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Axel Plünnecke Quelle: IW Köln

Der demografische Wandel reduziert das Wachstumspotenzial der Volkswirtschaft. Gründe dafür sind der Rückgang der Zahl an Erwerbspersonen. Ältere aus dem Erwerbsleben ausscheidende Fachkräfte müssen durch jüngere in den Arbeitsmarkt eintretende Fachkräfte ersetzt werden. Daneben besteht ein Expansionsbedarf an Fachkräften, wenn die Wirtschaft wächst. Insbesondere der demografische Ersatzbedarf an Ingenieuren und beruflich qualifizierten Personen wird in den kommenden Jahren deutlich steigen. Gleichzeitig treten geburtenschwache Jahrgänge in den Arbeitsmarkt ein.

Zwischen 2010 und 2020 dürfte es aufgrund der doppelten Abiturientenjahrgänge und der Einführung der Bachelorstudiengänge bei den akademischen Berufen insgesamt nur zu einer leichten Anspannung am Arbeitsmarkt für Fachkräfte kommen. Nach diesen Sondereffekten wird aber ab dem Jahr 2020 der demografische Wandel durchschlagen. Jährlich dürften zwischen den Jahren 2025 und 2030 rund 65.000 Akademiker fehlen. Kumulativ wird daher in 20 Jahren ein erheblicher Mangel an Akademikern fast aller Fachbereiche bestehen.

Nochmals angespannter als bei den Akademikern insgesamt ist die Fachkräftesituation bei einzelnen akademischen Berufen im Gesundheitsbereich und bei technischen Berufen. Bereits im Jahr 2007 warnte die OECD, dass Deutschland im Ingenieurbereich vor einer gravierenden demografischen Herausforderung steht, da hierzulande weniger als ein junger Ingenieur auf einen älteren Ingenieur kommt und somit bereits allein die demografische Entwicklung zu Fachkräfteengpässen führt. In den kommenden zehn Jahren werden folglich jährlich etwa 30.000 Ingenieurabsolventen fehlen, zwischen 2020 und 2030 dürfte die jährliche Lücke weiter bis auf 40.000 steigen. Der Hauptgrund für diese Entwicklung: der demografische Ersatzbedarf an Ingenieuren steigt stark an. Während der Anteil der Ingenieure an allen aus dem Arbeitsmarkt ausscheidenden Akademikern bei über 26 Prozent liegen dürfte, beträgt der Anteil der Ingenieure an allen Hochschulabsolventen lediglich knapp 17 Prozent.

Auch bei den beruflich Qualifizierten wird es aus demografischen Gründen zu erheblichen Fachkräfteengpässen kommen. In den nächsten zehn Jahren dürften durchschnittlich pro Jahr etwa gut 600.000 Fachkräfte aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Im Zeitraum 2020 bis 2030 dürfte der jährliche demografische Ersatzbedarf auf gut 700.000 Personen steigen. Selbst wenn alle jungen Menschen, die sich nicht für ein Studium entscheiden, eine Berufsausbildung abschließen würden, könnten bis Ende des Jahrzehnts mehr als eine Million altersbedingt ausscheidende Fachkräfte nicht durch Absolventen der Berufsausbildung ersetzt werden.

Eine Studie des IW zu volkswirtschaftlichen Effekten einer besseren Integration zeigt, dass erhebliche Fachkräftepotenziale der Bevölkerung mit Migrationshintergrund gewonnen werden können. Zurzeit leben in Deutschland über 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Entscheidend zur Deckung des Fachkräftebedarfs ist es, dass möglichst viele Menschen in Deutschland eine Berufsausbildung abschließen. In der Altersgruppe von 25 bis 64 Jahren beträgt der Anteil der Personen ohne beruflichen Abschluss unter der Migrantenbevölkerung ohne eigene Migrationserfahrung 26 Prozent und 40 Prozent bei der Bevölkerung mit Migrationserfahrung. Diese Bildungsarmutsquote ist damit bei Migranten deutlich höher als bei der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund (11 Prozent). Könnte der Anteil der Migranten ohne Berufsausbildung auf das Niveau der Nicht-Migranten reduziert werden, so stünden dem deutschen Arbeitsmarkt zusätzlich 620.000 Fachkräfte im Alter zwischen 25 und 34 Jahren und 733.000 Fachkräfte im Alter zwischen 35 und 44 Jahren zur Verfügung.

Schulabgängern mit Migrationshintergrund gelingt deutlich seltener ein erfolgreicher Übergang in die berufliche Bildung als Nicht-Migranten. Als eine wichtige Ursache für die schlechteren Übergangschancen Jugendlicher mit Migrationshintergrund sind Kompetenzunterschiede im Vergleich zu Nicht-Migranten zu nennen. Nach der Pisa-Untersuchung aus dem Jahr 2006 sind im Schwerpunktbereich Naturwissenschaften 40 Prozent der Migranten ohne eigene Migrationserfahrung (zweite Generation) als Risikogruppe einzustufen. Diese als bildungsarm zu bezeichnende Gruppe beträgt unter den 15-jährigen Jugendlichen ohne Migrationshintergrund lediglich gut zehn Prozent.

Die ungünstigeren Eckdaten zur Qualifikation der Migrantenbevölkerung spiegeln sich auch in zentralen Arbeitsmarktkennziffern wider. Die Erwerbslosenquote ist im Jahr 2007 mit 14 Prozent etwa doppelt so hoch wie bei der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Auch wenn die Arbeitslosenquoten von Migranten und Nicht-Migranten mit gleicher formaler Qualifikation verglichen werden, ergeben sich Unterschiede. Ein wesentlicher Grund für die höhere Arbeitslosenquote besteht in vorhandenen Sprachdefiziten. Bei gegebenem Alter, Geschlecht und Qualifikationsniveau steigt das Arbeitslosigkeitsrisiko gegenüber anderen Migranten um 60 Prozent an, wenn im Haushalt nicht Deutsch gesprochen wird. Integrationskurse des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge sind daher für den späteren Arbeitsmarkterfolg sehr hilfreich.

Die IW-Studie zeigt, dass die Politik durch eine bessere Bildungsintegration die Fachkräftesituation in Deutschland und damit die Wachstumsaussichten der Volkswirtschaft langfristig verbessern kann. Eine bessere frühkindliche Förderung ist langfristig der zentrale Schlüssel zu einer besseren Förderung der Kinder mit Migrationshintergrund. Mittelfristig wirken sich eine passgenaue Vermittlung und andere Maßnahmen zur Erhöhung der Effizienz des Übergangs in die berufliche Bildung positiv aus. Kurzfristig ist es ebenso wichtig, transparente Bewertungsverfahren und Weiterbildungsmöglichkeiten zu schaffen, mit denen die im Ausland erworbenen Abschlüsse besser als bisher am deutschen Arbeitsmarkt verwertet werden können. Alles in allem verzinsen sich die für eine bessere Bildungsintegration eingesetzten Mittel des Staates mit jährlich etwa zwölf Prozent, da die dringend benötigten Fachkräfte zu zusätzlichen Steuern und Einnahmen der Sozialversicherung beitragen.

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