Herr Professor Hüther, alle spekulieren über die Konjunktur. Ist der bescheidene Aufschwung der vergangenen Monate schon wieder vorbei?

Überhaupt nicht, wie kommen Sie darauf?

Nun, die Exportindustrie ist sehr schlecht ins neue Jahr gestartet, der Schwung von Ende 2009 ist schon wieder dahin, und auch viele Experten werden wieder pessimistischer.

Die Exporte passen in der Tat eigentlich nicht zu dem Gesamtbild der uns bekannten Indikatoren. Der Auftragseingang im Januar war deutlich positiv, auch die Produktion. Der Einkaufsmanager-Index zeigt kontinuierlich nach oben. Also: Ich sehe weiter eine Aufwärtsbewegung. Aber, zugegeben, die verläuft nicht entlang des Lineals, sondern es wackelt hier und da.

Nur ein Wackeln? Kommt nicht vielleicht doch ein "Double Dip", ein neuer Abschwung?

Dieses Wort würde ich nicht verwenden, weil es den Eindruck nährt, wir hätten nochmal die gleiche Schärfe des Einbruchs vor uns, den wir schon hinter uns haben. Nein, wir erleben schlimmstenfalls eine Wachstumspause.

Die Sie nicht beunruhigt?

Nein, gar nicht. Wir sind 2009 sehr tief gefallen, minus fünf Prozent beim Wachstum, nun bewegen wir uns recht sukzessive, aber doch von der Richtung her eindeutig nach oben.

Wann werden wir die Krise hinter uns gelassen haben?

Das ist natürlich eine Frage der Vergleichsgröße. Wenn ich den Sommer 2008 nehme, dann wird's noch dauern. Aber der Sommer 2008, das zeigen unsere Unternehmensbefragungen, ist nicht der Maßstab; damals hatten wir bereits eine Überdehnung der Kapazitätsauslastung. Wenn man schon Vergleiche zieht, dann bitte zum Durchschnitt der Jahre 2006 und 2007. Und dieses Niveau erreichen wir wieder Anfang 2012.

Ihre Prognose für 2010?

Mein Institut geht von gut eineinhalb Prozent Wachstum aus, wenn es sehr gut läuft, zwei Prozent. Und es werden weniger als vier Millionen Arbeitslose im Jahresschnitt sein. Die vergleichsweise gute Situation am Arbeitsmarkt stützt übrigens meine These, dass wir nur eine Wachstumspause haben, keinen erneuten Einbruch.

Warum?

Die Unternehmen halten doch weitgehend die Belegschaften im Haus...

. . . dank des Kurzarbeitergeldes, das die Regierung spendiert hat.

Ja, aber auch, weil sie an eine Erholung glauben. Wäre es schlimmer, würde man gar einen Strukturbruch vermuten, würde man sozusagen ins Nichts hinein arbeiten; da könnte sich niemand leisten, die Leute an Bord zu halten. Zumal: Kurzarbeit ist nicht kostenlos.

Die Konjunktur ist das eine, mögliche Strukturprobleme ein anderes. Brauchen wir weniger Export und mehr Inlandsnachfrage, wie uns das EU-Partner empfehlen?

Es gibt mehr Inlandsnachfrage, als viele glauben: dann nämlich, wenn man sie umfassend versteht, also nicht nur als privaten Konsum, sondern einschließlich der Ausrüstungsinvestitionen. Wir haben in den letzten beiden Jahren immer einen Antrieb vom Außenbeitrag und von der Inlandsnachfrage gehabt. Die Struktur der deutschen Wirtschaft ist sehr viel ausgeglichener als vielfach behauptet.

Wenn alles so gut läuft, kann sich die Politik ja zurücklehnen.

Vorsicht! Ja, der Wunsch nach wirtschaftsfreundlichen Rahmenbedingungen wird von den Unternehmen nicht mehr so laut vorgetragen. Tatsächlich hat sich in den letzten Jahren einiges verbessert. Wenn aber nach einer längeren Pause erst mal wieder investiert wird, groß investiert wird, dann wird auch die Frage der Rahmenbedingungen neu gestellt. Dann ist der Standort plötzlich wieder wichtig. Die Investitionen müssen in Deutschland stattfinden, und das ist nicht selbstverständlich.

Und worauf kommt es an? Steuern? Arbeitsmarkt? Rente? Bürokratie?

Vor allem auf Bürokratie und Steuern. Dabei geht es um Vereinfachung, um Transparenz. Den Unternehmen geht es zum Beispiel gar nicht um Steuersenkungen, die wissen auch, dass die Steuererklärung auf dem Bierdeckel nicht funktioniert. Aber sie brauchen Berechenbarkeit, die das heutige System nicht bietet.

Ein großes Ziel, das die Politiker nicht sehr mögen. Geht's auch kleiner?

Entschuldigung, große Probleme erfordern große Lösungen. Ich habe noch ein Beispiel: Bildung. Wir laufen in einen eklatanten Fachkräftemangel rein, der für unser wirtschaftliches Wohl viel entscheidender ist als die aktuelle konjunkturelle Situation, über die wir am Anfang geredet haben. Wir haben heute schon Landstriche in Deutschland, wo Ausbildungsplätze nicht zu besetzen sind. Wenn wir da gegensteuern wollen, setzt das voraus, dass die allgemein bildenden Schulen wieder Qualität bringen. Das ist vielfach nicht der Fall.

Inwiefern ist in diesem Zusammenhang wichtig, dass Deutschland sich von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft wandelt?

Das sagen Sie einfach so. Deutschland ist ein Industrieland und bleibt eines. Ich sehe mit Blick auf Ostdeutschland sogar eine Renaissance der Industrienation. Von "Mezzogiorno" spricht doch niemand mehr. Wir haben dort einen Industrieanteil von 20 Prozent, ohne das strukturschwache Mecklenburg-Vorpommern sogar von 23 Prozent, während in anderen Ländern wie Frankreich die Industrie an Einfluss verliert; in Frankreich sind es gerade noch 14 Prozent. Wir sind international die Gewinner.

Also wird die Bedeutung des Dienstleistungssektors überschätzt?

Das will ich auch nicht sagen. Schlimm ist immer schwarz-weiß. Wir brauchen beides, und wir haben beides. Mehr noch: Die Dinge hängen auch mehr und mehr zusammen. Der Treiber des Strukturwandels ist nicht der Dienstleistungssektor autonom, sondern es ist die Kombination aus Industrie und Dienstleister. Experten sprechen von der Tertiärisierung der industriellen Wertschöpfung. Die Kombination von Industrieware mit einer Problemlösungskompetenz, Beratung, Service, alles das, was dieses Produkt umgibt, das macht die deutschen Unternehmen international wettbewerbsfähig. Wir stellen heute keine Produkte mehr, sondern Problemlösungen.

Wenn alles so gut läuft, brauchen wir auch keine Subventionen mehr?

Ja, wir können bei Subventionen viel sparen und müssen uns stattdessen auf gezielte Subventionen konzentrieren. Nehmen wir den Klimawandel, die C02-Problematik. Wir tun immer so, als ginge es nur um Industrie und Autos. Aber 40 Prozent der C02-Emissionen sind Hausbrand – und was setzten wir dagegen: ein lächerliches Programm zur energetischen Gebäudesanierung.

Wieso lächerlich?

Weil es jährlich gerade mal 0,07 Prozent der Gebäude trifft. Es geht um ganz andere Dinge. Zum Beispiel ums Mietrecht. Es muss jemand, der in seine Gebäudebestände investiert, die Mieter an diesen Kosten beteiligen, aber auch an den Einsparungen. Dafür müssen heute Hunderte oder Tausende von einzelnen Mietverträgen geändert werden– was nicht klappt. Dies zu ändern, ist Wirtschaftspolitik ohne Geld. Aber ich muss einfach dann den Mut haben, an den richtigen Stellen anzusetzen.

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