Die Probleme des deutschen Bildungswesens sind bekannt: schwache Ergebnisse der Schüler im Pisa-Test, Integrationsprobleme bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund, drohender Nachwuchsmangel besonders in naturwissenschaftlichen und in Ingenieurberufen. Ebenso bekannt ist der Ruf nach mehr staatlichen Mitteln. Deutschlands Bildungssektor sei unterfinanziert, heißt es. Dies mache schon ein Blick auf den Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt deutlich.

Dieser Beleg für eine Unterfinanzierung des Bildungswesens überzeugt jedoch nicht: Denn da wir, gemessen an der Bevölkerung, weniger Schüler als andere Länder haben, muss-bei gleich guter Ausstattung jedes Lernplatzes – insgesamt auch weniger aufgewendet werden. Schaut man auf die Bildungsausgaben je Schüler, liegt Deutschland sogar über dem OECD-Durchschnitt. Dies ist vor allem den hohen Ausgaben der Betriebe im Rahmen der dualen Berufsausbildung zu verdanken. Im Grundschulsektor und in der so genannten Sekundarstufe I hingegen geben OECD-Staaten im Schnitt mehr aus als Deutschland.

Aus wissenschaftlichen Studien ist bekannt, dass mehr Ausgaben noch nicht zu besseren Pisa-Ergebnissen oder zu besseren Bildungschancen von Migranten führen. Es kommt vielmehr auf die richtige Verwendung der Mittel an. Zusätzliches Geld sollte folglich nicht in bestehende Strukturen gelenkt werden, sondern Strukturveränderungen finanzieren. Eine kostenlose frühkindliche Förderung im Kindergarten, Ganztagsschulen und mehr sozialpädagogische Förderung sind derartige Strukturreformen, die positive Effekte auf die Bildungsqualität haben können.

Häufig werden solche Nutzen stiftenden Reformen wegen zu hoher Kosten als nicht realisierbar verworfen. Ein ökonomisch geprägter Blick auf das Bildungssystem lässt jedoch erkennen, dass in den nächsten 15 Jahren ein ehrgeiziges Reformprogramm bei zumutbaren finanziellen Belastungen für die öffentliche Hand durchaus möglich ist. Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hat dazu die Studie "Bildungsregulierung und Bildungsfinanzierung in Deutschland" vorgelegt.

In der Studie fordert das IW zur Verbesserung des allgemeinen Qualifikationsniveaus vor allem ein stärkeres staatliches Engagement in der frühkindlichen Förderung sowie ein stärkeres privates Engagement für Hochschulen. Zudem sollte eine Kindergartenpflicht ab dem Alter von vier Jahren eingeführt werden, die Gebühren dafür müsste der Staat übernehmen. Die Kinder sollten von hoch qualifizierten Erzieherinnen individuell und auf Basis von Bildungsplänen gefördert werden. Die Einschulung sollte dann ab dem Alter von fünf Jahren erfolgen. Sechs Jahre lang sollten die Schüler gemeinsam unterrichtet werden, bevor sie in einem mehrgliedrigen System ihre Schullaufbahn fortsetzen. Das Abitur sollte nach zwölf Jahren abgelegt werden können, wobei die Schulen als verbindliche Ganztagsschulen organisiert sein müssten.

Autonom handelnde Schulen, verbindliche Bildungsstandards, Vergleichsarbeiten und sozialpädagogische Unterstützung sind notwendige Rahmenbedingungen, um ein besseres Schulklima zu erzeugen. Darüber hinaus sollte die an Familienstand und Alter orientierte Beamtenbesoldung der Lehrer in eine ziel- und leistungsorientierte Vergütung umgewandelt werden. Im Mittelpunkt aller Anstrengungen muss die persönliche Entwicklung der Schüler stehen.

An den Hochschulen können Bachelorund Masterstudiengänge den Studierenden künftig wertvolle Optionen .bieten. Mit solch einem Hochschulsystem kann Lebenszeit flexibler für Bildung, Beruf und Familie eingesetzt werden. Da die Studierenden von einem Studium direkt durch höhere Einkommen und bessere Beschäftigungsperspektiven profitieren, sollten sie mit Studiengebühren in Höhe von 2500 € pro Jahr zu einer besseren Ausstattung ihrer Hochschulen beitragen. Damit aber niemand durch die Gebühren vom Studium abgehalten wird, ist ein bundesweites Kredit- und Stipendienprogramm einzuführen, wobei die Stipendien vor allem Kindern aus sozial schwächeren Familien zur Verfügung stehen sollten.

Die ausgabenintensiven Komponenten dieses Reformprogramms würden den Staat etwa 20 Mrd. € kosten. Allerdings lässt sich der Finanzbedarf durch die Verkürzung der Schulzeit, eine frühere Einschulung und andere Effizienzgewinne – zum Beispiel durch die Reduzierung der Kosten für Wiederholer und Abbrecher – halbieren. Aus dem Rückgang der Schülerzahlen und der so genannten demografischen Rendite ergibt sich sogar eine Überkompensation des restlichen Geldbedarfs.

Da die demografischen Effekte und die Effizienzeffekte aber nicht sofort wirksam werden, sollten die ausgabenrelevanten Programme nach und nach durchgeführt werden. Sie könnten am Jahrgang der heute Vierjährigen ansetzen. In diesem Fall würde der zusätzliche Finanzbedarf für die skizzierte, sehr umfassende Reform in keinem Jahr über zwei Prozent des gegenwärtigen Bildungsbudgets liegen. Die nicht kostenrelevanten Reformen wären hingegen möglichst sofort umzusetzen.

Durch dieses Gesamtkonzept, das eine volle Umstellung des Bildungssystems bis zum Jahr 2020 vorsieht, ist es möglich, dem spätestens dann eintretenden dramatischen Fachkräftemangel vorzubeugen. Denn wir können unsere zukünftigen Wachstumsprobleme nur dann lösen, wenn in weniger Köpfe mehr Wissen gelangt – und wenn die Bildungspotenziale aller sozialen Gruppen deutlich besser erschlossen werden als bisher.