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Die Reife einer Gesellschaft erweist sich auch daran, wie sie mit Krisen umzugehen in der Lage ist. Ökonomisch betrachtet ist in den vergangenen fünf Jahren Deutschland gut zurechtgekommen. Politisch war die Krisenbewältigung zwar weitgehend angemessen, doch es fehlt jede vorwärtsgerichtete Agenda zur Weiterentwicklung der ökonomischen Grundlagen des Erfolgs. Gesellschaftlich hat die Krise tief greifende Spuren hinterlassen, indem nicht nur die üblichen Kritiker der Marktwirtschaft auf den Plan gerufen wurden, sondern weite Kreise des bürgerlichen Diskurses durch Zweifel an der Wirtschaftsordnung geprägt sind.

Die Tatsache, dass sich die Koordinaten des politischen Spektrums konsequent nach links verschoben haben, kann nicht nur durch die Art unseres Parteienwettbewerbs erklärt werden. Dafür ist letztlich die dominante gesellschaftliche Haltung die Ursache. Die hohe Gewichtung sozialer Sicherheit und sozialer Gerechtigkeit, das hohe Maß an rückwärtsgewandter ideologischer Aufladung in den programmatischen Aussagen aller Parteien für die Bundestagswahl reflektiert insofern die allgemeine Stimmungslage, aber ebenso die Unfähigkeit und den Unwillen der Politik, Führung im Zeichen der praktischen Vernunft zu übernehmen. Dafür wären die Lektionen des vergangenen Jahrzehnts heranzuziehen. Es gibt keine überzeugenden Einwände gegen den Befund, dass sich die Anstrengungen der Reformpolitik des Staates und der Beschäftigungsorientierung der Lohnpolitik gelohnt haben.

Doch im Mittelpunkt der Diskussion steht die Krise nicht als Lektion, sondern als Katastrophe, und zwar als gesellschaftliche Katastrophe, die ihre Ursache in einem Wirtschaftssystem habe, das sich den Maßstäben der Menschlichkeit entrückt habe und alle Lebenszusammenhänge mit einem geheiligten Eigennutz codiere. Um eine solche Einschätzung zu begründen, genügen die Presseberichte über die Manipulationen des Interbankenzinses am Finanzplatz London. Der Eindruck, hier sei mit System kriminell gehandelt worden, führt zu der These, das ganze System des Kapitalismus sei fehljustiert.

Die in der Krise aufscheinende Tatsache, dass auch Grundwerte des gesellschaftlichen Miteinanders gefährdet sind, erklärt nicht unähnlich der Situation nach 1900, dass Überdruss statt Bejahung, Weltschmerz statt Lernwillen und Endzeitstimmung statt Aufbruchsstimmung den Blick auf unsere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung bestimmen. „Fin du capitalisme“ statt „fin de siècle“? Angesichts diffuser Zukunftsangst und wabernder Systemkritik kann man die Frage nicht in das Reich der Träumerei verweisen. Jedenfalls bedarf es einer Hinwendung zu dieser Debatte gerade auch durch jene, die sich der marktwirtschaftlichen Ordnung ebenso verpflichtet fühlen wie der freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft.

Erstaunlicherweise finden entsprechende Erörterungen in der Ökonomik kaum statt. Das Schlimme am Zustand des Faches ist nicht nur der weitgehende Verzicht auf historische Analyse und ethische Reflexion, sondern die Versäulung der Teildiskurse. Man redet wenig bis gar nicht miteinander. Und natürlich hat die neoklassische Finanzmarkttheorie mit ihrer mathematischen Eleganz, der Vernachlässigung von Institutionen sowie von Informationsproblemen eine Effizienzeuphorie befördert, die ihren Niederschlag in der Realität der Finanzmärkte und dem Handeln der Akteure gefunden hat. Doch was heißt dies für die Wirtschaftsordnung? Tragen jene Irrungen und Wirrungen der Ökonomik das Verdikt über den Kapitalismus?

Nur dann, wenn Unternehmen und ihre Beschäftigten zu Vollzugsorganen des Marktes degradiert wären und keine Spielräume für ein Handeln auf eigene Verantwortung bestünden. Dann könnte die These von Schirrmacher überzeugen, dass die Amoralität der Ökonomik die Unmoral der Märkte und jedes Einzelnen bedinge. Doch so ist es nicht. Unvollständige Regulierungen, Marktunvollkommenheiten sowie unvollständige Verträge eröffnen in unserer Wirtschaftsordnung unweigerlich auf vielfältige Weise diskretionäre Handlungsspielräume. Es geht deshalb für jeden Einzelnen gerade nicht um bloßes Funktionieren, sondern um verantwortetes Handeln als Ausdruck der Einzigartigkeit des Menschen.

Solches Funktionieren – ob als Folge unternehmerischer Vorgaben oder als Folge individuellen Ergebniszwangs – konnten wir an den Kapitalmärkten beobachten. Es war ein Testat für die fehlende „reflektierende Urteilskraft“ vieler Akteure. Diese zielt auf die Befähigung des Einzelnen, in seinen Handlungsbezügen zu Entscheidungen zu gelangen, die nicht in Widerspruch zu den elementaren Werten der Gesellschaft stehen und so den Gemeinsinn zum Ausdruck bringen. David Hume hat mit dem „common sense of interest“ in seinem „Treatise of Human Nature“ (1739/40) trefflich formuliert, worum es einer vom Individuum her gedachten und legitimierten Gesellschaft gehen muss. Diese gemeinsame und gegenseitige Interessenbekundung lebt von der Erfahrung, dass die Kooperation, das Einlassen auf Konventionen und die Akzeptanz von Verfahrensregeln den Einzelnen besserstellen und so in seinem ureigenen Interesse liegen. Gesellschaften beruhen auf der Bereitschaft zur Kooperation, sie verschaffen Sicherheit und geben Raum für Entwicklung, sie stabilisieren Beziehungen und bündeln Kräfte.

Trotz zunehmender Komplexität und Anonymität unserer Gesellschaft gelingt dies unverändert. Deutschland zerfällt nicht in Einzelgruppen und wird nicht von einem geheiligten Eigennutz zerfressen. Krisen unter den Bedingungen der Freiheit sind keine Katastrophen. Sie läuten auch nicht das Ende einer Epoche ein, also kein „fin du capitalisme“. Das heißt nicht, dass alles bleiben kann, wie es ist. Doch das ist das Wesen der Freiheit, sie fordert die Bedingungen ihrer Absicherung immer wieder neu ein. Irrungen und Wirrungen werden durch Krisen bereinigt, gänzlich zu vermeiden sind sie indes nicht. Das hat aber nichts mit Verschwörung zu tun, sondern mit der Innovationskraft der spontanen Ordnung. Das sollten reife Gesellschaften aushalten, ohne die Kraft zur praktischen Vernunft zu verlieren.

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