Warum die Schwarzarbeit in Südeuropa floriert Image
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"Brauchen Sie eine Quittung?" Diese Frage sollen Kunden nach dem Willen der griechischen Steuerbehörde nicht mehr hören. Für alle Einkäufe ist auf Verlangen der Finanzpolizei eine Quittung vorzuweisen, sonst drohen künftig harte Strafen, heißt es. Schließlich sind die aktuellen Staatsschuldenprobleme der südeuropäischen Länder ja auch eine Folge der weitverbreiteten Steuerhinterziehung und Schwarzarbeit. Wirtschaftliche Aktivitäten jenseits von Besteuerung, Regulierung und Erfassung im offiziellen Bruttoinlandsprodukt (BIP) haben nicht nur, aber vor allem in den sogenannten PIGS-Staaten (Portugal, Italien, Griechenland, Spanien) eine lange Tradition. Das zeigen zum Beispiel die Schätzungen zum Umfang der Schattenwirtschaft.

Die Schattenwirtschaft kann man nicht direkt messen. Mit makroökonomischen Schätzmethoden, die von Friedrich Schneider (Universität Linz) und seinen Koautoren seit Jahren durchgeführt werden, wird aber versucht, ihren Umfang indirekt zu ermitteln. Bekannt ist der sogenannte Bargeldansatz. Dieser basiert auf der plausiblen Annahme, dass die in der Schattenwirtschaft erbrachten Leistungen überwiegend bar bezahlt werden. Unter Verwendung einer Bargeldnachfragefunktion wird der Umfang der Schattenwirtschaft dann näherungsweise aufgrund der quantitativ erfassbaren Ursachen der Schattenwirtschaft (zum Beispiel Steuerbelastung, Regulierung) und weiterer Variablen (Bargeld, offizielle Arbeitszeit etc.) ermittelt. Trotz teilweise berechtigter Kritik an den Annahmen und der Methodik, werden Schätzungen auf dieser Basis vielfach für internationale Vergleiche genutzt.

Auf dieser Grundlage kann das Verhältnis der Schattenwirtschaft zum BIP geschätzt werden. Die Rangfolge der Länder hat sich in den letzten 20 Jahren dabei kaum verändert. In den angelsächsischen Staaten (mit 7 bis 12 Prozent Schattenwirtschaft) gibt es vergleichsweise weniger illegale Beschäftigung, Schwarzarbeit und irreguläre Aktivitäten als in den skandinavischen Ländern (13 bis 14 Prozent). Die geringere Steuermoral und ineffiziente Verwaltung und Bürokratie in den PIGS-Staaten führen hingegen zu einem verhältnismäßig großen Anteil der Schattenwirtschaften (19 bis 25 Prozent). Wenn die offiziellen Institutionen nicht effizient und effektiv arbeiten, bietet das Arbeiten im offiziellen Sektor keine besonderen Vorteile (wie zum Beispiel mehr Rechtssicherheit, besseren Versicherungsschutz oder höhere Qualität) im Vergleich zur informellen Wirtschaft. Mehr wirtschaftliche Freiheit durch weniger Regulierung, transparente und einfache Besteuerung in Verbindung mit guten, verlässlichen Institutionen in der offiziellen Wirtschaft können dagegen die Anreize verringern, im Untergrund zu arbeiten. Vor allem darf der Ehrliche sich nicht länger als der Dumme fühlen. Dies ist wichtiger als höhere Strafen und mehr Kontrollen, die – wenn überhaupt – nur in Kombination mit besseren institutionellen Rahmenbedingungen zur Bekämpfung der Schwarzarbeit taugen.

Um mehr über Schwarzarbeit zu erfahren, wurden auch repräsentative Bevölkerungsumfragen durchgeführt. Allerdings sind die Ergebnisse (bisher) international kaum vergleichbar. Auch in Deutschland unterscheiden sich die Ergebnisse deutlich, je nachdem ob nach „Schwarzarbeit" oder „nicht angemeldeter Beschäftigung" gefragt wird. In einer Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln hat jeder Fünfte zugegeben, im Jahr 2007 selbst schwarzgearbeitet zu haben. Fast jeder Dritte hat auf Schwarzarbeit zurückgegriffen. Dabei haben Männer (25 Prozent) häufiger schwarzgearbeitet als Frauen (16 Prozent). Ähnliche Ergebnisse zur Aufteilung zwischen Mann und Frau finden sich auch bei anderen Umfragen zum Beispiel von Lars P. Feld und Claus Larsen, die jedoch bei der Frage nach „nicht angemeldeter Beschäftigung" teilweise zu deutlich niedrigeren Werten (3 bis 7 Prozent der Bevölkerung) kommen.

Schwarzarbeit kann, anders als reine Steuerhinterziehung, den Wohlstand erhöhen, weil zum Beispiel Renovierungsarbeiten in Auftrag gegeben werden, die unter den regulären Bedingungen aus Kostengründen nicht durchgeführt würden. Allerdings würde geschätzt ein Viertel der Deutschen diese Arbeiten auch offiziell ausführen lassen. So könnten in Deutschland ohne Schwarzarbeit mehr als 500 000 Vollzeitarbeitsplätzen in der offiziellen Wirtschaft entstehen. Dies wäre verbunden mit Mehreinnahmen für Staat und Sozialversicherungen von rund 8 Milliarden Euro pro Jahr. In Südeuropa schlummern noch deutlich größere Job- und Einnahmepotenziale, wenn die institutionellen Reformen konsequent umgesetzt werden.

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EU-Pläne gegen Steuervermeidung
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EU-Pläne gegen Steuervermeidung Deutschland darf nicht zu viel erwartenArrow

Die Europäische Kommission will heute ein Maßnahmenpaket auf den Weg bringen, um Steuervermeidung zu bekämpfen. Politiker träumen deshalb bereits von vielen zusätzlichen Steuer-Milliarden, die ihnen eine Studie der OECD verspricht. Doch die Studie beruht teilweise auf fragwürdigen Annahmen und für große Industrieländer wie Deutschland wäre der Effekt ohnehin minimal. mehr

IW-Kurzbericht, 24. Mai 2016

Martin Beznoska / Tobias Hentze Tax Policy – The Fiscal Revenue Effects of International Tax PlanningArrow

In the course of the “Panama Papers” discussion, questions arise concerning the fiscal effects of international profit shifting and tax avoidance. A recent OECD study estimates the worldwide corporate tax losses to lie between 4 and 10 percent of the revenues. Applied to Germany, this would reflect between 3 and 7 billion Euro or maximum 1 percent of total tax revenues. However, the estimation underlies questionable assumptions and therefore severe uncertainties. mehr

IW-Kurzbericht, 8. April 2016

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Ein internationaler Rechercheverbund hat dubiose Finanzgeschäfte bekannter Persönlichkeiten enthüllt. Die „Panama Papers“ werden auch Deutschland lange beschäftigen. Von mehr Kontrolle bis hin zur Entsendung der Kavallerie reichen die Vorschläge, mit denen gegen Steueroasen vorgegangen werden soll. Leere martialische Drohungen sind nicht glaubwürdig und juristische Lösungen alleine reichen nicht. Vielmehr sollten die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Eliten ihrer Vorbildfunktion gerecht werden – schon aus purem Eigeninteresse. mehr