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Heinrich August Winkler Quelle: Wikimedia

Zu den derzeit politisch wie öffentlich am schärfsten geführten Debatten gehört die über das Transatlantische Handels- und Investitionsabkommen (TTIP). Jenseits aller ökonomischen Argumente wird von den Befürwortern darauf verwiesen, dass mit diesem Projekt sich zwei Wirtschaftsräume verbinden, die gleiche Werte teilen und ein hohes Maß an gemeinsamer historisch-kultureller Prägung aufweisen. Fragt man nach den dahinter stehenden Fakten, Argumenten und historischen Einordnungen, dann bietet sich Heinrich August Winklers Opus "Geschichte des Westens" an, deren letzter, vierter Band über "Die Zeit der Gegenwart" soeben erschienen ist.

Winkler offeriert ein historiografisches Werk, das den transatlantischen Raum in der nördlichen Hemisphäre durch ein normatives Projekt konstituiert sieht, und zwar das "der Amerikanischen Revolution 1776 und der Französischen Revolution 1789 in Gestalt der unveräußerlichen Menschenrechte, der Herrschaft des Rechts, der Gewaltenteilung, der Volkssouveränität und der repräsentativen Demokratie". Es ist eine offene, noch lange nicht auserzählte Geschichte, denn "die subversive Kraft der Ideen von 1776 und 1789 hat sich noch längst nicht erschöpft" und "das normative Projekt ist im Hinblick auf die Universalität der Menschenrechte" unvollendet. Und es ist eine trotz aller krummen Pfade zielgerichtete Geschichte, denn "der Westen gäbe sich selbst auf, wenn er sich mit diesem Zustand abfinden würde", zumal die Anziehungskraft der westlichen Werte weltweit ungebrochen sei.

Die "Geschichte des Westens" ist einerseits als Programm klar und eindeutig, indem sie geschichtsträchtigen Ideen auch Geschichtsmächtigkeit zugesteht. Das ist in einer Zeit normativer Beliebigkeit erfrischend, denn es macht das Geschichtsbuch zum demokratischen Lehrkanon. Andererseits trägt das Projekt von Anfang an die Gefahr einer Überforderung in sich, denn der Begriff des Westens als transatlantischer Einheit ist, so wird im ersten Band erläutert, erst um 1900 gebräuchlich.

Damit mutiert der große zeitliche Bogen, der bei Christentum und Römischem Reich beginnt, zu einem Schirm mit breitem, sich stets veränderndem Schattenwurf. "Die Entstehung des westlichen Projekts, die Ungleichzeitigkeit seiner Verwirklichung, die Widersprüche zwischen Projekt und Praxis" werden entsprechend vom Autor als Leitlinien seiner Darstellung benannt.

"Die Zeit der Gegenwart" muss mit weiteren Herausforderungen kämpfen, da Autor und Leser an dieser Zeitgeschichte aktiv teilhaben konnten. Damit fehlt die Distanz als Voraussetzung historischer Verortung. So bewegt sich dieser vierte Band an der Grenze zwischen Geschichtsschreibung und politikwissenschaftlicher Analyse, deren Deutungen naturgemäß offene Hypothesen sind.

Faszinierend eröffnet Winkler die Jahre seit dem Fall der Mauer und der Öffnung des Eisernen Vorhangs als Panorama einer Epoche, die wie keine zuvor die Ideen von 1776 und 1789 aufnimmt und mit den Ideen von 1989 erstmals die Hoffnung verbindet, das zivilisatorische Projekt des Westens könnte global ausreifen. Wenn es eine Periode gab, die eine Geschichte des Westens am stärksten begründet, dann ist es diese Zeit. Doch schon dieses Vierteljahrhundert zeigt, wie gewagt die Erwartung teleologischer Geschichtsschreibung ist. Denn wir müssen heute feststellen, dass große Hoffnungen - in die europäische Integration, die Demokratisierung in Osteuropa und den "arabischen Frühling" - ernüchternde Rückschläge erfuhren, und dies schneller als früher.

Winkler entgeht der Gefahr, sich angesichts konstitutiver Ergebnisoffenheit zeitgeschichtlicher Prozesse in gewagten Thesen über die Zukunft zu profilieren, durch eine umfassende, mitunter detailversessen anmutende Darstellung. Das hat freilich seinen Preis. So verschwinden die Einordnungen in der Vielfalt der berichteten Fakten, die einzelnen Kapitel haben teilweise die Anmutung einer historischen Enzyklopädie. Umso irritierender ist aber das Fehlen jeglichen Hinweises auf die 2013 begonnenen TTIP-Verhandlungen. Unter den vielen offenen Geschichten, die aus der Zeit der Gegenwart hinausweisen und von Winkler beleuchtet werden, bleibt die mit der höchsten Nähe zum normativen Projekt des Westens unerwähnt.

Während man einerseits manche Information über die Balkanstaaten hier nicht unbedingt vermisst hätte, wäre es andererseits hilfreich, wenn die einordnenden Abschnitte profilierter präsentiert würden. So findet man die konzise und nüchterne Bewertung der europäischen Idee 25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer eher zufällig am Ende des Abschnitts über die "EU unter dem Druck des Schuldenproblems". Der universalistische Anspruch, den Winkler erhebt, ebnet Unterschiede ein, wo man auf eine stärker interpretatorische Profilierung gehofft hätte, wie es in den früheren Bänden vorbildlich geleistet wurde. Die "Geschichte des Westens" mutiert unter der Hand zu einer Weltgeschichte, bei der der Westen das Ziel vorgibt.

Einleuchtend und naheliegend ist die Untergliederung der Gegenwart in drei Perioden entlang der Zäsuren des 11. September 2001 und der Weltfinanzkrise 2008. Die dritte Periode bis 2014 wird als "das Ende aller Sicherheit" gedeutet. Sicher, vieles ist ins Wanken geraten, die Ergebnisoffenheit der Gegenwart scheint sich enorm erweitert zu haben. Doch ist es nicht vielmehr die Ernüchterung über - im Nachhinein zumindest so erscheinende - zu leichtfertige Hoffnungen? Und ist es nicht auch das Erstaunen darüber, dass die Welt trotz aller Globalisierung des Handels, der Kapitelbewegungen und des Standortwettbewerbs unterschiedlicher geworden ist? Schließlich haben sich damit die Ideen von 1776 und 1789 trotz des als Katalysator wirkenden Umbruchs 1989 nicht als Selbstläufer einer globalen Modernisierung erwiesen.

Das Schlusskapitel "Rückblick und Ausblick" führt den Leser noch einmal wie im Hochgeschwindigkeitszug durch die "Geschichte des Westens". Die durchaus greifbare Enttäuschung darüber, dass das normative Projekt noch lange nicht abgeschlossen ist, wird begrifflich durch den Übergang zum "normativen Prozess" aufgefangen. Doch wo liegt der Unterschied?

Wäre es nicht prüfenswert gewesen, ob angesichts kultureller Differenzierungen und Pfadabhängigkeiten das Projekt nicht eine intellektuelle Überdehnung darstellt? Jedenfalls macht der Westen keine prinzipiell westliche Politik für die Welt, sondern agiert nur punktuell schlüssig, wenn sich die Interessen seiner Akteure entsprechen. So bleibt die Frage auch nach insgesamt 4 100 Seiten in vier Bänden offen, ob sowohl der Westen selbst als auch die Welt mit dem normativen Projekt von 1776/1789 heute zurechtkommen.

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