit stark vernetzt, dann haben wir einen nicht ganz so großen Schaden vor der Haustür.

Wo schlummern noch Risiken?

Bei verbrieften Kreditkartenschulden wird es sicherlich noch Schwierigkeiten geben, ebenso beim Handel mit verbrieften Forderungen von Autofinanzierungen. Allerdings ist das Volumen hier deutlich geringer und nicht vergleichbar mit dem, was wir bereits erlebt haben. Zu sagen, dass uns das morgen um die Ohren fliegt, wäre sicher nicht verantwortungsbewusst.

Lässt sich schon absehen, wer die Gewinner der Krise sein werden?

Wenn diese Krise eine reinigende Krise wird und alle Beteiligten daraus lernen, hoffe ich, dass wir alle Gewinner sind. Wir werden uns dann in einer stabileren gesamtwirtschaftliche Situation wiederfinden – ohne Übertreibungen oder überhöhte Renditeforderungen. Sicherlich nüchterner und vielleicht auch ein Stück weit.

Michael Hüther, geb. 1962, ist Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler hat eine Professur der European Business School inne.