Die intellektuelle Schadenfreude war unverhohlen. Als die amerikanische Immobilienblase im Herbst vollends platzte und die Finanzmärkte in die Knie zwang, da sah sich die antikapitalistische Mehrheitsmeinung bestätigt. "Ungezähmte" Märkte könnten nun einmal nicht zuverlässig funktionieren, hieß es. Es sei an der Zeit, dass die Politik das Primat über die Wirtschaft wiedererlange. Endlich sei das ökonomistische Glücksversprechen des Neoliberalismus aufgeflogen als naiver und gefährlicher Irrglaube, der jeglicher seriösen philosophischen Basis entbehre. Im Zuge dieser Anschuldigungen ist zwangsläufig auch der Pionier der modernen Volkswirtschaftslehre und intellektuelle Stammvater der liberalen Ökonomie verstärkt in die verbale Schusslinie geraten: Adam Smith (1723-1790).

Philosophische Unterbelichtung indes kann man gerade ihm kaum vorwerfen. Adam Smith zählt zur "schottischen Aufklärung", jener fortschrittlichen philosophischen Strömung des späten achtzehnten Jahrhunderts, die ganz auf empirische Beobachtung und praktische Vernunft setzte. Von dem Physiker und Philosophen Isaac Newton (1643-1727) hatten die Denker der schottischen Aufklärung ihre Überzeugung, dass es möglich ist, in der Beobachtung der Realität die ihr zugrundeliegenden Naturprinzipien zu erfassen. Ihr Ziel war es, die Gesetzmäßigkeiten menschlichen Verhaltens und die daraus folgenden Strukturprinzipien für das Leben in Gemeinschaft und Gesellschaft aufzudecken.

Smith war ein klassischer Intellektueller seiner Zeit, Universalgelehrter, hochintelligent, perfektionistisch, zerstreut und ewiger Junggeselle. Geboren im Fischerstädtchen Kirkcaldy an der schottischen Ostküste, kam er aus wohlsituiertem Hause; die vor seiner Geburt verwitwete, ihm zeitlebens eng verbundene Mutter förderte seine Ausbildung kräftig.

In grober Verzerrung wird Smith heute oft als jener Ökonom wahrgenommen, der allzu idealistisch davon ausging, dass sich der individuelle Egoismus im gesellschaftlichen Miteinander auf dem Markt durch das Wirken einer "unsichtbaren Hand" in allgemeines Wohlgefallen auflöst. Auf diesen verkürzenden, irreführenden Nenner wird gelegentlich die Kernaussage seines bekanntesten und mit etwa 1000 Seiten voluminösesten Buches gebracht, des 1776 erschienenen "Wohlstands der Nationen". Hier wirft man Smith gern vor, die persönliche Gier und den Eigennutz der Menschen als Antriebskraft der wirtschaftlichen Entwicklung nicht nur toleriert, sondern vielmehr moralisch freigesprochen zu haben. Dabei lebe der Markt wie die Gesellschaft von Voraussetzungen, die er selbst nicht schaffen könne – und die er, schlimmer noch, unterminiere. So lege auch jetzt wieder das Verhalten mancher Akteure an den Finanzmärkten nahe, dass die Gier eine sozial höchst destruktive Kraft sei und dass es unregulierten Märkten eben nicht gelingen könne, sie in Schach zu halten.

Dabei liegt Smith kaum etwas ferner, als Gier und Eigennutz zu einer Art Normalfall zu erklären, sie moralisch zu beschönigen oder sie auch nur auszublenden. Das unterscheidet ihn von Thomas Hobbes (1588-1679), dem der Mensch des Menschen Wolf war, und auch von Bernard Mandeville (1670-1733), der in seiner berühmten "Bienenfabel" satirisch behauptet hatte, private Laster hätten öffentlichen Nutzen zur Folge. Davon grenzte sich Smith bewusst ab. Heutige Wirtschaftswissenschaftler, die den Schotten zu verteidigen suchen, erwähnen zum Beweis außerdem regelmäßig, dass er von Haus aus gar nicht Ökonom war, sondern Moralphilosoph. Das ist zur Beweisführung zwar überflüssig, aber es ist richtig: Schon mit 14 Jahren hatte sich Smith an der Universität Glasgow für das Studium der Moralphilosophie eingeschrieben; Francis Hutcheson war sein tief bewunderter Lehrer. Ein Stipendium brachte ihn anschließend nach Oxford. 1751 erhielt Smith eine Professur für Logik an seiner Alma Mater in Glasgow und erklomm schon ein Jahr später den frei gewordenen, ehemals Hutchesonschen Lehrstuhl für Moralphilosophie.

Aus den Glasgower Vorlesungen destillierte Smith sein erstes Buch, die 1759, vor nunmehr 250 Jahren, veröffentlichte "Theorie der ethischen Gefühle", in der er schon das berühmte Bild von der "unsichtbaren Hand" verwendete. Das Buch verkaufte sich wie warme Semmeln. Aus London schrieb David Hume dem Autor in foppender Ironie: "Ich muss Ihnen nun die traurige Nachricht überbringen, dass Ihr Buch ein sehr unglückliches Schicksal erlitten hat: die Öffentlichkeit scheint ihm im Übermaß zu applaudieren. Es ist von den dummen Leuten mit einiger Ungeduld erwartet worden; und der Mob der Intellektuellen bricht bereits in laute Lobgesänge aus." Das Buch machte ihn sogar zum ausdrücklichen Liebling des Königsberger Philosophen Immanuel Kant.

Heute indes ist die "Theorie" sträflich in Vergessenheit geraten. Allenfalls wird sie noch zum Kronzeugen dafür erkoren, dass Smith nicht blind war für Fragen der Moral: Hier dreht sich auf rund 400 Seiten alles um die Frage, wie der Mensch durch das Miteinander mit anderen erkennt, was tugendhaft ist. Es ist ein Buch über soziale Selbstorganisation im Gewand einer moralpsychologischen Untersuchung. Es geht darum, wie die moralischen Voraussetzungen von Gesellschaft und Wirtschaft zustande kommen und was sie erhält. Es geht um Empathie, Wohlwollen, Gewissen und Selbstkontrolle.

Es hieße der "Theorie der ethischen Gefühle" und auch dem Smithschen Gesamtwerk unrecht tun, wenn man dieses erste große Buch als Gegengewicht zum "Wohlstand der Nationen" wahrnähme. Beide Bücher präsentieren ein geniales logisches System aus einem Guss. Ihre angebliche Gegensätzlichkeit ist ein Mythos. Bezeichnenderweise handelt es sich um einen deutschen Mythos, der zwar wissenschaftlich längst zerstört ist, sich in den Köpfen aber hartnäckig festgesetzt hat. Noch heute wird in internationalen Fachkreisen über "the das Adam Smith Problem" (sie) gestritten. Es waren Vertreter der Historischen Schule, jenes ebenfalls empirisch-erfahrungswissenschaftlich ausgerichteten, aber in der abstrakten Ableitung schwachen deutschen Sonderwegs in der Nationalökonomie, die im neunzehnten Jahrhundert eine "Umschwungstheorie" lancierten. Demnach hatte Smith im Laufe seines Lebens die Meinung geändert und die Sorge um die individuelle Moral schlicht verdrängt, hatte sich gleichsam vom Paulus zurück zum Saulus gewandelt. Diese Behauptung, die nur auf eine mangelnde Quellenkenntnis zurückzuführen sein kann, ist irrig: Auch Smith selbst betrachtete seine "Theorie der ethischen Gefühle" als das wichtigere Buch, an dem er bis zu seinem Tod auch immer wieder Verbesserungen und Verfeinerungen anbrachte. Zu seinen Lebzeiten kamen sechs überarbeitete Neuauflagen heraus, von denen keine mit einer inhaltlichen Kehrtwende einherging.

Nach diesem großen Wurf war Smith ein gemachter Mann. Sein wissenschaftliches Renommee brachte ihm eine großzügig dotierte Stellung als Tutor des Duke of Buccleuch ein. Er gab seine Professur auf und begleitete seinen Schüler auf eine mehrjährige Bildungsreise nach Frankreich. Dort traf er unter anderen Benjamin Franklin, den Universalgelehrten und späteren Gründungsvater der Vereinigten Staaten. Er diskutierte mit europäischen Geistesgrößen wie Voltaire, Turgot und Quesnay und dachte zunehmend über volkswirtschaftliche Zusammenhänge nach. Nach der Rückkehr zog er sich zehn Jahre nach Kirkcaldy zurück, um seine Notizen auszuwerten und ein umfassendes ökonomisches Werk zu verfassen – den "Wohlstand der Nationen". Hier beschreibt er die Systemlogik des Marktes aus den individuellen Handlungen heraus, erklärt das Spiel der Anreize, differenziert zwischen Individualethik und Ordnungsethik, beleuchtet das Zustandekommen und den Nutzen der Arbeitsteilung, begründet den Freihandel. Smith versucht sich sogar an einer – gründlich missratenen, Karl Marx später in die Hände spielenden – Arbeitswertlehre. Auch dieses Buch war ein großer intellektueller wie kommerzieller Erfolg.

Dass Smith selbst die "Theorie der ethischen Gefühle" und den "Wohlstand der Nationen" für gleichrangig erachtete, untermauert auch die Tatsache, dass sie die einzigen beiden Hauptwerke sind, die er der Nachwelt hinterlassen mochte. Kurz vor seinem Tod ließ Smith, der zuletzt als schottischer Zollkommissar in Edinburgh gelebt und gearbeitet hatte, fast alle sonstigen Manuskripte verbrennen.

Beide Hauptwerke haben denselben methodischen Ansatz, parallele Prämissen und ein analoges Ergebnis. Der methodische Ansatz ist typisch für den Empirismus der schottischen Aufklärung: Smith versucht, mit Hilfe der Beobachtung den Gesetzen der Natur auf die Spur zu kommen. So beschreibt er in beiden Büchern sehr differenziert, was ist, aber nicht, was sein soll. Daher liegt es ihm auch so fern, Gier und Eigennutz zu beschönigen: Das ist nicht sein Thema. Smith ist Sozialtheoretiker, nicht Moralist. Nirgendwo präsentiert er eine unmittelbare normative Lehre; nur hin und wieder kann er sich eines aufbrausenden Urteils nicht enthalten. So mokiert er sich in der "Theorie" über Politiker, die aus Begeisterung für ihre schönen Pläne den Realitätsbezug verlieren. Und im "Wohlstand" spottet er, dass sich das merkantilistische England wohl nie zu echtem Freihandel wird durchringen können. Grundsätzlich jedoch beschränkt sich Smith darauf, das Verhalten der Menschen zu beobachten und universelle Gesetzmäßigkeiten abzuleiten. Und da der Mensch in Gemeinschaft lebt, mündet dies in die sozialwissenschaftliche Frage, was sich in diesem Miteinander aus der Interaktion der Menschen ergibt.

In seinen Prämissen legt Smith Wert auf vorurteilsfreien Realismus: Er macht die Menschen nicht besser, als sie sind, aber auch nicht schlechter. In beiden Büchern geht er davon aus, dass Menschen zielgerichtet handeln und besser als Dritte in der Lage sind, für sich selbst zu entscheiden. In der "Theorie der ethischen Gefühle" trifft er darüber hinaus die wichtige Grundannahme, dass der Mensch von Natur aus empathiefähig ist: "Mag man den Menschen für noch so egoistisch halten, es liegen doch offenbar gewisse Prinzipien in seiner Natur, die ihn dazu bestimmen, an dem Schicksal anderer Anteil zu nehmen, und die ihm selbst die Glückseligkeit dieser anderen zum Bedürfnis machen, obgleich er keinen anderen Vorteil daraus zieht, als das Vergnügen, Zeuge davon zu sein." Zudem sei jedermann daran gelegen, anderen zu gefallen: "Als die Natur den Menschen für die Gesellschaft bildete, da gab sie ihm zur Aussteuer ein ursprüngliches Verlangen mit, seinen Brüdern zu gefallen, und eine ebenso ursprüngliche Abneigung, ihnen wehe zu tun." Mehr noch, der Mensch will nicht nur gefallen, er will auch gleichsam sichergehen und würdig sein zu gefallen. Folglich kann er das Urteil über sein Verhalten auch nicht nur den anderen überlassen, sondern muss sich vorbereiten. Das tut er in Smiths genialer Konzeption mit Hilfe eines fiktiven "unparteiischen Zuschauers", der nichts anderes ist als das Gewissen in der eigenen Brust. Smith befasst sich bewusst nicht nur mit der Vernunft, sondern mit Gefühlen (sentiments) als Quelle des Wissens über moralische Angemessenheit. Was gut und tugendhaft ist, erspürt und erkennt der Einzelne aus der unmittelbaren Reaktion der Mitmenschen, aus der geleisteten oder verweigerten Gegenseitigkeit sowie aus Zuspruch, oder Tadel des eigenen "unparteiischen Zuschauers". Dieser weiß zwar nicht mehr als die Person selbst, aber er ist in der Lage, den einen entscheidenden Schritt zurück zu tun, sich dem kurzfristigen Kalkül zu entziehen und besonnen abzuwägen. Er bringt gegenüber den Empfindungen das rationale Element ins Spiel. Allerdings bedarf der Mensch dazu der Vorstellungskraft und eben der Empathie: Er muss sich vorstellen, wie jemand anderes ihn wahrnehmen würde, und das nicht von seiner eigenen Warte aus, mit den eigenen Prägungen, sondern von des anderen Warte aus, mit dessen eigenen Prägungen.

In diesem Prozess der von Einfühlungsvermögen getragenen Rückkopplungen zwischen verschiedenen Personen, aber auch innerhalb einer Person gleichsam zwischen dem Ich und dem "Über-Ich" entstehen die individuellen und die gesellschaftlichen Moralvorstellungen, kategorischen Imperative und sonstigen Tugendregeln. Diese haben ein gestaffeltes Muster: So ist es ganz natürlich, wenn wir uns der Familie stärker verpflichtet fühlen als Fremden. In der Kleingruppe sind wir solidarisch, in der anonymen Großgesellschaft können wir nur unserem aufgeklärten, regelgebundenen Selbstinteresse folgen. Smith stellt dies fest, erklärt es – und verurteilt es keineswegs. Für ihn ist dies der weise Lauf der Natur.

So wie Smith in der "Theorie der ethischen Gefühle" einen fortlaufenden Austauschprozess auf dem Markt der Normen schildert, widmet er sich im "Wohlstand der Nationen" dem Markt im engeren Sinne, das heißt dem Markt für Güter und Dienstleistungen. Hier setzt er als Grundannahme fest, dass der Mensch eine natürliche Neigung habe, Tauschhandel zu betreiben (truck, barter, and trade). Diese Neigung ist eine Unterform der Empathie. Um Handel treiben zu können, muss man etwas von seinem Gegenüber wollen. In der "Theorie" ist dies Anerkennung; im "Wohlstand" ist es eine Ware oder Dienstleistung. Beides löst Austauschprozesse aus. Und wie immer funktionieren Austauschprozesse nur, wenn Gegenseitigkeit gewährleistet ist. In der Kleingruppe sorgen unmittelbare soziale Kontrolle und emotionale Nähe dafür, in der Großgesellschaft wird dies ersetzt durch tradierte Konventionen und Institutionen. Das macht die Großgesellschaft stabil. Und so kann Smith schreiben, dass wir "nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers (das erwarten), was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen-, sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil." Eine Heiligung des Egoismus ist dies nicht. Es ist nur die Beschreibung praktischen Handelns im abstrakten Kontext der Großgesellschaft, der das Wohlwollen der Einzelnen überfordern würde. Hier ergibt sich eine Interessenharmonie. So zeigt Smith, dass der Einzelne "von einer unsichtbaren Hand geleitet (wird), um einen Zweck zu fördern, den zu erfüllen er in keiner Weise beabsichtigt hat". Diese Hand ist nicht die Hand Gottes. Sie ist die List der Idee: ein System, das bei geringer Anforderung eine ungeheuere Koordinationsleistung vollbringt.

Die spontane Ordnung, die sich so ergibt, ist Adam Smiths universelles "nahe liegendes und einfaches System der natürlichen Freiheit", wie er es nennt. Ein naives Glücksversprechen enthält seine Erkenntnis nicht. Damit kann ihr auch kein Irrglauben zugrunde liegen. Es ist nur ? und immerhin ? ein Koordinationsversprechen. Es ist ein System, in dem sich aus dem spontanen Spiel der Kräfte bestimmte, sich dynamisch wandelnde gesellschaftliche Ergebnisse ergeben. Smith ist optimistisch, dass diese Ergebnisse im Saldo auch wünschenswert sind.

Man hat versucht, diesen Optimismus zwei Denkschulen in die Schuhe zu schieben, denen sich Smith nahe fühlte: der Stoa und dem Deismus. Mit den Stoikern aus dem antiken Griechenland teilte Smith offenbar den Glauben an die natürliche Ordnung durch göttliche Vorsehung. Sein Deismus drückte sich aus in einem Glauben an einen Schöpfer, der die Welt mit bestimmten, der Vernunft zugänglichen Naturgesetzen ausstattet, im Verlauf des menschlichen Daseins aber nicht eingreift. Diese Verbindungen scheinen in Smiths Werk auf, sind aber keine tragenden Säulen. Es ist nicht wichtig, ob hinter dem Smithschen System tatsächlich die von Gott eingerichtete Natur, die Vorsehung steckt. Wenn sich hinter den Dispositionen der Menschen, die Smith seiner Analyse zugrunde legt, stattdessen soziales Lernen oder schlicht nackte Evolution verbirgt, ändert dies nichts an seinem Ergebnis: der Koordinationsleistung, die in der Interaktion erfolgt, und der Herausbildung von Institutionen, die das gesellschaftliche Leben kanalisieren.

Entscheidend ist indes das Gegenseitigkeitserfordernis, das für den Gleichklang der Interessen bürgt. Smith sieht durchaus die Fälle, in denen dieser Harmonisierungsmechanismus nicht greift: In der "Theorie der ethischen Gefühle" warnt er vor Eitelkeit und Selbstüberschätzung, und im "Wohlstand der Nationen" vor Privilegien. Es ist nicht von der Hand zu weisen: Die Versuchung, beispielsweise Monopole oder Kartelle zu etablieren, ist immer gegenwärtig. In Schach gehalten wird diese Neigung dadurch, dass Monopole oder Kartelle auf dem Markt nicht stabil sind. Stabil sind sie nur, wenn sie hoheitlich sanktioniert werden – und dann muss man sich nicht wundern, wenn die Preise überhöht sind. Ähnliches gilt für die Gier. Gier ist degenerierter, unaufgeklärter Eigennutz. Normalerweise wird sie in Schach gehalten durch die Notwendigkeit, ein Gegenüber, einen Transaktionspartner zu finden. Wird die Gier aber – mit lockerer Geldpolitik, verzerrender Sozialpolitik oder unterlassener Aufsicht – politisch befeuert, dann bricht ihr Korrektiv zusammen, und man darf sich über Exzesse nicht wundern.

Das "einfache System der natürlichen Freiheit" ist derzeit nicht populär. Adam Smith würde das nicht irritieren. Er wäre wohl geneigt, die aktuelle Stimmung als eine Mode auf dem Marktplatz der Erkenntnisse und Überzeugungen zu sehen, die ihrerseits wieder Korrekturen erleben wird. Als verspätete Antwort auf das "Ende der Geschichte" und der Systemdebatte, das der Politologe Francis Fukuyama nach dem Zusammenbruch des Sozialismus 1992 vollmundig ausrief, sind die derzeitigen Ausfälle gegen den Neoliberalismus vielleicht sogar naheliegend. Auch frustriert die Menschen offenbar ein Gesellschafts- und Wirtschaftssystem, das auf dem liberalen Prinzip der Nichteinmischung fußt. Es scheint, als wohne uns der unglückselige Impuls inne, nicht nur das eigene Los, sondern auch die Geschicke anderer gestalten zu wollen.

Umso bedauerlicher ist es, dass Adam Smith sein drittes großes Projekt nicht mehr abschließen konnte: eine Theorie der Regierung und des Staates. Denn dies ist in seinem "System der natürlichen Freiheit" die einzige unbeantwortete, für die heutige Systemdebatte aber entscheidende Frage: Wie lassen sich wohl die Interessen der Regierenden harmonisch mit dem Interesse der Regierten verbinden? Ist ein Primat der Politik überhaupt möglich, ohne die "Checksand Balances" der spontanen Ordnung zu zerstören?

Die Autorin Karen Horn leitet seit Oktober 2007 das Hauptstadtbüro des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Zuvor war die 1966 in Genf geborene promovierte Volkswirtin Mitglied der Wirtschaftsredaktion der F.A.Z. Sprachgewandt, charmant und stets elegant engagiert sie sich in vielen Institutionen für eine liberale Wirtschaftsordnung. Sie ist Mitglied der Mont Pelerin Gesellschaft, Vorstandsmitglied der Herbert Giersch Stiftung, Vizevorsitzende der .Gesellschaft zur Förderung der Kultur im erweiterten Europa" und Kuratoriumsmitglied des Walter Eucken Instituts.