Deutscher Erfolg lässt sich nicht kopieren Image
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Das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich ist derzeit nicht einfach. Politisch divergieren die Vorstellungen beider Regierungen über den Kurs in Europa, ökonomisch könnte der Unterschied spannender nicht sein. Gegenüber der Situation zur Mitte des vergangenen Jahrzehnts haben sich die wirtschaftlichen Erfolgsindikatoren für beide Länder dramatisch auseinander entwickelt. Ob bei der Erwerbstätigkeit, der Arbeitslosigkeit, dem Pro-Kopf-Einkommen, beim Staatsdefizit ober bei der Schuldenquote, der Befund ist immer derselbe: Deutschland hat sich deutlich besser entwickelt und die Aussichten sind vergleichsweise günstig, Frankreich kommt nicht von der Stelle und die Perspektiven sind sehr verhalten. Verliert die Achse Berlin-Paris an Stabilität und Kraft, dann resultieren daraus erhebliche Probleme für Europa.

Der jüngste Vorstoß von François Hollande, der unbefriedigenden wirtschaftlichen Entwicklung durch mehr Arbeitsmarktflexibilität und Entlastungen für die Unternehmen beizukommen, hat nicht nur grundsätzlich positive Reaktionen hervorgerufen. Zugleich stellt sich damit die Frage, wie angesichts der leichten wirtschaftspolitischen Annäherung an die deutsche Agenda-Politik Frankreich aus den Erfahrungen der Bundesrepublik lernen kann.

Schnell stößt man dann allerdings auf die Tatsache, dass sich nicht nur die wirtschaftlichen Ergebnisse stark unterscheiden, sondern ebenso die volkswirtschaftlichen Strukturen sowie die tradierten politischen Konzepte und Instrumente. Ein kollektives Lernen von den besten Lösungen hat es bisher weder zwischen beiden Ländern noch in Europa wirklich gegeben – trotz über 60 Jahre europäischer Integration. Wo liegen die Hemmnisse? Was wäre gleichwohl möglich?

Die Stärke und Robustheit der deutschen Volkswirtschaft ist in einem breiten Industrie-Dienstleistungsverbund begründet. Dieser erklärt die besondere Fähigkeit zu kundendifferenzierten Lösungen, aber ebenso die hohe Innovationsleistung. Daraus resultiert für viele deutsche Unternehmen die Weltmarktführerschaft. Die große Bedeutung der industriellen Wertschöpfung, insbesondere im Bereich der Investitionsgüterproduktion, spiegelt die großen Bedarfe der Schwellen- und Entwicklungsländer. Seit der Jahrtausendwende hat dies zu einem zuvor nicht gekannten globalen Investitionsboom geführt, an dem Industrieländer besonders partizipieren. Diese Argumentation widerspricht dem schlichten Vorwurf, der gerne von Angelsachsen – ob Ökonomen oder Politiker – vorgetragen wird, dass die starke deutsche Exportposition durch ein unfaires Lohndumping errungen worden sei.

Wollte Frankreich ökonomisch vergleichbar erfolgreich sein, dann müsste es versuchen, die Wirtschaftsstruktur stärker industriell zu prägen. Doch bei einem gesamtwirtschaftlichen Industrieanteil von rund 11 Prozent – verglichen mit 23 Prozent in Deutschland – ist das leicht gesagt. Dies gilt umso mehr, wenn man bedenkt, dass die Unterschiede eine lange Vorgeschichte haben, die auf die Industrialisierung im 19. Jahrhundert verweist.

Zwei Befunde machen dies deutlich: Kaum ein Land kann so viele lange Unternehmensgeschichten aufweisen wie Deutschland. Hundertfünfzig, gar zweihundert Jahre sind nicht selten. Die familiengeführten Unternehmen haben sich immer wieder neu erfunden und dadurch eine Kultur der Innovation geprägt, die ihresgleichen sucht. Zudem gibt es kaum ein Land, in dem die industrielle Wertschöpfung räumlich so weit verteilt ist wie hier. Die Folge dieser historisch mit Verweis auf die Kleinstaaterei im 19. Jahrhundert zu erklärende Tatsache ist, dass wir republikweit industrielle Cluster und Netzwerke finden, die den Kern stabiler Wertschöpfungsstrukturen bilden. Zugleich begründet dies die besondere Bedeutung des Mittelstands.

Wenn man genauer hinschaut, dann sieht man, dass so eins zum anderen kommt und nicht unwesentlich historische Bedingungen den heutigen wirtschaftlichen Erfolg erklären. Wiederum zwei Befunde dazu: Die langen Unternehmensgeschichten und die hohe Bedeutung des Mittelstands in stabilen kleinräumigen Strukturen prägten einerseits eine hohe Präferenz für Langfristigkeit aus, die sich früh in entsprechenden Finanzierungskulturen und Produkten niederschlug (langfristiger Unternehmenskredit, Pfandbrief, Hypothek, Bausparen, Versicherungsausgleich u.a.m.). Die starke industrielle Struktur der Volkswirtschaft führte andererseits dazu, dass sich das Bildungssystem frühzeitig – nämlich um 1900 – auf Technik und Wirtschaft ausrichtete. Die duale Berufsausbildung – heute ein Vorbild in Europa und ein wichtiger Erfolgsfaktor unserer Industrie – entstand seinerzeit ebenso wie neue Schulformen (Realschulen, Realgymnasien) und die Modernisierung der Hochschullandschaft (Promotionsrecht für technische Hochschulen, außeruniversitäre Forschung).

Diese wenigen Hinweise machen die Schwierigkeit bei dem Versuch deutlich, heute die wirtschaftsstrukturellen Bedingungen für den Erfolg einer Volkswirtschaft auf eine andere zu übertragen. Der EU-Industriekommissar Tajani hat das Ziel ausgerufen, in der Europäischen Union insgesamt wieder auf einen Industrieanteil von 20 Prozent zu kommen. Bedenklich ist, dass in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten Europa einen besonderen Bedeutungsverlust der Industrie erlebt. Es geht also in den meisten Eurostaaten – mit Ausnahme der Bundesrepublik – auch um eine Trendumkehr. Das kann nicht mit kleinteiliger Industriepolitik in der Tradition der französischen „Planification“ gelingen, die einzelne Branchen fördert. Der Misserfolg dieser Strategie ist am Zustand der französischen Volkswirtschaft zu erkennen.

Notwendig ist es, die starken grenzüberschreitenden Lieferbeziehungen zu europäischen Netzwerken auszubauen. Das verlangt eine Fokussierung auf die Infrastrukturnetzwerke und den Abbau bestehender regulatorischer Hindernisse. Außerdem muss eine europäische Energiepolitik entwickelt werden, um im Wettbewerb mit Nordamerika mithalten zu können.

Zum Gastbeitrag auf der Website des Cicero

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