Wenigstens die Krisenrhetorik hat derzeit Konjunktur. "Finanzkrise" ist das "Wort des Jahres 2008". Auch Rezession, Depression und Weltwirtschaftskrise sind gängige Begriffe in der aktuellen Diskussion. Das größte Schreckgespenst indes ist die Deflation. Die Angst davor steckt an: Wie aus der jüngsten Konjunkturumfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln hervorgeht, erwarten nunmehr schon 34 Prozent der deutschen Unternehmen für 2009 schrumpfende Investitionen im eigenen Betrieb. Zudem werden fast 35 Prozent der Betriebe wohl nicht umhinkommen, Stellen abzubauen.

Dass wir in einer Krise stecken, ist nicht zu leugnen. In der Sprache der Mediziner bezeichnet man als Krise jene Zuspitzung einer gefährlichen Krankheit, in der sich das Blatt wendet, sodass entweder die Genesung folgt oder der fatale Zusammenbruch. Als gefährliche ökonomische Krankheit kann man die Verwerfungen durchaus bezeichnen, die im Gefolge der amerikanischen Immobilienpreisblase auf den internationalen Finanzmärkten entstanden sind und die nun auf die Realwirtschaft übergreifen. Sie verbinden sich jetzt in Deutschland mit einem konjunkturellen Abschwung – der nach einer Phase kräftigen Wirtschaftswachstums und Beschäftigungsaufbaus ohnehin anstand – zu einer Rezession. Von einer Rezession spricht man, wenn das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in zwei Folgequartalen im Vergleich zum jeweiligen Vorquartal schrumpft. Schon im zweiten Quartal 2008 war das deutsche Bruttoinlandsprodukt um 0,4 Prozent im Quartalsvergleich gesunken, im dritten Quartal dann um 0,5 Prozent. Auch die Prognosen sehen nicht eben günstig aus. Für 2009 gehen die Schätzungen schon bis auf minus vier Prozent. Allerdings sind Prognosen in der aktuellen Lage nur wenig wert. Wenn ein Strukturbruch stattgefunden hat, dann sind die ökonometrischen Schätzmodelle systematisch überfordert. Hier ist derzeit besonders viel Demut am Platze – bei denen, die rechnen, und bei denen, die sich gern nach Prognosen richten, Politik ebenso wie Unternehmen.

Dass aus der Rezession eine Depression werden könnte, dass sich die Rezession also zu einer längeren Phase der Schrumpfung auswächst, ist trotzdem eine berechtigte Sorge. Die Gefahr droht aktuell von zwei Seiten: wenn sich zur Rezession eine Deflation hinzugesellt – eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale von Preisen, Gewinnen, Investitionen und Nachfrage – und wenn die Politik die falschen Antworten darauf findet. Zuletzt hat Japan einen solchen, politisch mitverschuldeten Teufelskreis erlebt. In der "verlorenen Dekade" der 90er Jahre kamen die BIP-Wachstumsraten dort nicht über ein Prozent hinaus.

Eigentlich müsste es willkommen sein, wenn die Preise sinken und das Geld auf diese Weise an Wert gewinnt. Das ist auch so. Gerade die Kostenentlastungen, die Unternehmen wie Konsumenten derzeit durch den Einbruch der Rohstoffpreise zufallen, bilden ein Gegengewicht zum allgemeinen Abschwung. Ähnlich wie die im Abschwung abnehmende Steuerlast sind auch sie ein "automatischer Stabilisator". Doch das ist nicht alles. Eine Deflation bleibt selten ohne realwirtschaftliche Auswirkungen, weil sich die relativen Preise verändern. Das verzerrt die Entscheidungen von Verbrauchern und Produzenten. Wenn die Preise stark, dauerhaft und allgemein sinken, vertagen zudem die Verbraucher ihre Kaufentscheidungen, um später noch billiger zu kaufen. Der Umsatzrückgang beeinträchtigt die Unternehmen im Bemühen um Kostendeckung; es entstehen Überkapazitäten. So zieht die sinkende Nachfrage Auftragsbestände, Produktion, Investition und Beschäftigung in einen Strudel hinab.

Ein solcher Nachfrageeinbruch, der Überkapazitäten bedingt, hat in der Tat längst stattgefunden. Wie die jüngste Unternehmensumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) ergeben hat, stellen sich die Unternehmen daher schon auf geringere Exporte ein und verschieben Investitionen. Am stärksten leidet die verarbeitende Industrie. Die Produktion hat deutlich an Dynamik eingebüßt; seit gut einem Jahr schrumpfen die Orderbücher. Mehrere Automobilhersteller haben vorübergehende Produktionsstopps angekündigt und Kurzarbeit eingeführt, selbst fast abgeschlossene Aufträge werden storniert.

Das größte Problem aber sind die eingetrübten Erwartungen. Wenn die Zinsen sinken, nehmen theoretisch die Kreditkosten ab, und die Investitionsneigung der Unternehmer müsste zunehmen. Wenn deren Blick auf die künftigen Absatzchancen jedoch ein allzu düsteres Bild ergibt, und wenn die Banken trotz niedriger Leitzinsen nicht genügend Vertrauen in ihre Schuldner setzen und daher die Kredite rationieren, dann setzt dies den klassischen Zins-Investitions-Mechanismus außer Kraft. Ökonomen sprechen von einer "Investitionsfalle". So düster sieht die Lage bei uns aber keineswegs aus: Die Kreditkonditionen verschlechtern sich zwar, weil es für die Banken immer schwieriger wird, sich zu refinanzieren. Von einer generellen Kreditklemme indes könne noch keine Rede sein, heißt es beim DIHK. Nur bei sechs Prozent der Firmen wurden demnach Kredite abgelehnt.

Das zeigt: Panikmache hilft nicht nur niemandem, sie ist auch unangemessen und psychologisch fahrlässig. Es ist gerade in der derzeitigen prekären Situation wichtig, dass die Unternehmen gestärkt werden und dies auch so empfinden können. Hier ist vor allem die Politik gefragt, einen klaren Ordnungsrahmen zu schaffen, der auf den Märkten das Vertrauen wiederherstellt. Damit das klappt, muss zuallererst die Politik selber stetig, berechenbar und zuverlässig sein. Wenn die Bundesregierung den Sirenenklängen mancher nach Subventionen rufender Branchen erliegt, lässt sich das kaum als vertrauensbildende Maßnahme werten. Steuersenkungen wären da etwas anderes. Wenn die Kanzlerin den Unternehmen nun auch noch abverlangt, ihren Beschäftigungsstand zu halten, komme was wolle, dann schickt sie uns wieder zurück in die Kommandowirtschaft – und die ist bekanntlich zuletzt 1989 gescheitert, mit Pauken und Trompeten. Und wenn sie die Banken immer wieder mahnt, es sei ihre "Pflicht", gerade dem Mittelstand Kredite zu geben, hilft auch das herzlich wenig. Im Gegenteil. Da verwechselt sie Moral mit Rechenhaftigkeit.

Und die Unternehmen selbst? Bloß nicht ins Bockshorn jagen lassen. Zupackend weitermachen. Der gängige Vergleich mit der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre ist unzulässig; die Welt verbucht heute ein ungemein viel höheres Wohlstandsniveau. Von den damaligen traumatischen Verhältnissen sind wir gerade dank der Errungenschaften von Industrialisierung und Globalisierung weit entfernt – und werden es auch bleiben. Unser technischer Fortschritt, unser Bildungsniveau, all das ist nicht auf einmal wie weggewischt. Es ist allzu einfach, sich von wohlfeilen Kassandra-Rufen anstecken zu lassen. Aber das ist nicht hilfreich. Wenn wir etwas scheuen müssen, dann sind es sich selbst erfüllende Niedergangsprophezeiungen. Zuversicht ist jetzt oberste Bürgerpflicht.

Karen Hörn ist promovierte Volkswirtin und leitet das Hauptstadtbüro des in Köln ansässigen Instituts der deutschen Wirtschaft. Zuvor war sie bei der "FAZ" für die Seite "Ordnung der Wirtschaft" verantwortlich.