Aufträge aus China mitnehmen und trotzdem diversifizieren Image
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Herr Professor Hüther, dieses Jahr wird der deutsche Export voraussichtlich zum ersten Mal die Marke von einer Billion Euro überspringen. Angesichts der bekannten Risiken wie der labilen Finanzmärkte und der Rohstoffverteuerung: Wie nachhaltig ist diese Entwicklung?

Zunächst einmal macht sie deutlich, dass die Konjunkturerholung von den Schwellenländern getragen wird, die den deutschen Export mit nach vorne ziehen. Dieses Wachstum ist aber auf kurze Sicht nicht gefährdet, weil in diesen Staaten langfristige Aufgaben wie die Bewältigung der Urbanisierung und des demografischen Wandels, des Infrastrukturaufbaus und der Ressourcenschonung auf der Tagesordnung bleiben. Zwar gibt es Risiken, sie stellen die Bedingungen für den Aufschwung aber nicht grundsätzlich in Frage.Damit bleiben der Bedarf an Rohstoffen und damit ihre Preise auf Dauer hoch. Die Preiseinbrüche an den Rohstoffmärkten korrigierten lediglich spekulative Übertreibungen. Der zugrunde liegende Trend zeigt nach oben.

Nach dem Einbruch von 2008 meinten einige Experten, die deutschen Unternehmen hätten ihre Kapazitäten nicht so kräftig ausweiten dürfen, weil ein Ende des Booms vorherzusehen gewesen sei. Können wir daraus aktuell Lehren ziehen?

Die deutschen Unternehmen gehen mit Investitionen vergleichsweise verantwortungsbewusst um. Sie ziehen Vorteile aus den Flexibilisierungsinstrumenten wie Arbeitszeitkonten oder Leiharbeit, die Mitte des vergangenen Jahrzehnts eingeführt wurden. Als Ergebnis bleibt die Beschäftigung nicht nur robust, sondern sie steigt deutlich wieder an, auch in den Stammbelegschaften. Die deutsche Wirtschaft ist in der Summe gut für die globalen Märkte aufgestellt. Ich sehe deshalb keine übertriebene Investitionsbereitschaft. Wir sehen ja an der schnellen Konjunkturerholung und der raschen Kapazitätsauslastung, dass die Krise eine Wachstumspause war und keinesfalls Ausdruck einer globalen Überinvestition.

China wird vorrausichtlich in diesem Jahr zum zweitwichtigsten Handelspartner Deutschlands aufsteigen. Mancher Branchenvertreter fürchtet eine zu starke Abhängigkeit. Hat die deutsche Industrie zu viele Eier in einem Korb?

Es stellt sich immer die Frage, ob man Geschäfte, die man machen kann, auch machen sollte. Natürlich ist es richtig, dass ein Unternehmen seine Absatzmärkte möglichst diversifizieren sollte. Es wäre sicher unklug, die Kapazitäten proportional hochzufahren, wenn die Dynamik nur aus einer einzigen Quelle stammt. Die Strategie muss vielmehr lauten, die Aufträge mitzunehmen und trotzdem zu diversifizieren. Dabei sind Unternehmen sicherlich unterschiedlich erfolgreich. Aber sie hätten in den vergangenen zehn Jahren nicht so eine starke Nachfrage bewältigen können, wenn sie zu häufig falsch entschieden hätten.

Nur 40 Prozentder Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes sind im Exportgeschäft tätig. Was muss die Mehrheit der Firmen tun, um am globalen Aufschwung zu partizipieren?

Dazu gehören zwei Dinge: Erstens sind international erfolgreiche Betriebe wirkliche Innovatoren. Das heißt, die 60 Prozent der Betriebe, die sich auf den Binnenmarkt beschränken, sind auch schwach bei Forschung & Entwicklung. Zweitens sollten Unternehmen alle Möglichkeiten zur Internationalisierung nutzen. Dafür gibt es beispielsweise staatliche Fördermittel für die Beteiligung an Auslandsmessen. Aber die eigentliche Herausforderung besteht darin, sich in internationale Netzwerke einzuklinken. Internationalisierung und Innovationsorientierung gehen Hand in Hand. Kleine und mittlere Unternehmen partizipieren aber zu wenig an der F&E-Förderung, die stets projektbezogen vergeben wird. Deshalb fordern die Wirtschaftsverbände Steuererleichterungen für F&E-Aktivitäten, die auch einen wichtigen Impuls für das Auslandsgeschäft mittelständischer Unternehmen geben würden.

Der VDMA hat diese Steuererleichterungen seit Jahren auf der politischen Agenda. Passiert ist auch seit dem Regierungswechsel nichts.

Die steuerliche F&E-Förderung hat in der Tat einen langwierigen Weg hinter sich. Aber gerade während der Krise sind erste Anstrengungen in der von der Bundesregierung initiierten „Forschungsunion Wirtschaft – Wissenschaft“ unternommen worden. Es gibt stets Mitnahmeeffekte, aber die würde ich nicht über Gebühr betonen. Wichtig erscheint mir, dass der Staat bei diesem Vorgehen auf eine bewusste Entscheidung zugunsten bestimmter Technologien verzichtet. Die Forschungsförderung wurde im Koalitionsvertrag vereinbart. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Industrieverbände einen Stufenplan zur Einführung entwerfen, um der Politik die Umsetzung zu erleichtern. Im frühen Stadium werden die kleinen und mittleren Unternehmen berücksichtigt, über die Zeit kommen alle Betriebe in den Genuss der Förderung.

Korea und Japan haben sich in zwei Jahrzehnten von Schwellenländern zu Industrienationen entwickelt. In beiden Fällen folgte dem raschen Aufstieg die Stagnation. Droht in China nach 30 Jahren schnellen Wachstums ein abruptes Ende?

Hier haben wir es mit einer ganz anderen Größenordnung zu tun: Eine Milliarde Menschen wollen in die Weltwirtschaft integriert werden. Zudem muss das Wohlstandsgefälle zwischen den Ballungsräumen und den Provinzen verringert werden. Das sind Prozesse, die noch lange andauern werden. Das Spannende daran ist ja, dass es eine politisch gesteuerte Entwicklung ist. Die chinesische Regierung will die Qualität der Produktion erhöhen, den Wechselkursstreit mit den USA entschärfen und die Inlandsnachfrage stärken, was wiederum zu Lasten der Exportorientierung geht. Die Wachstumsraten der vergangenen Jahre lassen sich sicher nicht in die Zukunft fortschreiben. Aber keinesfalls hat sich das Thema China damit erledigt.

Die Gemeinschaftsdiagnose der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute bescheinigt den deutschen Maschinenbauern große Spielräume bei der Preisgestaltung. Jetzt kommen immer mehr hochwertige Produkte aus China. Heißt das, dass diese Preisgestaltungsspielräume geringer werden?

Die Besonderheit der deutschen Maschinenbauprodukte ergibt sich nicht nur aus der Hardware, sondern entsteht aus der Kombination mit der Dienstleistung. Das ergibt Spielräume für die Differenzierung und damit für die Preissetzung. Auch der Wechselkurs zum Dollar stützt im Augenblick die relativ komfortable Lage. Zu D-Mark-Zeiten hätten wir ganz andere Aufwertungen erlebt. Volkswirtschaftlich gesprochen, profitieren die deutschen Hersteller von der unvollständigen Konkurrenz auf ihren Märkten, indem sie Vorsprünge etablieren, die sie aber immer wieder sichern müssen. Die steigende Qualität chinesischer Produkte macht diese Gefährdungen der weiterhin vorhandenen Spielräume deutlich.

Anfang nächsten Jahres läuft der aktuell gültige Tarifvertrag in der Metall- und Elektro-Industrie aus. Gehen Sie davon aus, dass es angesichts des Booms und des immer stärker sich abzeichnenden Arbeitskräftemangels zu kräftigen Lohnerhöhungen kommt?

Die Tarifpartner haben in der Krise einen sehr klugen Vertrag abgeschlossen. Das gilt sowohl für die Laufzeit wie für die Flexibilisierungsmöglichkeiten. Rund die Hälfte der Unternehmen zog die Gehaltserhöhung von 2,7Prozent in diesem Jahr um zwei Monate vor. Damit hat die Mehrzahl der Unternehmen demonstriert, dass Flexibilisierung nicht nur zu Lasten der Arbeitnehmer geht. Der gültige Tarifvertrag ist so formuliert, dass die IG Metall damit keine großen Nachholdebatten begründen kann, weil er bereits eine Beteiligung der Beschäftigten am Aufschwung ermöglicht hat. Zudem treiben die Unternehmen den Beschäftigungsaufbau in ihrer Kernbelegschaft voran.

Wie könnte denn der nächste Tarifvertrag in der Phase fundierten Wachstums gestaltet sein?

Ich kann mir gut vorstellen, dass der neue Tarifvertrag Elemente der Erfolgsbeteiligung enthält, die etwa an Zuwächse bei der Produktion gekoppelt sind. In der Krise funktioniert die Flexibilisierung grundsätzlich nach unten, die Tarifparteien beschließen beispielsweise ein Lohnmoratorium. Mit der Erfolgsbeteiligung erreichen wir eine symmetrische Flexibilisierung, die der individuellen Lage von Unternehmen gerecht wird.

Die Gewerkschaften fahren seit einiger Zeit eine Kampagne zur Qualität der Arbeit. Wie können die Unternehmerverbände darauf reagieren?

Vor allem, indem sie die Fakten beleuchten. Die Datenbasis der Gewerkschaften, mit der sie ihre Forderungen begründen, ist teilweise sehr dünn. Arbeitgeber in diesem Land können sich sehr selbstbewusst der Frage nach der Qualität der Arbeit stellen. Wir haben hochqualifizierte und gut bezahlte Arbeitsplätze, bei internationalen Vergütungsvergleichen liegen wir stets auf den oberen Plätzen. Aus Sicht der Gewerkschaften ist es geschickt, das Thema in den Vordergrund zu rücken, wenn die Arbeitslosigkeit zurückgeht. Die Wirtschaftsverbände sollten das Thema direkt aufgreifen, statt es zu ignorieren.

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