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Brachialgewalt Quelle: Fatykhov - Fotolia

Seit der Jahrtausendwende haben sich in vielen Ländern markante Überschüsse oder Defizite in der Leistungsbilanz aufgebaut. Auf der einen Seite stehen Volkswirtschaften wie die USA, das Vereinigte Königreich, Frankreich, Italien und Spanien mit anhaltend hohen Defiziten. Auf der anderen Seite gibt es deutliche Überschüsse in Deutschland, China, Japan und Südkorea. Im Fahrwasser der globalen Finanzmarkt- und Staatsschuldenkrise wird immer wieder der Vorwurf erhoben, Länder mit Leistungsbilanzüberschüssen lebten auf Kosten der Defizitländer.

Für einige Kritiker ist die wirtschaftspolitische Antwort auf diesen Zustand denkbar einfach: Die Defizitländer sollen einfach weniger nachfragen als bislang, die Überschussländer weniger sparen und konsumieren, sodass sich die Leistungsbilanzsalden automatisch annähern. Damit die Staaten auch wirklich entsprechend handeln, solle die internationale Politik verbindliche Obergrenzen setzen und Staaten bestrafen, wenn sie diese Grenzen nicht einhalten.

Doch so einfach ist die Sache nicht. Denn Volkswirtschaften mit einem relativ hohen Industrieanteil sind geradezu prädestiniert dafür, Leistungsbilanzüberschüsse zu erwirtschaften. Der jeweilige Leistungsbilanzsaldo kann durch die historisch gewachsene und durch eine Vielzahl unternehmerischer Entscheidungen geprägte Wirtschaftsstruktur eines Landes erklärt werden. Oder anders formuliert: Was eine Volkswirtschaft an Waren und Dienstleistungen anbietet, entscheidet unter bestimmten Umständen darüber, wie ihre Leistungsbilanz aussieht.

Das macht zum Beispiel ein Blick auf die rohstoffreichen Länder deutlich. Sie profitieren unter anderem von Erdöl, Kupfer oder Seltenen Erden. Im Jahr 2012 beliefen sich die Überschüsse von elf rohstoffreichen Ländern - unter ihnen Russland, Saudi-Arabien und Norwegen - auf knapp 600 Milliarden US-Dollar. Zum Vergleich: Die Export-Schwergewichte Deutschland, China, Japan und Südkorea kamen im gleichen Zeitraum zusammen nur auf knapp 500 Milliarden US-Dollar an Überschüssen.

Diese Beispiele zeigen, dass die Faktorausstattung und die Angebotspalette einer Volkswirt-schaft für Überschüsse oder Defizite verantwortlich sein können - und nicht nur die Nachfra-geseite. Absurd wäre, die betroffenen Länder ob ihrer Leistungsbilanzsalden zu bestrafen. Denn im Fall der Rohstoffe wäre die Konsequenz, dass eine rohstoffreiche Nation ihre Exporte drosselt. Das würde nicht nur der eigenen Wirtschaft schaden, sondern auch viele andere Länder treffen, die diese Rohstoffe brauchen.

Fakt ist auch, dass der globale Außenhandel immer noch sehr stark vom Warenverkehr geprägt ist. Denn rund 80 Prozent des Welthandels erfolgt mit Waren. Und der globale Warenhandel expandierte in der letzten Dekade aus einem entscheidenden Grund: Vor gut zehn Jahren starteten die Schwellen- und Entwicklungsländer ihre Aufholjagd, was dort zu einem gewaltigen Investitionsboom führte.

Die weltweiten Bruttoinvestitionen - dabei handelt es sich um private und staatliche Investitionen in Ausrüstungen, Bauten und Vorräte, nicht aber um Finanzmarktinvestitionen - erhöhten sich von 7.000 Milliarden US-Dollar im Jahr 2002 auf gut 17.000 Milliarden US-Dollar im Jahr 2012. Die wachsenden Bevölkerungen und Versorgungsprobleme lassen keine Alternative zu diesen notwendigen Investitionen zu.

Zwei Erkenntnisse lassen sich aus dieser Analyse ziehen:

  • Der globale Investitionsboom begünstigt offensichtlich Volkswirtschaften, die Investitionsgüter herstellen. Der deutsche Handels- und Leistungsbilanzüberschuss resultiert dementsprechend zum großen Teil aus dem Handel mit Investitionsgütern. Denn in Deutschland hat die Produktion dieser Güter traditionell eine hohe Bedeutung.
  • Eine bestimmte Leistungsbilanzkonstellation - ob nun Überschuss oder Defizit - muss nicht von Dauer sein. Deutschland ist dafür ein gutes Beispiel: Während der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre stagnierten die Investitionstätigkeiten weltweit. Entsprechend niedrig war der deutsche Handelsbilanzüberschuss, die Leistungsbilanz war sogar im Minus.

Fazit: Vieles spricht dafür, dass auch künftig Überschüsse in der deutschen Handelsbilanz stehen. Die Diskussion über die deutsche Leistungsbilanz bleibt uns also erhalten. Nur wirtschaftspolitische Brachialgewalt - etwa durch verbindliche Obergrenzen für Leistungsbilanzsalden - könnte daran in absehbarer Zeit etwas ändern. Verlierer wären die internationale Arbeitsteilung und der weltweite wirtschaftliche Fortschritt - vor allem in den aufstrebenden Volkswirtschaften, die auf moderne Investitionsgüter angewiesen sind.

Zum Gastbeitrag in The Huffington Post

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