Nach heutigen Werten arbeiten wir 2041 eigentlich bis 73 Image
Ein stabiler Beitragssatz und ein stabiles Rentenniveau sind nur mit einer steigenden Regelaltersgrenze zu haben. Foto: Halfpoint/iStock

Die gesetzliche Rentenversicherung ist als Umlageverfahren konzipiert – alle Beiträge fließen direkt in die Rentenauszahlung, verteilt werden kann immer nur das, was eingezahlt wird. Die Bevölkerungsalterung bringt es nun mit sich, dass immer mehr Rentner immer weniger Beitragszahlern gegenüberstehen. Ein Umlageverfahren kann darauf nur mit drei Stellschrauben reagieren: Werden die individuellen Beiträge nicht verändert, wird bei weniger Beitragszahlern der Topf der Rentenversicherung automatisch kleiner, die Renten müssen insgesamt sinken. In diesem Fall tragen die Rentner die Auswirkungen der Bevölkerungsalterung. Sollen umgekehrt die Rentenzahlungen unverändert bleiben, müssen die individuellen Beiträge erhöht werden. Dann werden alle Beitragszahler mit höheren Kosten belastet. Eine dritte Möglichkeit besteht darin, das Renteneintrittsalter so stark zu erhöhen, dass das Größenverhältnis zwischen der Gruppe der Beitragszahler und derjenigen der Rentner konstant bleibt.

Zu Letzterem lässt sich ein Gedankenexperiment durchführen: Anhand der aktuellen Bevölkerungsprognose des Statistischen Bundesamtes kann mit einer einfachen Rechnung herausgestellt werden, wie stark in Deutschland das Renteneintrittsalter steigen müsste, sollte nur diese eine Stellschraube genutzt werden. Das Ergebnis verdeutlicht das Problem, das die Bevölkerungsalterung mit sich bringt: Das Renteneintrittsalter müsste 2035 bereits bei 71 Jahren liegen, ab 2041 dann bei 73 Jahren. Diese Rechnung ist zwar stark vereinfacht. Sie verdeutlicht aber, dass die Bevölkerungsalterung keinen großen politischen Handlungsspielraum lässt. Klar ist: Stabiler Beitragssatz, stabiles Rentenniveau und stabile Regelaltersgrenze sind nicht gleichzeitig zu haben.

Es ist notwendig, die Regelaltersgrenze weiter anzuheben

Diese drei Stellschrauben können aber auch kombiniert werden. Prinzipiell ist dies durch die Rentenreformen der letzten Jahre bereits verwirklicht – mit der großen Ausnahme der Rente mit 63. Denn grundsätzlich wirkt sich durch die Art der Berechnung der Renten eine zunehmende Rentnerzahl nicht ausschließlich auf die Beitragszahler aus. Steigen die Ausgaben der gesetzlichen Rentenversicherung stärker als die Einnahmen, steigt nicht nur der Beitragssatz, sondern es kommt über die Rentenanpassungsformel auch dazu, dass das Rentenniveau sinkt. Gleichzeitig wird durch die schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre die automatische Anpassung von Beitragssatz sowie Rentenniveau gedämpft – beides müsste sonst in Zukunft noch stärker ausfallen.

Deutlich wird an dieser Stelle, dass die in Politik und Wissenschaft wiederholt geführte Diskussion um eine weitere Erhöhung der Regelaltersgrenze nicht aus der Luft gegriffen ist, sondern nur der Logik des bisherigen Anpassungsmechanismus folgt. Denn schreitet die Bevölkerungsalterung wie prognostiziert fort, ist dies nur ein folgerichtiger Schritt, sollen eben nicht ausschließlich Beitragssatz und Rentenniveau variiert werden. Einige Staaten wie Italien und Dänemark sind schon weiter: Hier wird die Regelaltersgrenze in Zukunft automatisch bei einer steigenden Lebenserwartung angehoben. Das Thema sollte auch in Deutschland kein Tabu sein.

Zum Gastbeitrag auf xing.com

IW-Kurzbericht

Susanna Kochskämper: Gesetzliche Rentenversicherung – Wie lange arbeiten für ein gesetzliches Rentenniveau?

IconDownload | PDF

Ansprechpartner

Veranstaltung
Veranstaltung, 10. November 2016

Berliner Gespräche Herbsttagung 2016 Reform der Alterssicherung im demografischen Wandel – Aufgaben für die nächste LegislaturperiodeArrow

Das Jahr 2017 steht im Zeichen der Bundestagswahl, deren Ausgang auch für die Alterssicherung richtungsweisend sein kann. Denn die nächste Legislaturperiode wird die letzte sein, bevor die Baby-Boomer nach und nach in den Ruhestand wechseln. Noch besteht die Möglichkeit, den Ausgleich zwischen den Generationen zu tarieren, doch es ist Eile geboten. mehr

Ein einheitliches Rentenrecht für Ost und West
IW-Kurzbericht, 9. September 2016

Susanna Kochskämper Ein einheitliches Rentenrecht für Ost und WestArrow

Mehr als 25 Jahre nach der Wiedervereinigung ist das deutsche Rentenrecht immer noch geteilt. Die gesetzlichen Renten werden für Ost- und Westdeutschland unterschiedlich berechnet. Doch die ursprüngliche Begründung der um ein Vielfaches niedrigeren Löhne im Osten kann heute nicht mehr überzeugen. mehr

Altersarmut
IW-Nachricht, 23. August 2016

Altersarmut Die Jungen in den Blick nehmenArrow

Ob und wie stark die Armutsgefährdung im Alter steigen wird, ist keineswegs ausgemacht. Sicher ist aber, dass ein höheres Rentenniveau nur auf Kosten der Kinder und Enkel zu finanzieren ist – ohne dass sich damit Altersarmut treffsicher verhindern lässt. mehr