„Wer die Karten zuerst auf den Tisch legt, verliert“ – bei den Klimaschutzverhandlungen in Kopenhagen verhandelten die Staaten nicht nur über Treibhausgase, sondern indirekt auch über Standortvorteile: Wo teure Emissionszertifikate die Gewinne gefährden, könnten Unternehmen abwandern. Verbraucher stehen vor der Frage, ob sie frühzeitig mehr Geld für effizientere Produkte ausgeben, um langfristig zu sparen. Über Chancen und Risiken des Klimaschutzes auf nationaler und individueller Ebene sprach Focus Online mit Hubertus Bardt, dem Leiter der Forschungsstelle Umwelt- und Energieökonomik im Institut der deutschen Wirtschaft Köln.

Der Klimaschutz bedeutet für Unternehmen neue Kosten, etwa in Form von Emissionszertifikaten. Welche Branchen sind besonders gefordert?

Energieintensive Branchen können unter Druck geraten. Auch sie fragen sich: Wie können wir vom Klimaschutz profitieren? Wenn die Nachfrage nach sparsamen und leichten Autos steigt, kann beispielsweise die Aluminium-Industrie profitieren. Gleichzeitig hat diese Industrie einen enorm hohen Energiebedarf. Werden CO2-Zertifikate demnächst wie geplant in der EU und Deutschland versteigert, verteuern die Kosten für die ersteigerten Zertifikate die Produktion jeder Tonne Aluminium. Dasselbe gilt beispielsweise auch für die Zementindustrie, die derzeit mächtig auf der Kippe steht.

Das bedeutet, für bestimmte Branchen würden Länder attraktiv, die eine weniger restriktive Klimaschutzpolitik verfolgen?

Unternehmen können die Kosten eines Zertifikats über eine Tonne Kohlendioxidemission den Kosten für die Frachtrate für eine Tonne ihres Produkts gegenüberstellen. Für die Zementbranche ergibt sich: Bei einem CO2-Preis von 25 Euro die Tonne ist die Produktion in Nordafrika und Ägypten schon konkurrenzfähig zu hier. Für eine Volkswirtschaft hängt es davon ab, den Klimaschutz so zu organisieren, dass die Gewinner im Land bleiben. So etwas wie Steueroasen in Sachen Klima sollte es auf Dauer nicht geben.

Ist es deswegen so wichtig, dass alle Staaten beim Klimaschutz mitmachen? Geht es um gleiche Rahmenbedingungen für alle Nationen?

Ja. Global betrachtet ist es billiger, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen, als nichts dagegen zu tun. Wenn es aber nicht gelingt, möglichst alle Nationen ins Boot zu holen, dann belohnt man Nicht-Teilnahme am Klimaschutz. Auf den internationalen Klimaschutzkonferenzen drehen sich viele Konflikte um die Frage: Wer leistet welchen Beitrag?

Viele Verbraucher stellen sich diese Frage auch persönlich: Welchen Beitrag soll ich zum Klimaschutz leisten, und will ich dafür überhaupt Geld ausgeben?

Ja. Die Politik fordert den Klimaschutz, und Verbraucher sehen das Thema als wichtig an. Aber sind sie auch bereit, tiefer in die Tasche zu greifen für effizientere Produkte? Für die Hersteller von 3-Liter-Autos etwa war es ein Kommunikationsproblem, höhere Kosten durchzusetzen mit dem Argument, langfristig würden die Konsumenten an Spritkosten sparen. In manchen Fällen ist es noch schwieriger, etwa in Fällen, wo Verbraucher sich sagen müssten: Hier lohnt sich die Investition nicht für mich selbst, aber insgesamt kommt es dem Klima zugute. Vor diesem Problem stehen wir auch auf Staatenebene. Jeder sagt: Ob ich etwas beitrage, spielt nicht eine so große Rolle, lass die anderen erst einmal machen.

Dr. Hubertus Bardt leitet die Forschungsstelle Umwelt- und Energieökonomik im Institut der deutschen Wirtschaft Köln