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Wir sind die 99 Prozent - bei den Occupy Wallstreet-Protesten 2011 protestiert diese Frau in den USA gegen die wachsende Ungleichheit zwischen Arm und Reich. Deutschlands Mittelschicht ist aber weit stabiler als die amerikanische. Foto: winkelair/iStock

Die Skandalisierung unserer gesellschaftlichen Bedingungen hat Konjunktur. Erst wurde – so von DIW-Chef Marcel Fratzscher – behauptet: "Deutschlands soziale Marktwirtschaft existiert nicht mehr. In der deutschen Marktwirtschaft wird mit gezinkten Karten gespielt." Nun hat das DIW nachgelegt, "das Schwinden der Mittelschicht" propagiert und der deutschen Gesellschaft, trotz der mittlerweile um einen Rechenfehler korrigierten Zahlen, "amerikanische Verhältnisse" prophezeit.

Die DIW-Studie zieht einen großen zeitlichen Bogen, ohne angemessen die historischen Brüche zu reflektieren. Seit 1983 ist die Mittelschicht von, nach der Korrektur des DIW, 69 auf 61 Prozent geschrumpft. OK. Doch was sagt dies, bedenkt man nur den Fall des Eisernen Vorhangs, die danach einsetzende Globalisierung und die Weltfinanzkrise 2009?

Die Tatsache, dass die Mittelschicht seit 2005 nicht mehr schrumpft, ist angesichts dieser makroökonomischen Schocks höchst erstaunlich. Gerade diese Dekade hat die soziale Marktwirtschaft wieder erlebbar gemacht: Die Beschäftigung und das Arbeitsvolumen steigen seitdem fortlaufend, und zwar mit einem hohen Anteil sozialversicherungspflichtiger Jobs sowie einem zunächst stabilen, zuletzt sinkenden Befristungsanteil. Der Niedriglohnsektor, der von 1997 bis 2005 an Bedeutung gewonnen hatte, stagniert seitdem; heute gibt es rund 100.000 geringfügig Beschäftigte weniger als 2004.

Die behauptete Nähe unserer Verteilungssituation zu den USA widerlegt die kürzlich vom DIW veröffentliche Korrektur ihrer Studie selbst: Mit nur 50 Prozent stellt die amerikanische Mittelschicht einen elf Prozentpunkte kleineren Teil der Bevölkerung dar als in Deutschland. Diesen Befund bestätigen sowohl OECD, die für Deutschland eine deutlich gleichmäßigere Verteilung ermitteln, als auch ein Blick auf die Lohnverteilung. Das Verhältnis zwischen dem unteren und oberen zehn Prozent der Lohnverteilung beträgt 5,1 in den USA, bei uns 3,4. Grundsätzlich ist die Ungleichheit der Markteinkommen in der sozialen Marktwirtschaft kein Problem, wenn die Wettbewerbspolitik Marktmacht bekämpft und Marktpositionen bestreitbar sind. Entscheidend ist, dass durch die Steuerpolitik und die Verteilungspolitik die Nettoeinkommensverteilung gleicher wird. Deutschland liegt hier besser als der Durchschnitt der OECD-Staaten.

Zu klären bleibt, warum der Beschäftigungsaufbau der letzten Dekade die Mittelschicht nicht wieder vergrößert hat. Ab 2005 gelang es erstmals seit drei Jahrzehnten, die Langzeitarbeitslosigkeit spürbar zu reduzieren. Der Wiedereinstieg in Arbeit eröffnet aber noch keine Perspektive stabiler Einkommensexpansion. Zudem gilt, dass die Folgen der Weltfinanzkrise über Arbeitslosigkeit und niedrigere Lohnzuwächse hauptsächlich in der Industrie zu tragen waren, wo im Durchschnitt höhere Einkommen erzielt werden.

Auch der Strukturwandel wirkt: Seit der Jahrtausendwende haben sich die Ansprüche an die Beschäftigten erhöht. Der technische Fortschritt ermöglicht steigende Produktivität, verlangt aber zu deren Realisierung mehr Wissen und Kompetenzen. Zugleich haben die haushaltsnahen Dienstleistungen an Bedeutung gewonnen, deren Einkommen eher unterdurchschnittlich steigen. Aus all dem folgt: Der Beschäftigungsaufbau muss konsequent unterstützt, aber durch Bildung, Ausbildung und Weiterbildung begleitet werden, um die Aufstiegschancen ebenso zu stärken wie die Einstiegschancen in Arbeit. Dass wir dabei noch Potenzial haben, bringt uns aber noch keine amerikanischen Verhältnisse.

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