Die Entwicklung am Arbeitsmarkt macht uns staunen. Der scharfe Einbruch der Produktion hat sich bisher in der Beschäftigungsentwicklung noch nicht niedergeschlagen. Selbst wenn man die massive Entlastungswirkung der großzügigeren Regelung zum Kurzarbeitergeld in Rechnung stellt, erweist sich die Beschäftigung als erstaunlich robust. Noch kann man freilich nicht abschließend beurteilen, ob sich strukturell am Arbeitsmarkt etwas geändert hat oder ob die Anpassung nur verzögert stattfindet.

Allerdings fällt auf, dass vor allem vonseiten der Gewerkschaften schon jetzt versucht wird, die Entwicklung von Beschäftigung und Arbeitslosigkeit zu dramatisieren. Dafür schrecken sie auch nicht davor zurück, mit einer unsinnigen Interpretation einzelner Indikatoren jungen Menschen zu signalisieren, dass sich Bildungsanstrengungen nicht lohnten. So hat der Deutsche Gewerkschaftsbund kürzlich den jüngsten Anstieg der Anzahl der Arbeitslosen mit Hochschulreife für die These instrumentalisiert, in dieser Krise seien besonders Hochqualifizierte von Arbeitslosigkeit betroffen.

Der Anstieg der Zahl der Arbeitslosen mit (Fach-) Hochschulreife war von September 2008 bis September 2009 mit 23 Prozent zwar höher als bei denjenigen mit Hauptschulabschluss (plus zehn Prozent), mittlerer Reife oder ganz ohne Abschluss (jeweils plus fünf Prozent). Doch diese Daten sind nicht verwunderlich. Denn gemäß Mikrozensus stieg die Anzahl der Personen im erwerbsfähigen Alter mit Abitur 2008 um 476 000, während die der Personen mit Realschulabschluss nur um 144.000 zunahm und die der ohne Abschluss um 67.000; die Anzahl der Personen mit Hauptschulabschluss sank sogar um 484 000.

Vor allem aber ist die schulische Bildung allein noch kein geeigneter Indikator der beruflichen Qualifikation. Ein Realschulabsolvent mit Facharbeiterausbildung ist besser ausgebildet als ein Abiturient ohne abgeschlossene Berufsausbildung. Insofern ist das berufliche Bildungsniveau ausschlaggebend. Untersuchungen des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung zeigen, dass die Arbeitslosenquote der Akademiker seit fast 25 Jahren konstant bei vier bis fünf Prozent, also nahe der Vollbeschäftigung, liegt. Stark zunehmend war hingegen die Arbeitslosenquote von Personen ohne abgeschlossene Berufsausbildung.

Dieses eigenartige Bemühen des DGB fügt sich in eine laufende Kampagne, die Arbeitsmarktentwicklung des letzten Aufschwungs in ein schiefes Licht zu rücken. Zwar ist in den Jahren 2006 bis 2008 die Erwerbstätigkeit ungefähr gleich stark angestiegen wie in der Aufschwungphase 1998 bis 2000. Im Unterschied zum New-Economy-Boom entstanden zuletzt aber weit mehr Sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse (auch in Vollzeit). Im Jahr 2000 waren 47 Prozent der neu entstandenen Jobs sozialversicherungspflichtig, im Jahr 2008 96 Prozent.

Die deutlich bessere Qualität des Beschäftigungsanstiegs zeigt sich darin, dass in den Jahren 2006 bis 2008 die geringfügige Beschäftigung kaum noch zunahm. Im Ergebnis stieg das Arbeitsvolumen fast doppelt so stark wie in der gesamtwirtschaftlich dynamischen Entwicklung am Ende des letzten Jahrzehnts. Zudem konnte die Erwerbsbeteiligung in allen Altersgruppen erhöht werden. Erstmals gelang es auch, den üblichen Anstieg der Sockelarbeitslosigkeit zu durchbrechen: Die Arbeitslosenzahl 2008 sank deutlich unter das Niveau des vorangegangenen Booms.

Die Erfolge bei der Reduzierung der Arbeitslosigkeit sind dabei nicht allein Resultat von Änderungen der statistischen Erfassung. Berechnungen des Sachverständigenrats zeigen vielmehr, dass das Ausmaß der verdeckten Arbeitslosigkeit langfristig deutlich zurückgeht. Zudem kann auch bei der nach ILO-Konzept ermittelten Arbeitslosigkeit ein dem entsprechender Rückgang beobachtet werden. Alles in allem kein Grund zur Zufriedenheit, aber ein Grund zur Freude über die deutliche Besserung am Arbeitsmarkt.

Den Gewerkschaften beschert dieser Befund richtige Probleme. Aus ihrer Sicht hätte es dazu gar nicht kommen dürfen. Denn sowohl die zehnjährige Lohnmoderation als auch die Hartz-Reformen schienen des Teufels zu sein. Solche Behauptungen sollten alle Wohlmeinenden nicht irritieren. Die Bundesregierung ist gut beraten, aus den Erfahrungen des letzten Aufschwungs zu lernen: Mehr Flexibilität in den Arbeitsverhältnissen und angemessene Anreizstrukturen der Sozialsysteme sind wichtige Bedingungen für ein beschäftigungsintensives Wachstum. Nur altes Denken folgt dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.

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