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Das Smartphone ist nicht der herausragende Effekt der Digitalisierung. Quelle: Maksim Kostenko Fotolia

Die mit der Digitalisierung verbundenen großen Versprechen und großen Hoffnungen auf mehr wirtschaftliche Dynamik und Wachstum lassen sich bisher nicht empirisch bestätigen. Stattdessen diskutieren wir global über einen Verlust im Produktivitätstrend. Dort jedenfalls ist die vielgerühmte Digitalisierung noch nicht angekommen.

Weitere Fragezeichen ergeben sich, wenn man versucht, Digitalisierung prinzipiell in ihren ökonomischen Wirkungen zu beschreiben und zu definieren. In der öffentlichen Wahrnehmung dominieren Dienstleistungsbranchen, die ganz überwiegend den privaten Haushalt und damit den Konsumenten im Blick haben. Hier ist die Wirkung der Digitalisierung evident: Das Smartphone navigiert uns durch den Alltag, es ermöglicht die Steuerung der privaten Lebenssituation, es liefert uns in Echtzeit Informationen über Handlungsoptionen oder es vernetzt uns in sozialen Medien.

Doch ist das der herausragende wirtschaftliche Effekt der Digitalisierung? Nein. Industrial Internet – in den USA – und Industrie 4.0 – in Deutschland – stehen für die Veränderung industrieller Wertschöpfung infolge der Digitalisierung. Bislang vollzieht sich dieser Prozess weitgehend unabhängig von der Digitalisierung des privaten Lebens. Und noch ist unklar, wodurch die wirtschaftliche Realität stärker verändert wird. In der Industrie geht es um die Zukunft der bestehenden Geschäftsmodelle.

Der Begriff Industrie 4.0 steht für die vierte industrielle Revolution, einer neuen Stufe der Organisation und Steuerung der gesamten Wertschöpfungskette über den gesamten Lebenszyklus der Produkte. Dieser Zyklus orientiert sich an den zunehmend individualisierten Kundenwünschen und erstreckt sich von der Idee, dem Auftrag über die Entwicklung und Fertigung, die Auslieferung eines Produkts an den Endkunden bis hin zum Recycling, einschließlich der damit verbundenen Dienstleistungen. Im Kern geht es um die kosteneffiziente Bereitstellung von Losgröße 1.

Basis ist die Verfügbarkeit aller relevanten Informationen in Echtzeit durch Vernetzung aller an der Wertschöpfung Beteiligten sowie die Fähigkeit aus den Daten den zu jedem Zeitpunkt optimalen Wertschöpfungsfluss abzuleiten. Durch die Verbindung von Menschen, Objekten und Systemen entstehen dynamische, echtzeitoptimierte und selbst organisierende, unternehmensübergreifende Wertschöpfungsnetzwerke, die sich nach unterschiedlichen Kriterien wie bspw. Kosten, Verfügbarkeit und Ressourcenverbrauch optimieren lassen.

Für die Frage, ob und wie die Industrie den Strukturwandel infolge der Digitalisierung beherrscht, ist es wichtig, das volkswirtschaftliche Geschäftsmodell zu verstehen. Das MIT hat hierzu 2013 eine Studie vorgelegt (S. Berger and MIT Task Force on Production in the Innovation Economy (2013): Making in America. From Innovation to Market. Cambridge, MA.) Dafür wurde differenziert das deutsche Geschäftsmodell untersucht, das mit seiner Industriebasierung, der Verbindung mit Dienstleistungen und der Exportstärke herausragt.

Die Industrie ist der Hub der deutschen Volkswirtschaft. Sie ist Taktgeber im Konjunkturzyklus und Impulsgeber im Strukturwandel. Die Beeinflussung der Dienstleistungswirtschaft hat enorme Folgen für die dort stattfindende Wertschöpfung. Diese „joint production“ ist ein Alleinstellungsmerkmal Deutschlands und Europas. Daraus ergibt sich die Chance, für die Kunden differenzierte und komplexe Lösungen zu entwickeln, aber trotzdem kosteneffizient zu sein.

Bei der Frage, welche Digitalisierung am Ende dominiert – Smart living oder Industrie 4.0 – oder ob beide Welten sich ergänzen, sind nicht zuletzt die Standards und Normen entscheidend, die den Markt definieren werden. Die Ausgangssituation der großen Volkswirtschaften ist dafür sehr unterschiedlich. Noch ist offen, wer die Standards setzt, ob es verschiedene geben kann und wer dabei eine Führungsrolle haben wird. Der Vorsprung Deutschlands liegt in der durchaus kleinteiligen Industrie mit ihrer Fähigkeit zu differenzieren und Komplexität zu managen, der Vorsprung der USA liegt in der Welt skalierungsfähiger und Big Data-Potenziale nutzender Internetfirmen mit großem Kapitalhebel.

Was kann, was muss der Staat leisten? Der Breitbandausbau ist die Nummer 1 der Prioritätenliste. Das überrascht nicht, ist aber trotzdem wichtig. Denn die Bundesregierung hat zwar diverse Strategien zur Digitalisierung aufgelegt, die Investitionen in den Breitbandausbau aber zunächst vernachlässigt (1 Mrd. Euro im Entwurf des Koalitionsvertrags wurden gestrichen). Das zweitbedeutendste Thema ist die internationale Wettbewerbsordnung und das Datenrecht, insbesondere Datenschutz und Datensicherheit.

Ansprechpartner

Wer Weg in die Gigabit-Gesellschaft
Gutachten, 13. Februar 2017

Sebastian van Baal / Bernd Beckert / Roman Bertenrath / Manuel Fritsch / Christian Helmenstein / Anna Kleissner / Karl Lichtblau / Agnes Millack / Thomas Schleiermacher / Manfred Stadlbauer / Klaus Weyerstraß / Ralf Wiegand Der Weg in die Gigabit-GesellschaftArrow

Startpunkt der in dieser Studie unternommenen Reise zur Gigabit-Gesellschaft ist eine Standortbestimmung. Sie beginnt mit Fragen: Wo stehen wir gegenwärtig in der Digitalisierung, was ist der Status quo? Hinzu gesellen sich schnell weitere Fragen: Was ist überhaupt Digitalisierung? Wie groß ist das hierbei zu verarbeitende Datenvolumen und woher kommt dieser Datenhunger überhaupt? Was muss getan werden, um ihn zu stillen? mehr

10. Februar 2017

Cyberkriminalität So verhindert man den DatenklauArrow

Datenklau und Social Engineering sind für die Unternehmen ein großes Geschäftsrisiko – noch vor Betriebsunterbrechungen. Dabei gibt es einfache Tricks, wie sich Mitarbeiter sicherer im Internet bewegen und damit auch ihr Unternehmen schützen können. mehr auf iwd.de

Industriemetallpreis-Index
Gastbeitrag, 8. Februar 2017

Hubertus Bardt in der Börsen-Zeitung Dollar-Abwertung bremst Anstieg der MetallpreiseArrow

Auf den internationalen Metallmärkten macht das neue Jahr dort weiter, wo das alte aufgehört hat, schreibt IW-Ressourcenökonom Hubertus Bardt in der Börsen-Zeitung. Im Januar stiegen die Preise für nach Deutschland eingeführte Metalle um durchschnittlich 1,3 Prozent nach 1,1 Prozent im Vormonat. mehr