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Michael J. Sandel Quelle: Me Judice

Der "Kölner Stadt-Anzeiger" widmete einen ausführlichen Artikel dem derzeit vielzitierten Buch "Was man für Geld nicht kaufen kann" des amerikanischen Philosophen Michael J. Sandel. Dessen Kernthese ist, dass der Markt zunehmend in Lebensbereiche vordringt, in denen er nichts zu suchen hat. Dies wird mit zahlreichen Beispielen aus dem Alltagsleben bebildert. Die ausführliche Rezension aus der Feder der Kultur-Redaktion fiel eher distanziert aus. Als Ökonom liest man manche Stellen des Buches mit noch mehr Kopfschütteln.

Bildhaft ausgedrückt: Man mag sich ja wünschen, dass Wasser den Berg hinaufläuft. Da es das nicht von alleine tut, kann man natürlich gerne einmal versuchen, es dort hinaufzuschieben. Man darf sich allerdings nicht wundern, wenn es anschließend wieder herunterläuft. Das hat nichts mit einer vermeintlichen Tyrannei der Schwerkraft zu tun - sondern mit der Blauäugigkeit des Experiments.

Dieser Vergleich drängt sich zumindest bei einem von Sandels Beispielen auf. Es handelt von einer jährlich im New Yorker Central Park veranstalteten Sonderaufführung eines Shakespeare-Abends, deren Eintrittskarten kostenlos abgegeben werden. So sollen auch Kulturinteressierte ohne dicke Brieftasche einen hochkarätigen Theaterabend genießen können. Angesichts der Attraktivität des Events ist die Nachfrage natürlich weit höher als das Kartenkontingent. Es bilden sich entsprechend lange Warteschlangen.

Manch Wohlhabender will diese Form des Preises erfahrungsgemäß nicht zahlen. Er gibt lieber jemand anderem Geld dafür, dass er für ihn Schlange steht und ihm die Eintrittskarte dann überlässt. Sandel geißelt das als unmoralisch. Dabei ist es das Normalste der Welt: Wer vielleicht als Student oder Rentner viel Zeit und wenig Geld hat und dem Schlangestehen daher relativ wenig ausmacht, macht ein Geschäft mit jemand anderem, bei dem es sich genau umgekehrt verhält. Beide Partner gehen am Ende zufrieden auseinander - und zwar ohne dass ein Dritter geschädigt worden wäre.

Düpiert fühlen mag sich allenfalls der Veranstalter. Er muss mit ansehen, dass am Ende neben Armen auch einige Reiche in der Aufführung sitzen. Die hätten sich ebenso gut ein Ticket für eine reguläre Aufführung kaufen können. Doch ist es nicht ein kalter Markt, der sich einer mildtätigen Veranstaltung bemächtigt. Vielmehr unterlag der Veranstalter einem Trugschluss: Nicht jeder, der bereit ist, sich in eine Warteschlange zu stellen, ist auch an Kultur interessiert. Mit seinem blauäugigen Handeln ermöglicht der Veranstalter erst einen Markt.

Was knapp ist, muss zwangsläufig in irgendeiner Weise zugeteilt werden. Die ökonomische Theorie kennt dafür ganz unterschiedliche Verfahren. Das gängigste ist die Versteigerung. So funktioniert im Grunde jeder Markt. Dabei kommen stets diejenigen zum Zuge, die die höchste Zahlungsbereitschaft besitzen. Dieses Verfahren ist zugleich das effizienteste.

Andere Beispiele für Zuteilungsverfahren sind etwa das Windhundprinzip ("Wer zuerst kommt, mahlt zuerst"), die Verlosung, staatlich ausgegebene Bezugsscheine etc. Jede dieser Methoden hat Vor- und Nachteile und eignet sich daher jeweils in bestimmten Situationen. Wenn es - um unser Beispiel wieder aufzugreifen - darum geht, wirklich nur mittellosen Kulturinteressierten Zugang zu einem hochkarätigen Theaterabend zu verschaffen, ist keines dieser Verfahren zielführend. Man wird dann um eine Bedürftigkeitsprüfung bei den Karteninteressenten nicht umhinkommen. Den bürokratischen Aufwand kann sich jeder leicht ausmalen. Ob Sandel wirklich lieber in einer solchen Gesellschaft leben wollte?

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