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FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher Quelle: User Magnus Manske

Der Zeitgeist weht links, die Skepsis am Kapitalismus wächst sogar in konservativen Kreisen - und doch werden die Schlachten, pardon: Debatten, weiter entlang altbekannter ideologischer Schützengräben geschlagen, wenn auch von neuen Generalstäblern. Ob diese Diskurse wie die Art und Weise, in der sie geführt werden, unser Land wirklich voranbringen, ist zweifelhaft. Jüngst griff in bemerkenswerter Geschwindigkeit in einem ebenso bemerkenswerten Zusammenspiel etablierter Medien die feuilletonistische Debatte über den 'Informationskapitalismus' um sich. Der Mensch, so die These, habe in der von Spieltheorie, Egoismus und Digitalisierung dominierten Ökonomie seine Freiheit verloren. Man ist versucht spöttisch auszurufen: Endlich macht sich jemand Gedanken darüber, gilt die Freiheit hierzulande doch sonst nur dem Bundespräsidenten noch etwas.

Zwar ist das Feuilleton schon immer der Platz auch für wirtschaftspolitische Debatten gewesen, zumeist mit kritischer Haltung, der die Gleichheit mehr gilt als die Freiheit. Freundlich-ökonomistische Argumentationen sind dort hingegen verpönt, außer es geht um Verhaltensökonomie, die Menschen zu klügeren Entscheidungen anstoßen soll. Was dahinter für ein Menschenbild steckt, blieb jedoch meist unbeantwortet. Dieses steht jetzt im Zentrum der Debatte. Ironischerweise hat gerade die Verhaltensökonomie dazu beigetragen, dass wir nicht mehr als reiner 'homo oeconomicus' betrachtet werden. Jetzt aber soll das Bild vom Menschen als selbstbestimmtes Wesen durch die Digitalisierung der Ökonomie endgültig ausgedient haben. Noch mehr Zweifel an uns selbst scheinen also angebracht. Und das, wo doch schon in einem seltsamen Antagonismus von Finanzkrise und Wirtschaftsaufschwung der letzten Jahre eine tiefe Verunsicherung in das Selbstverständnis des Bürgertums eingesickert ist.

Daran dockt auch FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher mit seinem Buch 'Ego' an. Schon vor diesem Fanfarenstoß der Systemkritik wurden mit jeder frischen Umfrage die Zustimmungswerte zur Sozial- und Wirtschaftsverfassung der Bundesrepublik von Neuem unterboten. Außen vor bleibt allerdings, wie ein besseres Modell aussehen könnte. Nur irgendwie gerechter und sozialer müsste es sein, lautet die diffuse Antwort. Schuld an den gefühlten Ungerechtigkeiten ist laut Volkes Meinung 'die Politik', von der laut Allensbach fast drei Viertel der Menschen meinen, dass sie viel tun könnte, um das Land gerechter zu gestalten.

Doch diese Erwartung kann eigentlich nur zu einem weiteren Vertrauensverlust in die staatlichen Institutionen führen. Nicht weil sie dem Informationskapitalismus schutzlos ausgeliefert wären, sondern weil sich nicht zuletzt die Einschätzung, was sozial und gerecht ist, fortlaufend wandelt. Wurde vor zehn Jahren die hohe Ar­beitslosigkeit als größter Missstand empfunden, erblicken heute selbst unideologisch argumentierende Sozialdemokraten in der Agenda 2010 allen positiven Folgen zum Trotz ein arbeitnehmerfeindliches, repressionsbeladenes Instrumentarium. Hinderlich für eine grundlegende Debatte über Gerechtigkeit erweist sich auch die Dominanz des Einzelfalls, allen voran genannt sei der Dachdecker bei der Rente mit 67. In einem Wahljahr mag es als frommer Wunsch anmuten, auf fundiertere Debatten über unser Menschenbild zu hoffen. Trotzdem: den Versuch wär's wert.

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