Seriöse Mäzene meiden Charity-Galas Image
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Die Spenden sind im Verhältnis zum Einkommen hoch, über drei Viertel der Unternehmen engagieren sich schon für das Gemeinwohl, das Land ist eine Hochburg der Stiftungen. Dahinter stecken nicht allein soziale Motive. Immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch, dass Geben gibt. Menschen, die sich engagieren, haben mehr soziale Kontakte, sind zufriedener und leben deshalb länger. Zudem lassen sich viele Herausforderungen, vor denen viele Gesellschaften stehen, etwa im Bildungsbereich oder bei der Integration, nur bewältigen, wenn Staat und Zivilgesellschaft kooperieren.

Dabei liegt es im wohlverstandenen Eigeninteresse eines jeden, sich für das Gemeinwesen zu engagieren. Was nach sozialromantischem Wunschdenken klingt, hat eine ökonomische Dimension, denn Kinder aus benachteiligten Familien zu unterstützen, bedeutet volkswirtschaftlich, aus Bildungsverlierern von heute das Sozial- und Bildungssystem finanzierende Steuerzahler von morgen zu machen. Tatsächlich kann dafür jeder etwas tun, auch ohne finanzielle Potenz – in der Nachbarschaftshilfe, als Bildungspate oder in der lokalen Politik. Philanthropie hängt nicht allein am Geld. Insbesondere in den wohlstandsgesättigten westeuropäischen Ländern ist Anteilnahme, das «Sich-Kümmern», oft wertvoller als pekuniäre Beiträge.

Doch gerade bei materiellen Gaben bedeutet gut gemeint nicht gleich gut gemacht. Manch philanthropische Tat kann sogar negative Folgen haben. So verursachen Sachspenden logistischen Aufwand – und wenn sie in Entwicklungsländer gehen, dann unterminieren sie dort oft die lokale Wirtschaft. Manche Dauerleihgabe an Museen ist für die Allgemeinheit teuer, denn die Ausstellungshäuser müssen im Gegenzug oft hohe Kosten für Unterhalt und Versicherung aufbringen. Die Rechnung, dass die von den Ausstellungen angezogenen Touristenströme die Kosten ausgleichen, geht für Kommunen nur vereinzelt auf, während die öffentliche Präsentation der Leihgaben zur Freude des Besitzers meist eine erhebliche Wertsteigerung mit sich bringt.

Gerade im vom Mäzenatentum besonders begünstigten Kultursektor hat selbst hochgelobtes Engagement eine oft nur selbstbezügliche Wirkung, und die Allgemeinheit profitiert eher selten. Dennoch erfahren solche Wohltaten viel Aufmerksamkeit. Überdeutlich wird das Missverhältnis zwischen öffentlicher Anerkennung und Ertrag bei Charity-Galas, die wegen ihrer hohen Kosten in der Regel nur sehr kümmerliche Erträge einspielen. Trotzdem werden den Initiatoren und Gästen dieser Events nicht nur in den bunten Medien rote Teppiche ausgerollt. Die Frage, ob solche Formen der Hofberichterstattung über das vermeintlich gute Tun von Prominenten nicht vor allem deren Image nützen, wird kaum gestellt. Dabei lohnt es sehr, über diese Punkte nachzudenken – nicht zuletzt für den Mäzen, Spender oder Engagierten selbst. Denn Widerspruch ist beim guten Tun nicht sonderlich opportun; wer über Ressourcen verfügt, wird kaum je kritisiert werden – nicht einmal der Philanthrop, der sich lediglich ein Denkmal setzt und für nicht mehr aktuelle Ziele eine Stiftung samt teurem Apparat errichtet. Zumal beim Einsatz für Mainstream-Themen oft eine Konkurrenz zu schon existenten Einrichtungen besteht. Und da jede Stiftung ihr Alleinstellungsmerkmal braucht, muss jeweils das Rad neu erfunden werden.

Für Hochglanzbroschüren mag solcherlei Engagement tauglich sein, für die bestmögliche Förderung des Gemeinwohls ist es das sicherlich nicht. In dieser Hinsicht ist Warren Buffett vorbildlich: Er hat sein Geld einer Organisation anvertraut, die schon nachgewiesen hat, dass sie damit etwas anzufangen weiss: der Gates-Foundation. Lobenswert ist zudem Buffetts fehlende Eitelkeit, denn das der Stiftung übertragene Kapital hätte gleich für mehrere Einrichtungen auf eigenen Namen gereicht.

Die Höhe dieser Gabe verweist noch auf eine andere Problematik – die Legitimität von Philanthropie. Denn demokratisch gewählt oder parlamentarisch kontrolliert werden die Geber und ihre Taten nicht. Im Gegensatz zu staatlich verwalteten Steuergeldern entscheidet der Mäzen selbst, was mit seinen Mitteln geschieht. Ohne Zweifel ist jeder frei darin, wofür er sich freiwillig engagiert. Gleichwohl verweisen Kritiker darauf, dass gerade sehr Reiche einfach in angemessener Höhe Steuern zahlen sollten, um den Staat in die Lage zu setzen, Grundbedürfnisse der Bürger zu stillen.

Warren Buffett wiederum empfand seine Steuerlast wegen der grosszügigen Abschreibungsmöglichkeiten als unzumutbar gering – zahlte doch jeder seiner normalverdienenden Angestellten prozentual mindestens das Doppelte. Doch das Postulat von Niklas Luhmann, dass Vertrauen ein «Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität» ist, gilt auch für das Steuersystem. In dessen Gerechtigkeit vertrauen zu können, wäre eminent wichtig – nicht zuletzt, um freiwilliges Engagement wertzuschätzen. Warum sollte die Kür belobigt werden, wenn Zweifel daran bestehen, dass die Pflicht erfüllt ist? In einer Zeit, in der sich die Frage nach einer gerechten Verteilung sogar in den westeuropäischen Wohlstandsdemokratien neu stellt, wäre Transparenz im Steuerdschungel eine Wohltat. Nur so liesse sich Aufschluss über eine der individuellen Leistungsfähigkeit gemässe Lastenverteilung gewinnen. Dem Eindruck einer abgehobenen Klasse, deren Angehörige sich kaum darum kümmern, wie es der breiten Masse geht, wohnt mehr sozialer Sprengstoff inne als der tatsächlichen Vermögensverteilung. Keine philanthropische Leistung wird dem entgegenwirken können.

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