Plädoyer für eine Startup-Kultur Image
Quelle: Rawpixel - Fotolia

Mögliche Bedrohungsszenarien sind die relativ schwache Entwicklung der Investitionen, die Überalterung der Gesellschaft und die seit Jahren rückläufigen Unternehmensgründungen. Im Augenblick ist die Zuwanderung zwar hoch, doch dies muss nicht so bleiben. Vor allem ist nicht gesichert, dass die von der Wirtschaft benötigten Fachkräfte den Weg ins Land finden. Ohne Entrepreneure und Investitionen in neue Technologie ist das Wachstum daher gefährdet. Der technische Fortschritt bildet langfristig die Grundlage für wirtschaftliches Wachstum; nur durch neue Technologien können Ressourcenknappheiten überwunden und die Folgen des demografischen Wandels abgemildert werden.

Deutschland besitzt kaum wachstumsstarke IT- und Biotechnologiefirmen, die wie Facebook oder Google innerhalb weniger Jahre globale Marktführer geworden sind. Unsere Stärke sind mittelgroße Industrieunternehmen, die eher inkrementell innovieren als bahnbrechende Neuerungen im Schumpeterschen Sinne auf den Markt zu bringen. Bislang ist Deutschland mit dieser industriellen Spezialisierung gut gefahren. Doch die Weltwirtschaft wandelt sich immer schneller, so weisen chinesische Maschinenbauer eine steile Lernkurve auf und machen deutschen Mittelständlern Konkurrenz. Der Mangel an Hightech-Startups könnte langfristig die industrielle Wertschöpfungskette in Deutschland gefährden und zu einer Verlangsamung des technischen Fortschritts führen. Bahnbrechende Neuerungen werden nämlich fast immer von Startups oder jungen Wachstumsfirmen in den Markt gebracht – etablierte Konzerne haben an diesen Innovationen oft wenig Interesse, um ihre Investitionen in bestehende Technologien nicht zu entwerten.

Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland nur noch 310.000 Betriebe gegründet, 45 Prozent weniger als 2004. Betrachtet man die Gründungen von Unternehmen mit größerer wirtschaftlicher Bedeutung, wie sie ein Handelsregistereintrag oder die Einstellung von Mitarbeitern implizieren, so waren es 2014 nur 124.000 Gründungen. Dabei bringt nur ein Fünftel dieser Unternehmen Innovationen auf den deutschen oder zumindest den regionalen Markt. Laut ZEW weisen gerade 17 Prozent der Startups eigene Forschung und Entwicklung auf, wobei in etwas anderer Abgrenzung von wirtschaftlicher Bedeutung 155.000 Gründungen die Basis bilden. Echte Hightech-Startups dürfte es sogar nur 1.000 bis 2.000 pro Jahr geben – zu wenig, um neuen Technologien zügig zum Durchbruch zu verhelfen.

Offenbar gibt es strukturelle Defizite, die mehr innovativen Startups entgegenstehen. Neben einer unterentwickelten Gründerkultur in Deutschland, vor allem aufgrund einer hohen Risikoaversion und wenig Berührungspunkten mit Entrepreneurship im Bildungssektor, gilt dies auch für die Finanzierung. Wegen der hohen Ausfallrisiken eignen sich Bankkredite kaum für Hightech-Gründungen. Trotz sehr niedriger Zinsen und öffentlicher Fonds kommen Gründer mit unkonventionellen Geschäftsideen nur schwer an Kapital. Stattdessen wäre Venture Capital das geeignete Mittel, um die häufigen Verluste mit hohen Gewinnen im Erfolgsfall zu kompensieren. Doch zuletzt wurden in Deutschland nur 700 Millionen Euro pro Jahr in Risikobeteiligungen investiert. Der Anteil der VC-Investitionen am BIP stagniert damit unter 0,03 Prozent, während er in den USA bei 0,2 Prozent der Wirtschaftsleistung liegt.

Der Rückstand Europas und vor allem Deutschlands bei Wagniskapitalfinanzierungen hat negative Folgen für innovationsstarke Startups in Wachstumsbranchen. Im Koalitionsvertrag haben CDU, CSU und SPD deshalb ein Venture-Capital-Gesetz angekündigt. Anders als bei der Rente mit 63 oder dem Mindestlohn lässt die Umsetzung aber auf sich warten. Dabei liegen zielführende Vorschläge auf dem Tisch: Die steuerliche Gleichbehandlung von Gewinnen und Verlusten könnte riskante Investitionen erleichtern und Mehrfachbesteuerungen bei Beteiligungsunternehmen, VC-Gesellschaft und Investoren sind zu vermeiden. Im Vereinigten Königreich, Frankreich und Israel gibt es Steuerermäßigungen für VC-Investitionen und Forschungs- und Entwicklungsleistungen, die Hightech-Gründungen anregen. Eine steuerliche Begünstigung von Einnahmen aus geistigem Eigentum könnte über eine so genannte Patentbox erfolgen, wie sie etwa das Vereinigte Königreich praktiziert. Zudem müssten Verlustvorträge leichter übertragbar sein und Gewinne aus VC-Investitionen sollten bei Reinvestition steuerlich begünstigt werden, bis der gewinn endgültig realisiert wird. Der Staat könnte zudem die Verbreitung neuer Technologien und das Zusammenwachsen von Industrie und Dienstleistungen fördern, etwa durch einen zügigen Ausbau der digitalen Infrastruktur in der Fläche, denn viele der mehr als 1.300 industriellen „Hidden Champions“ sind nicht in den Zentren ansässig.

Zum Gastbeitrag auf creditreform-magazin.de

Ansprechpartner

Why the ECB is not to blame for low interest rates
Gastbeitrag, 15. September 2016

Markus Demary auf EUROPP Why the ECB is not to blame for low interest ratesArrow

In the latest set of EU stress tests, several German lenders performed poorly. As Markus Demary writes in EUROPP (Blog of LSE about European Politics and Policy), some of this performance has been blamed on low interest rates squeezing the profitability of lenders. He argues that while the ECB has frequently been blamed for this situation, the reality is more complex and instead reflects long-term trends which can only be addressed by lasting structural reforms. mehr

IW-Kurzbericht, 2. August 2016

Markus Demary Italy's Banking Crisis – Creditor Bail-in Is No PanaceaArrow

Italy’s banks are struggling under high amounts of non-performing loans on their balance sheets and the Italian government is fighting with the European Commission over putting 50 billion Euro of problem loans into a bad bank, which needs funding of 10 billion Euro with public money. Calculations of the Cologne Institute for Economic Research reveal that banks need to be recapitalised with additional 21.7 billion Euro under this plan. mehr

Bankenprobleme in Italien
IW-Nachricht, 12. Juli 2016

Bankenprobleme in Italien Wahl zwischen Pest oder CholeraArrow

Die größte Bank Italiens muss nach dem Willen der Europäischen Zentralbank einen Großteil ihrer Problemkredite abbauen. Dafür sollten eigentlich die Eigentümer und Gläubiger haften. Nun könnten über eine Hintertür der Bankenregulierung aber auch Steuergelder in die Bank fließen. Solange dieses Geld für Reformen genutzt wird, ist das halb so schlimm. Das zeigte sich in den USA. mehr