Gehirnwäsche? Nein, Kompetenz! Image
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Jährlich verlassen viele Jugendliche die Schule, ohne über ein Mindestmaß an ökonomischen Urteils- und Handlungskompetenzen zu verfügen. Anlass zu diesem Befund geben zum Beispiel die Befragungen des Bankenverbands. Danach hat etwa die Hälfe der befragten 14- bis 24- Jährigen Defizite, wirtschaftliche Begriffe und Zusammenhänge zu erklären. Zudem geht aus dem Wirtschaftskundlichen Bildungstest, der in einigen Bundesländern erhoben wurde, hervor, dass selbst von den Gymnasiasten nur etwa jede zweite Aufgabe korrekt gelöst wird. Kern dieser Misere: Bis auf drei Ausnahmen gibt es in den Bundesländern weder ein eigenständiges Curriculum für ökonomische Bildung noch Standards für ökonomische Kompetenzen. Lehrer unterrichten Wirtschaft in den Fächern Politik, Sozialwissenschaften und Arbeitslehre, aber auch in Geschichte und Erdkunde. Die jeweiligen Fachlehrpläne genügen wirtschaftswissenschaftlichen Ansprüchen meist nicht.

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln hat 155 Schulbücher und 55 Lehrpläne analysiert und kommt zu dem Schluss, dass die meisten der aktuell zugelassenen Schulbücher Wirtschaftsthemen weder ausreichend noch sachlich angemessen behandeln. Wirtschaft wird in drei von vier Schulbüchern vorrangig über Themen wie Strukturwandel, Verteilungsgerechtigkeit, Arbeitslosigkeit, aber auch Ökologie und Globalisierung vermittelt. Auch das soziale Sicherungssystem spielt dabei eine dominante Rolle.

Der schulische Zugang zum Wirtschaftsverständnis und zu ökonomischer Bildung ist marktkritisch und verteilungspolitisch konnotiert. Eine ausgewogene Betrachtung sieht anders aus.

Aus einer Studie des Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung geht hervor, dass deutsche Schulbücher Gesellschaft und Wirtschaft überwiegend vom Staat her definieren. Der Staat generiert Wohlstand, so die Botschaft, weniger die Unternehmen oder die freie Wirtschaft. Dagegen wird in Schweden und dem Vereinigten Königreich, die in der Studie als Vergleichsländer herangezogen wurden, unternehmerisches Handeln größer geschrieben. In Deutschland bleiben die Unternehmen als Akteure im Wirtschaftsprozess weitgehend eine Blackbox – wirtschaftliche Realitäten werden ausgeblendet und unternehmerische Perspektiven erschwert oder verhindert.

Deshalb ist das Motiv von Unternehmen, Verbänden, Stiftungen und anderen nachvollziehbar, mit eigenen Veröffentlichungen wirtschaftsthematische Zugänge zu ermöglichen. Sie wollen zum Verständnis der marktwirtschaftlichen Ordnung und ökonomischer Entscheidungen beitragen.

Der Beutelsbacher Konsens aus dem Jahr 1976 beinhaltet nicht nur ein Indoktrinationsverbot, sondern eben auch ein Kontroversitätsgebot. Lehrer dürfen Schüler demnach in ihrer Gesinnung nicht beeinflussen und sollten Sorge tragen, dass im Unterricht über all die Themen kontrovers diskutiert wird, die auch in Wissenschaft und Politik kontrovers sind. Aus diesem Grund können Materialien von Unternehmen und Verbänden dazu beitragen, wirtschaftliche Akteure und Konzepte ausgewogener und vor allem auch aus anderen Perspektiven darzustellen.

Lehrer mit solider wirtschaftswissenschaftlicher und -didaktischer Kompetenz sind in der Lage, die externen Unterrichtsmaterialien sinnvoll und zweckmäßig einzusetzen. Außerdem fördern sie so die ökonomische Urteils- und Handlungsfähigkeit der Schüler. Dem IW Köln zu unterstellen, es würde mit den veröffentlichten Materialien "Gehirnwäsche" (ZEIT Nr. 39/12) betreiben, ist schlichtweg ignorant. Diese Unterstellung verkennt nicht nur die Fakten, sondern tabuisiert eine Ungeheuerlichkeit: die Nachlässigkeit, mit der sich die Bildungspolitik um die Befähigung der jungen Generation zur verantwortungsvollen Teilnahme am gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Leben kümmert.

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Mit dieser Replik reagiert Helmut E. Klein auf den Artikel Gehirnwäsche auf Seite 71 der ZEIT, Nr. 39, in dem kritisiert wird, dass die Wirtschaft Lehrmaterial für Schüler bereitstellt.

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