Der DGB wird 60 – gibt es denn etwas zu feiern?

Ja, die Gewerkschaften und der DGB können stolz auf sich sein, weil sie ein entscheidender Bestandteil unseres Tarifsystems sind. Die Tarifautonomie, in der Gewerkschaften und Arbeitgeber unabhängig vom Staat die Löhne und Arbeitsbedingungen verhandeln, ist ein wertvoller Pfeiler unserer sozialen Marktwirtschaft.

Hat der DGB denn auch noch eine lange Zukunft vor sich?

Der DGB ist relativ schwach, weil die inhaltlichen Impulse mittlerweile von den Einzelgewerkschaften wie der IG Metall kommen. Dadurch tritt die Dachorganisation mehr in den Hintergrund. Klar ist: Auch künftig muss es ein übergeordnetes Gremium geben, in dem die Einzelgewerkschaften ihre Maßnahmen und Kampagnen miteinander absprechen können. Aber der DGB kann nur so stark sein, wie die Einzelgewerkschaften es zulassen. Die wiederum sind an einem starken DGB nicht interessiert.

Warum?

Alle Einzelgewerkschaften – allen voran die IG Metall – versuchen auf eigene Faust, ihren massiven Mitgliederschwund zu bremsen. Ihre Strategie ist es, ihre Identität zu stärken und das eigene Profil herauszustellen. Da würde ein mächtiger Dachverband nur stören. Mittlerweile ist es auch so, dass die Einzelgewerkschaften selbst Einfluss auf die Politik nehmen wollen und ihre Lobbyarbeit in Berlin eigenständig betreiben. Da ist sich im Moment jeder selbst der Nächste und entwickelt seine eigenen Kampagnen. Die letzte große Leistung des DGB war es, die Einzelgewerkschaften auf die Forderung nach einem einheitlichen Mindestlohn festzulegen.

Die Industriegewerkschaft BCE gilt als pragmatischer als die IG Metall. Was ist besser: Konsens oder Konflikt?

Die IG BCE vereinbart ähnlich gute Abschlüsse wie die IG Metall, sie hat aber ein anderes Selbstverständnis. Anfang der 70er Jahre hat die damalige Chemiegewerkschaft einen großen Arbeitskampf verloren und sich danach mehr am Konsens orientiert. Mittlerweile ist diese lösungsorientierte Verhandlungskultur historisch gewachsen. Die IG Metall pflegt eine Art Konfliktpartnerschaft mit dem Tarifpartner, die IG BCE eine Sozialpartnerschaft.

Hat das auch Auswirkungen auf die Mitgliederzahlen?

Man kann nicht sagen, dass eine der Strategien besser funktioniert. Beide Organisationen haben den Mitgliederschwund nicht aufhalten können. Allgemein mögen die Deutschen aber lieber den Konsens und die Pflege der Sozialpartnerschaft. Wir Deutschen mögen den Streik auch nicht so sehr wie etwa die Franzosen.

Hagen Lesch ist Tarifexperte im Institut der deutschen Wirtschaft Köln