Kredite in der Klemme Image
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Zwei Positionen sind politisch nahezu unbestritten: Die Regulierung der "ungebändigten" Finanzmärkte ist geboten, der industrielle Antrieb der deutschen Volkswirtschaft ist zu stärken. Einerseits sollen Risiken fundamental begrenzt, andererseits soll die Grundlage unseres Wohlstands gesichert werden. So weit, so gut. Doch die Frage nach dem Zusammenwirken beider Handlungsstränge wird wenig gestellt. Selbst in der Industrie begnügt man sich zumeist mit der vagen Hoffnung, ein stabiles, krisenresistentes Finanzsystem sei das Beste für die Produktion "echter Werte".

Damit verbinden sich zwei Illusionen: zum einen die Einschätzung, dass durch eine angemessene Regulierung Krisen grundsätzlich zu vermeiden sind, zum anderen die Erwartung, dass ebendiese Regulierung für die notwendige finanzielle Begleitung industriellen Strukturwandels sorge. Warnend ist an die Regulierungseuphorie auf dem Weg zu den Kapitalvorschriften für Banken (Basel II) zu erinnern. Die Aussicht auf eine risikodifferenzierende Eigenkapitalunterlegung des Bankgeschäfts wurde überwiegend als Optimierung bewertet.

Angesichts der Innovationskraft und der hohen Dynamik international vernetzter Finanzsysteme sind Regulierungen indes nur befristet effektiv. Es bedarf von Zeit zu Zeit der Nach- und Neujustierung des Regelwerks, vor allem aber einer unabhängigen und starken Finanzaufsicht, die im Einzelfall einzugreifen vermag. Diese ernüchternde Aussage warnt vor Regulierungseuphorie und davor, in ambitionierter Feinarbeit ein übertechnisiertes Regulierungskorsett zu entwickeln, das sein Versprechen nicht einhalten, aber Schaden verursachen kann.

Unzureichend gewürdigt wird bislang die Bedrohung, die sich aus den neuen Liquiditätsvorschriften nach Basel III für die Kultur der Unternehmensfinanzierung speziell in Deutschland ableiten lässt. Unsere Industrie ist erfolgreich, weil es ihr besonders durch die Kombination mit Dienstleistungen gelingt, kundendifferenzierte Lösungen anzubieten. Kosteneffizienz und Innovationsleistung sind gleichermaßen gefordert, der Druck auf Forschung und Entwicklung steigt. Der Kreditnehmer verfügt in einer solchen komplexen Ausgangslage über ungleich mehr Informationen als sein Geldgeber. In Deutschland finanzieren deshalb oft Banken die notwendigen Investitionen.

Das Problem der asymmetrischen Information kann besser adressiert werden, weil aus einer Hausbankbeziehung tiefe Kenntnisse über den Kreditnehmer, sein Unternehmen und seinen Markt verfügbar sind. Innovationen erhöhen die Kosten der Informationsbeschaffung, zugleich verlangen sie nach einer intensiven Überwachung der Finanzierung während der Laufzeit. Über Unternehmensanleihen sind entsprechende Finanzierungen - anders als beim langfristigen Kredit - schwierig, weil sie sich der Standardisierung entziehen.

Basel III erschwert durch die Liquiditätsvorschriften künftig (ab 2015 und verstärkt ab 2018) den langfristigen Unternehmenskredit. So soll die kurzfristige Zahlungsunfähigkeit einer Bank durch erstklassige und hochliquide Aktiva gedeckt sein; das Prolongationsrisiko soll durch einen Mindestbetrag an langfristigen Mitteln begrenzt werden. Die Fristentransformation, also die Nutzung kurzfristiger Einlagen zur Finanzierung langfristiger Aktiva, wird dadurch erheblich tangiert: So ist zu erwarten, dass der Wettbewerb um stabile Spareinlagen und langfristige Termineinlagen zunimmt, mit der Folge einer attraktiveren Einlagenverzinsung, und dass vermehrt langfristige besicherte Bankanleihen emittiert werden.

Im Ergebnis werden die Kreditkosten steigen und vor allem die Kreditvolumina sinken. Derzeit wird diese Gefahr durch das krisen- und geldpolitisch bedingte Niedrigzinsumfeld getarnt. Mit einer Genesung der Euro-Zone und einer Normalisierung der Zinsen werden die Regulierungseffekte jedoch sichtbar werden. Ob mezzanine (Misch-)Finanzierungen oder Beteiligungskapital die Lücke füllen können, ist fraglich. Um den langfristigen Unternehmenskredit zu sichern, könnten die Liquiditätsvorschriften durch ambitioniertere Eigenkapitalforderungen, sinnvollerweise über wandelbares Fremdkapital, abgeschwächt werden. Das sollte ausreichen, um die Risikopolitik der Banken einzuhegen.

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Europäische Bankenunion
IW-Nachricht, 8. November 2016

Europäische Bankenunion Noch viele BaustellenArrow

Die europäische Bankenunion soll den Euro krisenfest machen, denn die Währungsunion ist anfällig für einen Teufelskreis aus Banken- und Staatsschuldenkrise. In dieser Woche wurden deren Vertreterinnen vor der Eurogruppe in Brüssel angehört und es zeigt sich, dass noch viel zu tun ist. Dabei sollte die Reduzierung der Staatsschulden und der notleidenden Kredite in den Bankbilanzen höchste Priorität haben. mehr

Schadet die EZB-Geldpolitik mehr, als sie nützt?
Gastbeitrag, 19. Oktober 2016

Michael Hüther im Magazin Positionen Schadet die EZB-Geldpolitik mehr, als sie nützt?Arrow

Die Europäische Zentralbank will die Wirtschaft ankurbeln, indem sie die Zinsen gen null drückt: Sparen allein lohnt nicht mehr – wer sein Geld mehren will, muss investieren. Aber sorgt dieser Gedanke tatsächlich für den angestrebten Effekt? Diese Frage ergründet IW-Direktor in einem Gastbeitrag für Positionen, das Magazin der deutschen Versicherer. mehr