In diesen Tagen jährt sich zum achtzigsten Mal der Beginn der Weltwirtschaftskrise. Die Folge war eine tiefgehende Zerrüttung der wirtschaftlichen Verhältnisse und der eingeübten Muster internationaler Arbeitsteilung. Die Große Depression, wie sie von den amerikanischen Zeitgenossen ab Mitte der 30er-Jahre genannt wurde, wird nicht zu Unrecht als Blaupause gesehen, nach der wir die Krise unserer Zeit interpretieren können.

Beide Krisen nahmen in den USA ihren Ausgang. Sie waren verbunden mit einer Übersteigerung von Vermögenswerten infolge expansiver Geldpolitik. Die wirtschaftliche Dynamik war jeweils hoch, seinerzeit durch neue Produktionsweisen (fordistisches Wachstumsmodell), heute durch Basisinnovationen in der Informations- und Kommunikationstechnologie angeregt. In beiden Krisen kam es zu einem scharfen Einbruch der Industrieproduktion; Deutschland war damals wie heute durch wegbrechende Exportmärkte für Industriewaren hart getroffen. Die Kurseinbrüche an den Aktienmärkten waren in ihrer Verfallsdynamik ebenfalls vergleichbar.

Doch jenseits dieser Analogien bestehen fundamentale Unterschiede. Die Große Depression ist letztlich nur als multiple Krise – Währungskrise, Handelskrise, Agrarkrise, Reparationskrise und Bankenkrise – zu verstehen, die in der Destabilisierung politischer wie wirtschaftlicher Zusammenhänge am Ende des Ersten Weltkriegs sowie in einem Mangel an globaler Führung ihre tiefere Erklärung findet. Bedeutsam ist auch eine Differenz im Krisenverlauf. Die Große Depression begann mit einem Börsencrash, der schnell realwirtschaftliche Konsequenzen hatte, und erlebte erst ab 1931 eine Bankenkrise. Diesmal stand eine Krise an den Kreditmärkten am Beginn.

Gleichwohl bleibt die Frage berechtigt, welche Lektionen die Große Depression für uns bereithält. Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln hat dafür auf der Grundlage einer umfassenden Analyse eine Checkliste für ein mögliches Deflations-Depressions-Szenario entwickelt, die zehn relevante Indikatoren benennt. Eindeutig positiv zu bewerten sind die Reaktionen der Geldpolitik und der Finanzpolitik, die eine prozyklische Verschärfung vermieden und deutlich gegensteuert haben.

Während ein Großteil der übrigen Indikatoren als neutral einzustufen ist, erweisen sich im Lichte der jüngsten Entwicklung drei eindeutig als kritisch – und als Risikofaktoren für die weitere Entwicklung.

Neben einer Klemme bei der Kreditversorgung der Unternehmen sowie einem globalen Rückfall in den Protektionismus drückt vor allem die schlechte Ertragslage der Unternehmen. Mangels aktueller, aber auch historischer Daten über die Unternehmenserträge kann man ersatzweise die gesamtwirtschaftliche Lohnquote heranziehen. Ein starker Anstieg der Lohnquote verweist auf enorme privatwirtschaftliche Anpassungslasten, entweder durch einen Einbruch der Unternehmensgewinne oder einen Rückgang der Arbeitseinkommen der Selbstständigen sowie der Vermögenseinkommen.

War die Lohnquote von 1927 bis 1931 um sechs Prozentpunkte angestiegen, so dürfte sie sich seit 2008 in nur zwölf Monaten um vier Prozentpunkte erhöht haben. Eine so starke Erhöhung hat es seit dem Jahr 1950 nicht mehr gegeben. Während die Arbeitseinkommen im Jahr 2009 etwa um ein Prozent sinken werden, dürften die Unternehmens- und Vermögenseinkommen um etwa 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr abnehmen. Selbst in Jahren nach den beiden Ölkrisen 1974 und 1980 waren noch Zuwächse von 2,6 respektive 0,3 Prozent zu verzeichnen gewesen.

Gegenwärtig spürt man den Druck dieser Entwicklung an zunehmenden Insolvenzen und einer trotz angelaufener Erholung schwach bleibenden Investitionstätigkeit. Ein Schlüssel zur Überwindung der Krise liegt in einer Entspannung der finanziellen Lage der Unternehmen. Die neue Bundesregierung hat dazu Verbesserungen bei der Zinsschranke in der Körperschaftsteuer und leichte Entlastungen in der Gewerbesteuer beschlossen.

Mehr wäre konsequent, möglich und gut begründbar gewesen. Eine schlüssige Reform der Kommunalsteuern ist ohnehin seit langem dringend. Sinnvoll ist es zudem, allen innovativen Unternehmen durch eine allgemeine steuerliche Förderung von Forschung und Entwicklung (beispielsweise in Form einer Steuergutschrift) mehr finanzielle Ressourcen zu belassen. Doch die Erhöhung von Kindergeld und Kinderfreibetrag verbaut die notwendige Stärkung unserer Wachstumsbasis. Den Preis dafür werden letztlich auch die Familien zu tragen haben. Hier ist eine wichtige Lektion der Weltwirtschaftskrise sträflich ignoriert worden.

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