Arbeiten in der digitalen Welt Image
Vieles spricht dafür, dass die Digitalisierung per Saldo zu mehr Beschäftigung führt. Foto: fatihhoca/iStock

"Die Technik ändert sich, die Regeln der Ökonomie bleiben die gleichen.“ Dies schrieben sinngemäß Carl Shapiro und Hal Varian, der heutige Chefökonom von Google, in ihrem Klassiker „Information Rules“ aus dem Jahr 1999. Fünfzehn Jahre später sind viele von der Gültigkeit dieser optimistischen Einschätzung nicht mehr überzeugt. Vielmehr hat sich bezüglich der Arbeitsmarkteffekte in der Öffentlichkeit eher das Bild des arbeitsplatzsparenden technischen Fortschritts, des erhöhten Flexibilitätsdrucks auf das Beschäftigungsverhältnis und des „entgrenzten“ digitalen Arbeitens festgesetzt.

Zweifelsohne: Digitalisierung ist wesentlich mehr als eine technische Veränderung. Die digitale Ökonomie hat das Potenzial, eine neue Welle wirtschaftlicher Entwicklungen auszulösen, die vor allem getrieben wird vom exponentiellen Wachstum der digitalen Speicherkapazitäten, die immer neue Formen technischer Lösungen ermöglichen, etwa im Bereich der Robotik. Auch die meisten Lebensbereiche dürften nach und nach stärker digitalisiert werden: Mobilität, Bildung, Wohnen, Energie und Gesundheit sind Schnittstellen im persönlichen Lebensumfeld zwischen dem Internet der Dinge und dem Internet der Dienste. Es stimmt schon, dass digitalisiert werden wird, was digitalisiert werden kann.

Zudem: Wirtschaft 4.0 und digitale Arbeit berühren zutiefst Technikthemen und die Welt der industriellen Wertschöpfung: Sensorik/Auto-ID-Technologien, Robotics/Automatisierung, IT-Systemtechnik, Virtualisierungs- und Simulationstechniken, Datenanalyse/BigData, Internettechnologien, Cloud Computing. Dies führt nicht nur immer stärker zu einem Mix von Automatisierungs-, Daten- und Internettechnologien, sondern ermöglicht auch eine „Industrialisierung“ bei der Produktion von Dienstleistungen. Dies wird sich auch auf die Lebensqualität von Menschen auswirken, etwa weil sich die „Convenience“ beim Zugang zu Dienstleistungen erhöht, die Zeit für die Suche nach Dienstleistungen verkürzt, die kostenlose Nutzung von Dienstleistungen möglich wird oder sich der materielle Ressourcenverbrauch etwa durch die Nutzung von „gewichtslosen“ Dienstleistungen vermindert.

Vieles spricht aber dafür, dass die Folgen der Digitalisierung für den Arbeitsmarkt nicht nur beherrschbar sind, sondern per Saldo eher zu mehr als zu weniger Beschäftigung führen werden. Eine aktuelle Studie des IW Köln kommt zu dem Ergebnis, dass für Deutschland auf absehbare Zeit keine negativen Beschäftigungseffekte zu erwarten sind. Vielmehr plant rund ein Drittel der digitalisierten Unternehmen eine Aufstockung des Personalbestandes, nur jeder zehnte digitalisierte Betrieb möchte Personal abbauen.

Fraglos hat die Digitalisierung Einfluss auf den Qualifikationsmix. Immer dann, wenn es um die Standardisierung von Prozessen geht, sind negative Beschäftigungseffekte, insbesondere bei Geringqualifizierten, zu erwarten. Zudem ist noch unsicher, wie sich die Digitalisierung, insbesondere in ihrer Ausprägung als „Industrie 4.0“, auf die Zukunft der Facharbeit auswirkt.

In einem „Spezialisierungsszenario“ – vereinfacht: der Mensch steuert das Cyber-Physische System – dürften die Beschäftigungseffekte und auch die Bedarfe an Facharbeit gegenüber einem „Automatisierungsszenario“ – vereinfacht: der Mensch unterstützt die Maschine – deutlich günstiger ausfallen. Für die optimistische Variante sprechen die bisherigen Erfahrungen mit den komparativen Vorteilen der industriellen Facharbeit in Deutschland: Die Anforderungen an die Komplexität sind insbesondere in den Berufsfeldern hoch, die eine große Nähe zu Industrie 4.0-Tätigkeiten aufweisen. Studien legen den Schluss nahe, dass gerade die berufliche Facharbeit eine gute Voraussetzung für ein ausgeprägtes Arbeitsvermögen und die Beherrschung von betrieblicher Komplexität bietet.

Die Sicherung des Vorsprungs Deutschlands bei der weiteren Entwicklung von „Industrie 4.0“ ist daher zu Recht inzwischen ein zentrales wirtschaftspolitisches Ziel. Dieser Prozess sollte nicht durch eine empirisch bisher nicht gut begründete vorauseilende Diskussion um neue gesetzliche Begrenzungen für die „Arbeit 4.0“ gefährdet werden. Ohne Zweifel wird sich die Arbeitswelt verändern, werden sich alte Fragen neu stellen, etwa wie sich Arbeits- und Privatleben voneinander abgrenzen lassen oder welche Arbeitszeitmuster zu einer digitalen Ökonomie passen. Und auch wenn für Industrie 4.0 keine vollständig neuen Berufsbilder und Ausbildungsberufe benötigt werden sollten, so ergibt sich ein großer Bedarf an einer laufenden Anpassung von Qualifikationen, die Bedeutung der Weiterbildung im Lebensverlauf dürfte deutlich zunehmen. In der schulischen Bildung wird die Vermittlung digitaler Kompetenzen wichtiger werden. Generationenunterschiede im alltäglichen Umgang mit digitalen Technologien sind wahrscheinlich, der Bedarf an IT-Fachwissen wird ebenso weiter zunehmen wie jener an Online-Skills.

Bei allen Veränderungen aber betonen auch digitalisierte Unternehmen die Bedeutung des beruflichen Erfahrungswissens. Dieses zu sichern und gleichzeitig strukturierte Veränderungen im Qualifikationsmix zu organisieren, ist letzten Endes damit auch eine Herausforderung für die betriebliche Qualifizierungs- und Personalpolitik, die sich auch hier in einem produktiv zu gestaltenden Spannungsverhältnis zwischen dem Flexibilitätsbedarf des digitalen Marktes und dem Stabilitätsbedarf der Beschäftigten befindet.

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