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Jetzt ein Marshmallow essen, oder warten und dafür noch ein zweites bekommen? Foto: Julia Sudnitskaya/iStock

Die Flutung der Märkte mit billigem Geld ist das wohl größte Weihnachtsgeschenk, das Mario Draghi und die Europäische Zentralbank der öffentlichen Hand machen konnten. Die makroökonomischen Auswirkungen stehen dabei vielfach im Fokus von Analysen und der Berichterstattung. Weit weniger Beachtung finden hingegen bisher die langfristigen Konsequenzen auf individueller und verhaltensökonomischer Ebene. Bisher sind vor allem die Folgen für die private Altersvorsorge, die Überschussbeteiligungen bei Versicherungen und die Kapitallebensversicherungen thematisiert worden. Dabei stellen die Negativzinsen auch zentrale evolutionäre Erfahrungen in Frage, die sich im Laufe der Menschheitsgeschichte gebildet haben. Dies hat noch nicht absehbare Folgen für das Verhalten von Menschen im ganz normalen Alltag jenseits der Geldanlage.
Bedürfnisaufschub, Selbstkontrolle, Konsumverzicht und Sparen sind zentrale Bausteine für ein gelingendes Leben. Selbstkontrolle ist neben Intelligenz eine der wichtigsten Eigenschaften für beruflichen Erfolg. Das bekannte Marshmallow-Experiment hat dies eindrücklich gezeigt. Dabei wurden 600 Kinder in den 1960er Jahren vor die Wahl gestellt: Möchtest du jetzt ein Marshmallow essen, oder willst du warten und als Belohnung dafür noch ein zweites bekommen? Das Ergebnis zeigt, dass die Kinder, die ihren Konsum besonders lange aufschieben konnten, im späteren Berufsleben im Durchschnitt häufiger einen Uni-Abschluss machten, ihre Beziehungen stabiler waren, sie seltener Drogen nahmen und zudem schlanker waren als die Ungeduldigen. Die Fähigkeit zum Konsumverzicht wird im späteren Leben belohnt.

Negativzinsen bestrafen nun diesen Konsumverzicht, denn der Konsum heute wird im Vergleich zum Konsum morgen belohnt. Damit wird das zeitinkonsistente, irrationale Verhalten der Menschen nun auch noch belohnt; die Gegenwartspräferenz wird durch Negativzinsen verstärkt und nachhaltiges Leben und Wirtschaft erschwert. Es wird mit anderen Worten rational, seinen Bedürfnissen sofort nachzugeben. Warum sollte ich warten, wenn ich dafür noch nicht einmal in Form von Zinsen belohnt werde?

Es fällt den Menschen schon jetzt schwer, die guten Vorsätze, die zum Jahreswechsel so häufig formuliert werden, auch umzusetzen. Wenn Sparen nicht mehr belohnt, sondern bestraft wird, dürfte dies mittelfristig auch auf andere Lebensbereiche ausstrahlen und die Selbstkontrolle schwächen und die Ungeduld fördern. Mit Selbstbindung und langfristigen Verträgen versuchte schon Odysseus sich gegen impulsives Verhalten und gegen die Verführung der Sirenen zum kurzfristigen Genuss zu schützen. Wenn die Langfristorientierung aber keinen zusätzlichen Nutzen mehr verspricht, warum sollte ich mich selbst binden durch langlaufende Sparverträge, Geldanlagen oder Vermögensbildung? Bleibt noch das Angstsparen, gegebenenfalls im Sparstrumpf.

Die Geldschwemme hat möglicherweise auch Auswirkungen auf das Spendenverhalten rund um Weihnachten. Geldgeschenke und Gutscheine sind nach Büchern das beliebteste Weihnachtsgeschenk für die lieben Verwandten. Geld ist aber auch die häufigste und wichtigste Form der Spenden an Hilfsorganisationen, gefolgt von Sachspenden und dem eigenen Engagement (Zeitspende). Im letzten Jahr wurde in Deutschland im Dezember mit über 1 Milliarden Euro dreimal so viel gespendet wie im Durchschnitt der übrigen elf Monate des Jahres. Die Negativzinsen machen das Spenden in diesem Jahr noch attraktiver, denn die Opportunitätskosten, also die Kosten der alternativen Verwendung in Form von Sparen, sind deutlich geringer geworden als in früheren Jahren. Nur das Steuersparen ist dank weiterhin hoher Steuersätze unverändert attraktiv. Da Spenden und Mitgliedsbeiträge an gemeinnützige Organisationen von der Steuer abgesetzt werden können, eignet sich diese Art der Geldverwendung gut als legale und zudem altruistische Steuersparmethode.

Immerhin zwischen 5 und 6 Milliarden Euro pro Jahr wurden in den letzten Jahren steuerlich als Spende an wohltätige Organisationen geltend gemacht. Für fast die Hälfte der Spender ist die Hilfe für andere Menschen dabei ein Ritual, eine Gewohnheit. Solche Gewohnheiten (Habits) sind aus verhaltensökonomischer Sicht auch einer der Gründe, warum bisher die niedrigen Zinsen noch keine drastischeren Auswirkungen auf das Verhalten der Kleinsparer haben. Ganz anders ist dies bei gemeinnützigen Stiftungen. Diese finanzieren ihre Projekte vielfach nur aus den Erträgen ihrer Vermögensanlagen. Das bürgerschaftliche Engagement von Stiftungen wird sich somit weiter verringern, wenn die Projekte nicht mehr durch die Zinsen aus den lukrativen, früheren Rücklagen finanziert werden können.

Sparen lohnt sich nicht. Aber verhaltensökonomische Studien zeigen, dass auch Konsumieren nicht dauerhaft glücklich macht. Warum also nicht lieber schenken und spenden? Eine Analyse der Gallup World Poll für über 120 Länder zeigt, dass Menschen, die Geld gespendet hatten, zufriedener mit ihrem Leben waren. Der Anstieg der Zufriedenheit, der durch das Schenken hervorgerufen wurde, war genauso hoch wie der bei einer Verdoppelung des Einkommens. Schenken erhöhte das Zufriedenheitsniveau zudem nicht nur in reichen, sondern auch in armen Ländern.

Der positive Effekt des Schenkens ist sogar schon bei Kleinkindern beobachtbar: Sie waren glücklicher, wenn sie etwas verschenkten, als wenn sie selbst etwas geschenkt bekamen. Vielleicht ist das der wahre Grund, warum Mario Draghi der öffentlichen Hand ein so großzügiges Geldgeschenk gemacht hat.

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Schadet die EZB-Geldpolitik mehr, als sie nützt?
Gastbeitrag, 19. Oktober 2016

Michael Hüther im Magazin Positionen Schadet die EZB-Geldpolitik mehr, als sie nützt?Arrow

Die Europäische Zentralbank will die Wirtschaft ankurbeln, indem sie die Zinsen gen null drückt: Sparen allein lohnt nicht mehr – wer sein Geld mehren will, muss investieren. Aber sorgt dieser Gedanke tatsächlich für den angestrebten Effekt? Diese Frage ergründet IW-Direktor in einem Gastbeitrag für Positionen, das Magazin der deutschen Versicherer. mehr