Vertrauensgut Bankgeschäft Image
Quelle: AlexanderNovikov Fotolia

Der Blick auf die Banken erinnert uns daran, dass die globale Finanzkrise noch nicht vorbei ist. Banken sind gleichermaßen Verursacher, Akteure und Betroffene dieser Krise. Das Maß an Vernetzung der Bankbilanzen war ebenso neu wie das Versagen der neuen Techniken des Risikomanagements, die mit "Basel II" eingeführt wurden, überraschend. Die Einschätzung einer höheren Robustheit der Banken infolge einer effizienteren Streuung und einer optimierten Steuerung der Risiken erwies sich als Illusion. Der Vertrauensverlust ist kolossal.

Diese Befunde spiegeln sich in einer Welle der Regulierung, mit der versucht wird, das systemische Risiko aus der Vernetzung einzuhegen und die exzessive Übernahme von Risiken einzuschränken. Deshalb wird zum einen die Trennung des klassischen Privatkundengeschäfts vom Investmentbanking propagiert, um Banken insgesamt stabiler, gezielter abwicklungsfähig und vertrauenswürdiger zu machen. Zum anderen geht es um eine Stärkung des Eigenkapitals und den Schutz des Steuerzahlers vor etwaigen Restrukturierungskosten.

Trotz dieser Re-Regulierung, die schon greift oder ihre Schatten vorauswirft, und trotz des Bemühens der Banken, Geschäftsmodelle zu überprüfen, Bilanzen zu verkürzen und operative Erträge zu verbessern, dominiert der Eindruck, elementare Bankfunktionen seien gestört. Drei europäische Initiativen gründen auf dieser Sorge und ziehen denselben Schluss: Statt die Finanzintermediation durch Banken zu revitalisieren, um das Zusammenfinden von Kreditangebot und -nachfrage zu verbessern und dabei die Regulierung auf kontraproduktive Wirkungen zu überprüfen, wird nach Umgehungslösungen gesucht.

Hierunter fällt aktuell das Juncker-Programm zur Mobilisierung privater Investitionen in der Euro-Zone. Die Liquidität, die bei Finanzinstitutionen, Unternehmen und Sparern liegt, gelange "nicht so effizient und schnell in die Realwirtschaft …, wie sie sollte", analysiert die Kommission. Ihre Antwort auf dieses so gedeutete "Marktversagen" liegt in staatlichen Kreditgarantien. Öffentlich-rechtliche Förderbanken treten an die Stelle der Geschäftsbanken.

Eine Umgehungslösung ist auch das Grünbuch der EU-Kommission zur Langfristfinanzierung aus dem Jahr 2013. Anstatt unbeabsichtigte Wirkungen der Liquiditätsregulierung zu thematisieren, die sich aus den damit verbundenen Kosten für die Bereitstellung von Bankkrediten mit einer Laufzeit von über vier Jahren ergeben, wird gefragt, ob nicht Kreditfonds, Versicherungen, Crowdfunding und sonstige alternative Vehikel das Geschäft übernehmen können - Institutionen, die nicht auf das langfristige Kreditgeschäft spezialisiert und sehr anfällig für unerwarteten, abrupten Einlagenabzug sind.

Auch das Kommissions-Grünbuch zur Kapitalmarktunion aus diesem Frühjahr zielt eher auf Umgehung: Grundlegend sind hier Befunde, wonach die Intermediation über Banken gestört ist und in Europa die Unternehmensfinanzierung traditionell in hohem Maße von Banken abhängt, was zwar für Stabilität sorge, aber auch einen Verzicht auf die effiziente Nutzung des Kapitalangebots begründe. Daraus wird die Notwendigkeit abgeleitet, die Kapitalmarktfinanzierung zu stärken und insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen attraktiv zu machen.

Zugespitzt lässt sich aus all diesen Versuchen die Einschätzung ableiten, dass Banken zwar nicht überflüssig sind, aber vor einem spürbaren Funktionsverlust stehen. Die Gefahr der Regulierungsarbitrage und des Kompetenzverlusts infolge des Ausweichens auf Schattenbanken - wie die aktuell propagierten Kreditfonds - wird von den Initiatoren erstaunlicherweise nicht thematisiert. Speziell an der Kapitalmarktunion irritiert deren Positionierung als Ersatz für die traditionelle Finanzierung über Banken.

Dabei haben Banken doch bei hohen endogenen, unternehmensspezifischen Risiken aufgrund ihrer speziellen, langjährigen Kenntnisse des Kunden und seines Marktes grundsätzlich einen besonderen Informationsvorteil. Dies gilt analog bei standardisierten, weitgehend transparenten Risiken für die Kapitalmärkte, wenn die Marktpreise alle relevanten Informationen liefern. Der hybride Markt für Verbriefungen, durch die Bankprodukte zu Marktprodukten werden, überbrückt nicht nur die klassische Dichotomie, sondern eröffnet - bei richtiger Nutzung - die Chance einer insgesamt effizienteren Nutzung des vorhandenen Kapitals.

Unabhängig von dieser grundsätzlichen Perspektive stehen die Banken durch die ultraexpansive Geldpolitik unter Druck. Dabei befindet sich der Nettozinsertrag - bezogen auf die Bilanzsumme - bereits seit längerem im Sinkflug, was den Drang in das Provisionsgeschäft befördert hat.

Nun aber verliert die Fristentransformation mit anderer Qualität ihren Boden, neue Einlagen werden mit Negativzinsen beantwortet, um dem Überangebot an Einlagen zu begegnen. Der Abbau der Kreditbestände bei Unternehmen und Staaten reduziert die Geschäftsoptionen. Zusammen mit den einmaligen und laufenden Regulierungskosten sowie den Rechtskosten für Verfehlungen der Vergangenheit entsteht so eine Überspannung aus sinkender Eigenkapitalrendite und dem Druck, das Eigenkapital zu erhöhen.

War die Eigenkapitalrendite großer Banken vor der Krise deutlich zweistellig, so liegt sie derzeit in Europa überwiegend bei drei bis fünf Prozent. Die aktuell guten Erträge beruhen auf dem wenig nachhaltigen Kapitalmarktgeschäft. Die Erfahrung Japans mit fundamental flacher Zinsstrukturkurve zeigt, dass eine Antwort in der Konsolidierung des Bankensektors, massiven Kostensenkungen und einer Fokussierung auf das Provisionsgeschäft liegt. Verschärft belastet heute die Digitalisierung, die enorme Investitionen in die Abwicklungssysteme und Onlineangebote verursacht, die traditionelle Vertriebsstrukturen in Zweifel zieht, ohne vollends überzeugende Lösungen dafür zu bieten, wie man das Vertrauensgut Bankgeschäft angemessen sichern kann.

Entscheidend wird sein, dass die Banken im Kreditgeschäft ihre spezifischen Informations- und Kontrollvorteile aus stabilen Kundenbeziehungen in den Mittelpunkt rücken und die Kosten in den Griff bekommen. Das schließt kein Geschäftsfeld per se aus, markiert aber eine Trennlinie zum standardisierten Mengengeschäft, das entweder mit großer Effizienz und plattformgestützt bewältigt wird oder anderen Akteuren wie Google, Paypal, Amazon und Fintechs anheimfallen wird. Zugleich verlieren selbstbezügliche Finanzprodukte ihre Berechtigung, die das zentrale Problem der Finanzintermediation - asymmetrische Informationsverteilung zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer - nicht lindern.

Gerade Banken, deren Größe systemische Qualität hat, müssen Mehrwert nicht nur für ihre Aktionäre schaffen, sondern erkennbar für die Gesellschaft. Dies ist freilich kein Widerspruch. Denn wenn nicht deutlich wird, dass Banken als zentrale Bausteine der finanziellen Infrastruktur gesellschaftlich relevante Probleme lösen, erlischt die implizite Betriebserlaubnis seitens der Bürger. Und die virtuell globale Bank ohne Standortbindung wird es nicht geben. Die Akzeptanz nutzerfreundlicher alternativer Angebote auf der Oberfläche des Smartphones bereitet dann den Boden für eine generelle Abwendung von Banken.

Nun wurde die Zukunft der Banken schon oft düster beschrieben, die Bedrohung durch die Digitalisierung betont. Aber der Loyalitätsbruch zwischen Bürgern und Banken infolge der Finanzkrise sitzt tief. Die Kunden sind anspruchsvoller und kritischer als früher, das Verständnis für die volkswirtschaftliche Bedeutung der Banken - zumal für eine Exportnation - schwindet.

Noch jedenfalls dürfen Banken in Europa Geld schöpfen. Doch generelle Funktionszweifel haben in Island und der Schweiz die alte Idee des Vollgeldes politisch reanimiert, die in den 1930er-Jahren als "Chicago-Plan" firmierte und vor drei Jahren von Ökonomen des IWF analysiert wurde. Dann müssten Kredite vollständig durch Zentralbankgeld gedeckt sein. Die Notenbank hätte umfassend das Monopol der Geldschöpfung und würde noch machtvoller.

Will man das nicht, dann muss die bestehende implizite Garantie für das Bankensystem glaubwürdig durch die Option der Restrukturierung und Abwicklung justiert werden. Die Bankenunion ist hier entscheidend. Die europäische Politik muss sich erklären, ob sie mit oder ohne Banken in die Zukunft gehen will. Umgehungslösungen tragen nicht.

Ansprechpartner

Why the ECB is not to blame for low interest rates
Gastbeitrag, 15. September 2016

Markus Demary auf EUROPP Why the ECB is not to blame for low interest ratesArrow

In the latest set of EU stress tests, several German lenders performed poorly. As Markus Demary writes in EUROPP (Blog of LSE about European Politics and Policy), some of this performance has been blamed on low interest rates squeezing the profitability of lenders. He argues that while the ECB has frequently been blamed for this situation, the reality is more complex and instead reflects long-term trends which can only be addressed by lasting structural reforms. mehr

Brexit-Folgen
IW-Pressemitteilung, 11. August 2016

Brexit-Folgen Main schlägt SeineArrow

Frankfurt, Paris, Dublin oder doch Luxemburg? Seit dem britischen Votum diskutieren Politik, Medien und Wirtschaft darüber, welche Finanzstandorte vom Brexit profitieren könnten. Eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zeigt: Vieles spricht für Frankfurt. mehr