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Wido Geis Quelle: IW Köln

Die europäische Integration schreitet immer weiter voran. Dies hat sich nicht zuletzt in den Gipfelmarathons während der Schuldenkrise gezeigt. Trotzdem ist Europa heute noch weit von einem gemeinsamen Arbeitsmarkt entfernt. Obwohl die Arbeitnehmerfreizügigkeit bereits in den römischen Verträgen von 1957 vereinbart wurde und eine tragende Säule des europäischen Binnenmarkts ist, ist die Mobilität zwischen den europäischen Ländern relativ gering. So lebten 2010 bei einer Gesamtbevölkerung von rund 500 Millionen EU-Bürgern nur 12,8 Millionen in einem anderen EULand. Zum Vergleich: Von den rund 300 Millionen Personen, die 2010 in den USA lebten, stammten 11,7 Millionen aus Mexiko, obwohl die Einreise von Mexikanern in den USA sehr restriktiv gehandhabt wird.

Die geringe Mobilität hat zur Folge, dass Arbeitskräfte in Europa nicht dort zur Verfügung stehen, wo sie gebraucht werden. So sucht die deutsche Wirtschaft derzeit händeringend Fachkräfte, während in Spanien selbst Hochschulabsolventen kaum eine Perspektive am Arbeitsmarkt haben. Wie groß die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern sind, macht ein Blick auf die Arbeitslosenraten deutlich. Während diese in Deutschland, den Niederlanden, Luxemburg und Österreich (nach EU-Abgrenzung1) bei unter sechs Prozent liegen, liegen sie in Griechenland und Spanien bei über zwanzig.

Junge Menschen sind von der hohen Arbeitslosigkeit in den süd- und osteuropäischen Ländern besonders betroffen. So übersteigt die Arbeitslosenquote der 15- bis 24-Jährigen derzeit in Spanien und Griechenland 50 Prozent und in Italien, Portugal und der Slowakei 30 Prozent, während sie in Deutschland bei rund acht Prozent liegt. Dabei ist allerdings zu beachten, dass die Jugendarbeitslosigkeit aufgrund von unterschiedlichen Verweildauern im Bildungssystem nur beschränkt vergleichbar ist.

Man würde erwarten, dass derartige Ungleichgewichte am Arbeitsmarkt zu starken Wanderungsströmen führen. Und in der Tat hat die Zuwanderung aus den südeuropäischen Ländern in den letzten Jahren prozentual stark zugenommen. Allerdings lag die Nettozuwanderung aus Griechenland 2011 dennoch nur bei rund 14.000 und aus Spanien bei rund 12.000 Personen. Eine Wanderung in dieser Größenordnung trägt kaum zur Fachkräftesicherung bei und ist mit Blick auf die südeuropäischen Arbeitsmärkte nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Warum aber entscheiden sich trotz der viel besseren Jobaussichten in Deutschland und anderen nordeuropäischen Ländern nicht mehr Südeuropäer für einen Umzug innerhalb der europäischen Union? Der bedeutendste Grund ist sicher die Heimatverbundenheit. Den meisten Menschen fällt es schwer, für einen Arbeitsplatz ihren angestammten Wohnort und damit auch Familie und Freundeskreis zu verlassen und in der Fremde neue soziale Netzwerke aufzubauen. So liegen auch die Arbeitslosenquoten in den neuen Bundesländern immer noch weit mehr als doppelt so hoch wie in Süddeutschland.

Neben diesen beiden Hinderungsgründen spielen auch Faktoren eine Rolle die politisch beeinflussbar sind. So unterscheiden sich die Bildungsabschlüsse insbesondere im beruflichen Bereich zwischen den einzelnen EU-Staaten noch deutlich. Das führt dazu, dass eine Stellensuche in einem anderen EU-Land häufig schwierig ist, obwohl der Bildungsabschluss grundsätzlich anerkannt wird. Auch ist es häufig sehr mühsam, die für einen Umzug nach Deutschland notwendigen Informationen (zum Beispiel über die Arbeitsmarktlage und die arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen sowie die Übertragbarkeit von Rentenansprüchen) zusammenzutragen. Zudem sind die mit dem Umzug verbundenen Formalitäten komplex und langwierig.

Hier bedarf es einer Willkommenskultur, die bürokratische Hürden aus dem Weg räumt und es Menschen aus anderen EU-Ländern so einfach wie möglich macht, am deutschen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Damit lassen sich zwar die Sprachbarrieren in Europa nicht überwinden, dennoch kann so ein großer Beitrag dazu geleistet werden, dass sich mehr Menschen für eine Wanderung entscheiden. Das käme allen Beteiligten zugute: dem Einwanderungsland, in dem Fachkräfteengpässe vermieden werden, dem Auswanderungsland, in dem Arbeitsmarkt und Sozialsystem entlastet werden, und den Wandernden, die so einen Arbeitsplatz finden.

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MINT-Herbstreport 2016
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