Die Sehnsucht nach einfachen Wahrheiten Image
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Sie sind ja gerade deshalb populär, weil sie so eingängig sind. Die Chinesen nehmen uns mit Billiglöhnen die Arbeitsplätze weg? Das ist falsch, aber nicht einfach zu entkräften, suggeriert es doch eine scheinbare Kausalität. Umso gefährlicher – und teurer – können solche Irrtümer sein. Wie etwa der Vorruhestand: Norbert Blüms „beschäftigungspolitischer Knüller" beruhte auf dem Irrglauben einer festen Arbeitsmenge‚ kostete Milliarden und half nicht wirklich gegen Arbeitslosigkeit. Im Folgenden die sechs größten populären Irrtümer in der Arbeitsmarktpolitik. Im Interesse der Aufklärung.

Die Arbeitslosigkeit nimmt bei uns zwangsläufig zu, weil den Industriegesellschaften die Arbeit ausgeht. Helfen kann da nur Arbeitszeitverkürzung.

Arbeitslosigkeit macht gegenwärtig keine Schlagzeilen in Deutschland, der Fachkräftemangel bestimmt die Debatte. Vom „Ende der Arbeit" ist deshalb keine Rede, eher von „Arbeit ohne Ende". Der Kontrast zu früher könnte kaum größer sein. Fünf Jahrzehnte bestimmte das vermeintliche „Ende der Arbeit" die öffentliche Debatte:

• Es ist erst sechs Jahre her, seit Deutschland fünf Millionen Arbeitslose zählte und im Hauen und Stechen um die Hartz-Reformen vor einer Rückkehr zu Weimarer Verhältnissen gewarnt wurde. Die Entwicklung am Arbeitsmarkt trug maßgeblich zur Abwahl von Gerhard Schröder und damit von Wolfgang Clement bei, der die Hartz-Reformen umgesetzt hatte. Fakt ist: Der früher scheinbar säkulare Anstieg der Sockelarbeitslosigkeit in Deutschland wurde auch durch die Hartz-Reformen gestoppt. So gesehen erntet die bürgerlich-liberale Koalition heute teilweise die Erfolge der sozialdemokratischen Arbeitsmarktreform.

• 1997 fragte der Soziologe Ulrich Beck, wohin der Weg führt, der mit dem Ende der Vollbeschäftigungsgesellschaft beginne. Seine Antwort war die Bürgerarbeit in der Bürgergesellschaft, die mit einem Bürgergeld bezahlt werden sollte. Bis zum Vorschlag eines bedingungslosen Grundeinkommens von Götz Werner war es dann nicht mehr weit. Fakt ist: Die bis weit hinein ins bürgerliche Lager hineinreichende Diskussion um ein Grundeinkommen ohne Arbeit hat deutlich an Schwung verloren, seit der größte Wirtschaftseinbruch der deutschen Nachkriegsgeschichte ohne gravierenden Einbruch am Arbeitsmarkt verkraftet werden konnte.

• 1995 beschwor der US-Ökonom Jeremy Rifkin das „Ende der Arbeit" in einem einflussreichen Buch. Darin prophezeite er das gleichsam naturgesetzliche Verschwinden menschlicher Arbeitskraft infolge von Rationalisierungsfortschritten und plädierte für Arbeitszeitverkürzung und den Ausbau des Non-Profit-Sektors, um die freigewordenen Arbeitskräfte aufzufangen. Fakt ist: Die Arbeitszeiten der Vollzeitbeschäftigten in Deutschland steigen bereits seit einigen Jahren, Deutschland rückt wieder näher an den internationalen Durchschnitt heran und ist längst nicht mehr Weltmeister in der Arbeitszeitverkürzung. Nur weil der Anteil der Teilzeitbeschäftigung weiter steigt, liegt die Arbeitszeit pro Erwerbstätigen noch immer auf unterdurchschnittlichem Niveau.

• 1989 schrieb der französische Sozialphilosoph André Gorz sein vielzitiertes Hauptwerk „Kritik der ökonomischen Vernunft", in dem er ebenfalls das zwingende Ende der Arbeit prophezeite. Gorz apodiktisch: „Jede Politik, auf welche Ideologie sie sich sonst auch berufen mag, ist verlogen, wenn sie die Tatsache nicht anerkennt, dass es keine Vollbeschäftigung für alle mehr geben kann und dass die Lohnarbeit nicht länger der Schwerpunkt des Lebens, ja nicht einmal die hauptsächlichste Tätigkeit eines jeden bleiben kann.“

Fakt ist: Weltweit steigt die Zahl der abhängig Beschäftigten kräftig an – nicht nur, weil sich Millionen Arbeitnehmer in China oder Indien in die internationale Arbeitsteilung einklinken, sondern weil auch anderswo die Beschäftigung steigt. Allein im Euro-Raum stieg die Zahl der abhängig Beschäftigten seit dem Erscheinen von Gorz Buch um 40 Prozent.

• 1960 erschien Hannah Arendts Buch „Vita activa oder vom tätigen Leben“. Darin heißt es: „Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein?“ Fakt ist: Die Unterscheidung in ein arbeitendes „animal laborans“ und den denkenden „Homo Faber“ stimmt immer weniger. Die systematische Durchdringung unseres Arbeitslebens mit Technik, Informatik und Wissen macht immer mehr Menschen zu Wissensarbeitern. Der OECD zufolge ist die Akademisierungsrate in den Industrieländern auf 38 Prozent gestiegen, und die Beschäftigungsraten nehmen mit steigender Qualifikation stark zu. Die These vom Ende der Arbeit muss also als empirisch längst widerlegt gelten, sie ist einer der großen Irrtümer der Wissenschaftsgeschichte. Doch die argumentativ verlorene Debatte verlagert sich nun auf andere Schauplätze, die das Zeug zu neuen populären Irrtümern haben:

• „Qualität der Arbeit": Die höhere Arbeitsmarktbeteiligung breiter Bevölkerungsschichten sei Folge eines wachsenden ökonomischen Drucks zu flexibleren „prekären" und „atypischen" Beschäftigungsformen wie Zeitarbeit, befristete und geringfügige Beschäftigung. Die Arbeitszufriedenheit gehe zurück, Stress und Burn-out-Phänomene nähmen zu, die Qualität der Arbeit lasse nach.

• „Erosion der Mittelschicht": Die Mittelschicht befinde sich wegen der zunehmenden Ökonomisierung weiter Lebensbereiche unter permanentem Statusdruck und Abstiegsangst. Die Einkommensspreizung nehme zu, die Ränder der Mittelschicht fransten aus, in Deutschland sei eine neue Klassengesellschaft entstanden.

• „Jenseits des Wachstums": Die Industrienationen müssten sich von ihrer Wachstumsorientierung verabschieden, um nachhaltig wirtschaften zu können. Sie sollten nicht länger nur auf das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts abstellen, sondern zusätzliche Indikatoren zur Erfassung des Wohlstandes heranziehen. Nachhaltigkeit sei mit Wachstum unvereinbar.

Jede dieser Debatten enthält einen wichtigen Kern, in der Summe aber formulieren sie Negativszenarien, denen eine grundlegende Skepsis gegenüber der Fähigkeit freiheitlicher Wirtschaftssysteme zugrunde liegt, dem „größten Glück der größten Zahl" stets ein wenig näher zu kommen, wie es der Sozialreformer Jeremy Bentham Ende des 18. Jahrhunderts formuliert hatte. Umso wichtiger ist es, mithilfe einer auf Daten gestützten Forschung Mythen von Fakten zu unterscheiden, um der Entstehung neuer fundamentaler Irrtümer entgegenzuwirken.

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