Michael Hüther in der Welt Image
Quelle: IW Köln

Für die deutsche Wirtschaft stehen die Ampeln auf Grün. Der gute Start ins Jahr spiegelt sich in einer fast euphorischen Stimmung. Export, Konsum und selbst die Investitionen versprechen eine kräftigere Konjunktur. Die Prognosen für den durchschnittlichen Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts bewegen sich zwischen 1,5 und 2,0 Prozent, der Arbeitsmarkt bleibt robust und der Staatshaushalt im grünen Bereich. In der Staatsschuldenkrise sind die Anpassungen der Krisenländer vorangekommen, so dass für die EU als Ganzes ein Zuwachs von gut ein Prozent erwartet wird. Kurzum: Die Lage ist gut. Doch der Blick nach vorne wirft auch Fragen auf. Denn die positive Lageeinschätzung kontrastiert mit den zurückhaltenden Erwartungen für die Weltwirtschaft und der unverändert zögerlichen Haltung bei Inlandsinvestitionen. Welche technologischen Neuerungen, politischen Lösungen oder institutionellen Innovationen nähren die Vorstellung eines anhaltenden Aufschwungs?

Seit der Jahrtausendwende wurde die Weltwirtschaft durch einen Investitionsboom in den Schwellen- und Entwicklungsländern geprägt. Lagen im Jahr 2000 die Bruttoanlageinvestitionen dieser Volkswirtschaften noch bei knapp einem Drittel des Wertes der fortgeschrittenen Ökonomien, so übernahmen sie 2012 hierbei die Spitzenposition. Seit der Weltwirtschaftskrise mehren sich aber Zweifel an der Dynamik: Für China, Indien und Brasilien ist der langfristige Trend der Frühindikatoren negativ.

In Europa ist die Staatsschulden- und Bankenkrise nicht vorbei. Aber die Phase der Eskalation und damit des politischen Krisenmanagements liegt deutlich hinter uns. Allerdings driftet Europa ökonomisch zweifach auseinander: Einerseits sind die Finanzsysteme immer noch stark fragmentiert, vor allem bei der Finanzierung. Die geldpolitischen Instrumente zur Linderung dieses Problems sind ausgereizt, nun muss es um die mühsame Bereinigung der Bankbilanzen in den Krisenstaaten gehen.

Andererseits hat sich seit der Wirtschaftskrise die realwirtschaftliche Konvergenz in Europa nicht mehr fortgesetzt, im Gegenteil: Die Pro-Kopf-Einkommen divergieren erstmals anhaltend seit über 60 Jahren. Ursächlich sind die sich immer stärker ausprägenden Unterschiede in den nationalen Wirtschaftsstrukturen. In weiten Teilen Europas beobachten wir eine starke De-Industrialisierung, während sich die industriellen Kerne und Cluster in Mitteleuropa bündeln. Das von EU-Kommissar Tajani formulierte Ziel, den Industrieanteil in Europa von heute kann 16 auf 20 Prozent zu erhöhen, ist angesichts dessen ambitioniert und keinesfalls ein Selbstläufer.

Der Schlüssel zum Erfolg kann nur in Besonderheiten Europas liegen, genauer in dem Industrie-Dienstleistungsverbund, der in den USA kaum existiert und in China völlig fehlt. Damit ergeben sich Möglichkeiten für kundendifferenzierte Lösungen und die Beherrschung von Marktnischen, zugleich aber begründen solche hybriden Wertschöpfungsmuster Hoffnungen auf Erfolge in der allenfalls am Anfang stehenden Industrie 4.0. Durch den direkten Datenaustausch und die Vernetzung zwischen Hersteller und Kunden wird die Wertschöpfungskette durchgängig digitalisiert. Das eröffnet Effizienzgewinne und begründet neue Angebote für nachgelagerte Dienste.

Deutschland steht dafür strukturell gut dar, allerdings ist die Aussicht auf Erfolg an zweifelhafte Voraussetzungen gebunden. Denn die für Industrie 4.0 zentrale Breitbandversorgung entspricht nicht dem Niveau eines Industrielandes. Das Fehlen marktprägender Internet-Innovationen aus Deutschland begründet sogar die Gefahr, dass diese industrielle Revolution durch die Digitalwirtschaft und nicht durch die Industrie gesteuert wird. Dagegen kann angeführt werden, dass der durch differenzierte Lösungen und inkrementelle Innovationen charakterisierte Industrie-Dienstleistungsverbund nicht so einfach durch skalierungsträchtige Internet-Geschäftsmodelle übernommen werden kann.

Jedenfalls liegt in der innovativen Industrie 4.0 jene Fantasie, die dem Aufschwung nachhaltig Kraft geben könnte. Um diese Kraft zu mobilisieren, benötigt Deutschland allerdings eine Investitionsoffensive in der Infrastruktur sowie in Bildung und Forschung. Das Programm der Bundesregierung spricht indes eine andere Sprache.

Zum Gastbeitrag auf der Website der Welt

Ansprechpartner

28. September 2016

Industriestruktur Starke M+E-IndustrieArrow

Die Metall- und Elektro-Industrie ist das Herz des Verarbeitenden Gewerbes in Deutschland. Über 3,9 Millionen Mitarbeiter erwirtschafteten dort – einschließlich Stahlerzeugung – 2015 einen Umsatz von etwa 1,1 Billionen Euro. Damit stellt die M+E-Industrie 65 Prozent aller Industriebeschäftigten und vereint 63 Prozent der Industrieumsätze auf sich. mehr auf iwd.de

27. September 2016

Weiterbildung E-Learning – Die Zukunft des LernensArrow

Die Digitalisierung der Arbeitswelt macht die permanente Weiterbildung in den Unternehmen unabdingbar. Sie eröffnet aber auch neue Formen der Wissensvermittlung – beispielsweise das E-Learning, also das Lehren und Lernen mittels elektronischer Medien. mehr auf iwd.de