Mündige Klimapolitik statt Anmaßung von Wissen Image
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Der Klimakongress in Kopenhagen tanzt nicht? keine Spur von Harmonie zwischen den verschiedenen Ländern oder gar Kontinenten. Die Zeiten, in denen die entwickelten Industriestaaten der nördlichen Hemisphäre allen anderen, insbesondere den Schwellen- und Entwicklungsländern, mit moralischer Attitüde das sachlich Unzweifelhafte abverlangen konnten, sind vorbei. Auch die Aussicht auf finanzielle Kompensation bewegt wenig, weil es sehr unterschiedliche Vorstellungen darüber gibt, was zu kompensieren ist.

So beobachten wir einen schlichten Verteilungskampf, der am Ende wenig mit Klimapolitik zu tun hat. Es geht den Regierungen der Dritten Welt um den Zugang zu Finanztöpfen. Zugleich lässt sich erkennen, wie verschieden die Bewahrung der Schöpfung gedeutet werden kann. Was bei uns zur Begründung ambitionierter Klimapolitik genutzt wird, stellt sich in Afrika angesichts Millionen gefährdeter Menschenleben infolge ansteckender Krankheiten, Unterernährung, mangelnder Hygiene und ärzdicher Versorgung ganz anders dar.

Wenn die Europäer Geld anbieten, um den wenig entwickelten Ländern bei der Minderung des Ausstoßes von Treibhausgasen zu helfen, dann kann dies dort als Aufforderung begriffen werden, die eigenen Entwicklungschancen fundamental zu gefährden. Denn wie soll ohne Bau von Kraftwerken und Versorgungsinfrastruktur der Weg zur Besserung gelingen? Zu Recht mahnen die Vertreter afrikanischer Menschenrechtsorganisationen, dass ohne Strom die Probleme der Ernährung, der Hygiene und der medizinischen Versorgung nicht gelöst werden können. Vor diesem Hintergrund verliert das moralische Argument Europas für eine ambitionierte Klimapolitik an Überzeugungskraft. Überhaupt erscheint es sehr fraglich, ob moralische Kategorien sinnvoll sind, wo es doch darum geht, auf ein wissenschaftlich belegtes Problem mit sachlich angemessenen Mitteln zu reagieren. Die moralisierende Ansprache muss sich dem Vorwurf stellen, Unsicherheiten der wissenschaftlichen Debatte und Unwägbarkeiten der globalen Klimaentwicklung überdecken zu wollen. Moralismus kennt keine Zweifel, wissenschaftlicher Diskurs hingegen erfordert Zweifel und Skepsis, er lebt davon.

Im Vorfeld der Kopenhagener Konferenz sind die fragwürdigen Methoden „alarmistischer“ Klimaaktivisten öffentlich geworden. Der dort gepflegte Umgang mit Daten ist danach ebenso bedenklich wie der bislang sehr erfolgreiche Versuch, ein Meinungskartell zu errichten. Widerspruch, Zweifel und Skepsis werden nicht geduldet. Der Hamburger Klimaforscher Hans von Storch hat unlängst die fatalen Folgen dieses Handelns skizziert. Ein sachlicher, ruhiger und ergebnisoffener wissenschaftlicher Diskurs wird so das Opfer zweier Extrempositionen, die sich gegenseitig züchten: Alarmismus einerseits und Verharmlosung andererseits.

Liberale Sozialwissenschaftler sind durch Friedrich August von Hayek geprägt, der die Anmaßung von Wissen als Schritt auf dem Weg in die Unfreiheit beschrieb. Sicher gibt es auch eine auf Verhinderung zielende Anmaßung von Nichtwissen. Deshalb ist Skepsis stets ein guter Ratgeber. Für die öffentliche und politische Debatte um den Klimawandel wäre es hilfreich, wenn die Klimaforscher ihre Unsicherheiten, ihre Revisionsnotwendigkeiten und ihre Schätzurteile deutlich machten. Der fundamentale Befund wäre dann sehr viel überzeugender.

„Wissenschaft kann nicht sagen, dass die Menschheit das Zwei-Grad-Ziel akzeptieren muss“ (von Storch). Diese Verantwortung hat der demokratisch legitimierte politische Diskurs zu tragen. Wir erhalten dafür keine Entlastung bei exakter Wissenschaft, wir müssen als freie, mündige Bürger entscheiden? bei vorläufigem Wissen und begrenzter Voraussicht. Dies verlangt, künftige Handlungsspielräume nicht einzuengen und getroffene Maßnahmen revisionsfähig zu gestalten. Es geht immer um ein Abwägen sachlich und zeitlich unterschiedlicher Ansprüche. Den Konflikt kann Wissenschaft nicht auflösen, sie kann die Kosten unterschiedlicher Handlungsstrategien wie auch eines Unterlassens zu beziffern versuchen.

Der Widerstreit von kollektiver und individueller Rationalität, wie beim Klimawandel zu greifen, muss im demokratischen Prozess bewältigt werden. Das wird nur gelingen, wenn wir die Neigung zum Demokratieverzicht durch Verweis auf vermeintliche wissenschaftliche Absolutheit erfolgreich korrigieren. Das fordert auf allen Seiten eine entsprechende Haltung: eine Wissenschaft, die als methodisierter Zweifel Abstand zur Hybris endgültigen Wissens hält. Eine Politik, die sich offen einer schwierigen Abwägung stellt. Eine Bevölkerung, die sich der Gefahr des Demokratieverzichts bewusst ist und mündig Verantwortung trägt.