Konjunkturprognosen schießen nur so aus dem Boden. Warum soll eine weitere hinzukommen?

Bei allem Bemühen, einigermaßen verlässliche Prognosen als notwendige Grundlage für rationale Entscheidungen zu gewinnen, müssen wir erkennen, dass uns der methodische Fortschritt der letzten Jahrzehnte nicht weiter gebracht hat. Ein innovativer Ansatz besteht darin, den Preismechanismus, dem wir in der Marktwirtschaft berechtigterweise vertrauen, auch für die Einschätzung künftiger Entwicklungen zu nutzen. Prognosemärkte laden jeden Bürger ein, sein spezifisches Wissen einzubringen, um es auf effiziente Weise mit den Wissen der vielen anderen zu kombinieren.

Wie erklären Sie, dass eine breite Masse im Durchschnitt oft bessere Vorhersagen liefert als Experten?

Der anonyme Markt ist ehrlicher, weil er interessenneutral und unverzerrt Informationen verarbeitet. Er unterliegt nicht der Gefahr eines Herdenverhaltens. Gerade die Bürger mit besonders konkreten Erkenntnissen werden einen Anreiz verspüren mitzumachen. Dadurch haben wir eine positive Selektion der Informationen.

Prognosebörsen gab es in der Vergangenheit bereits vor Wahlen. Die Gruppe derer, die Interesse und Kenntnisse über volkswirtschaftliche Kennziffern hat, ist allerdings ungleich kleiner als die Zahl derer, die über politische Programme urteilt. Wer kann an der Börse teilnehmen?

Unterschätzen wir nicht, was jeder einzelne Bürger aus seinem Erfahrungsumfeld – sei es als Arbeitnehmer, Betriebsrat oder Selbständiger, als Konsument, als Sparer oder Investor – an spezifischen Informationen gewinnt. Zudem können wir darauf setzen, dass ein solcher Prognosemarkt eigene Attraktivität gewinnt und zunehmend mehr Menschen daran teilnehmen.

Was reizt Sie selbst daran, an der Prognosebörse teilzunehmen?

Die Prämien – natürlich nicht. Sondern das wissenschaftliche Interesse daran, im Prognosegeschäft besser werden zu können. Wir können lernen, welche Informationen für die Meinungsbildung in der Öffentlichkeit bedeutsam sind, und zwar in Echtzeit. Wir müssen neue methodische Wege gehen, um mit einem möglichst breiten Instrumentenkasten eine angemessene Grundlage für Vorhersagen zu gewinnen. Die "eine Methode" gibt es nicht.

Warum grade diese Indikatoren?

Alle ausgewählten Indikatoren haben eine hohe öffentliche Sichtbarkeit, und ermöglichen jedem Interessierten eine Meinungsbildung. Gleichzeitig sind es Indikatoren von hoher ökonomischer und wirtschaftspolitischer Relevanz. Es ist nicht ausgeschlossen, sondern erwünscht, dieses Indikatorenset noch zu ergänzen.

Michael Hüther ist Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln