Lau, Markus, Iglu, Pisa, Timss, Tosca: So heißen die bedeutsamen Lernstandserhebungen, die das deutsche Schulsystem - meist im internationalen Vergleich - bewerten. Dass wir allenfalls Mittelmaß sind, hat die Gesellschaft erschüttert. Bildung ist zu einem erstrangigen Thema der Politik geworden. Dennoch entstehen neue Initiativen immer nur vereinzelt und eher sporadisch, wie zum Jahresbeginn der Vorstoß der Bundesbildungsministerin zum Thema Schulabbrecher.

Die Quote der Abbrecher an allgemein bildenden Schulen liegt durchschnittlich bei reichlich acht Prozent. Das entspricht zurzeit knapp 80.000 Jugendlichen. Diese Quote will die Ministerin innerhalb von fünf Jahren halbieren. Allerdings werden die Effizienzprobleme unseres Schulsystems dadurch nur unzureichend erfasst. Denn zusätzlich weisen 130.000 bis 140.000 Schüler trotz eines formalen Abschlusses nicht die notwendigen Mindestkompetenzen für die Ausbildungsreife auf. Insgesamt sind damit rund 22 Prozent eines Jahrgangs als Risikoschüler zu definieren. Im Durchschnitt der Industrieländer liegt dieser Anteil bei 19 Prozent.

Das Bild trübt sich für Deutschland im internationalen Vergleich weiter ein, wenn man den in der Regel späteren Schulstart, das höhere Risiko, eine Klasse wiederholen zu müssen, sowie die traditionell mangelnde individuelle Förderung berücksichtigt. Ein systematisches Förder- und Unterstützungskonzept für lernschwächere Schüler gibt es bisher nicht. Zudem verlassen rund 22 Prozent der Besucher von beruflichen Schulen diese ohne Abschlusszeugnis. Dabei dienen Berufsvorbereitungsjahr, Berufsgrundbildungsjahr und einjährige Berufsfachschule insbesondere der Kompensation mangelnder Aüsbildungsreife.

Das Problem ist also weitaus größer, als es öffentlich diskutiert wird. Die Gruppe der Risikoschüler, also jener Schüler, denen die Basisqualifikationen für eine berufliche Ausbildung fehlen, muss insgesamt ins Visier genommen werden. Es verbinden sich gewaltige Kosten mit diesem schulpolitischen Versagen der Bundesländer, wie eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt.

So verursachen die Effizienzprobleme im Schulsystem Ausgaben von mindestens 3,7 Milliarden Euro pro Jahr - durch Klassenwiederholung, Abbruch sowie nachträglichen Erwerb des Hauptschulabschlusses. Zudem entstehen durch die nachschulische Qualifizierung Kosten in Höhe von rund 3,4 Milliarden Euro; allein beim Bund, der Bundesagentur für Arbeit und den Ausbildungsbetrieben zusammen fast zwei Milliarden.

Trotz des bedrückenden Befundes droht Frau Schavan zu scheitern. Denn die erste Reaktion aus den Bundesländern war nicht, wie es vernünftigerweise zu erwarten wäre, Zustimmung und die Suche nach einer gesamtstaatlichen Strategie, sondern der Hinweis, dass der Bund überhaupt nicht zuständig sei. Wie wollen wir unsere bildungspolitischen Probleme lösen, wenn das die Verhaltensmuster der Länderminister sind?

Eitelkeiten und Eifersüchteleien können wir uns nicht mehr leisten. Denn angesichts der langen Zeit, die Bildungsreformen benötigen, um zu wirken, drängt die Zeit. Wir müssen durchstarten, und das kohärent in allen Bundesländern.

Wichtig ist die Einsicht, dass punktuelles Handeln nicht helfen wird. Das Ziel, die Abbrecherquote bis 2012 zu halbieren, kann nur gelingen, wenn die lang wirkenden Ursachen therapiert werden. Und diese finden sich nicht erst in den letzten Schuljahren und den fehlenden, wirklich verbindlichen Bildungsstandards für die Haupt- und Realschulen. Sondern sie finden sich bereits bei dem zu geringen Bildungsauftrag des Kindergartens, der relativ späten Einschulung, der mangelnden Binnendifferenzierung während der gesamten Schullaufbahn und der fehlenden systematischen individuellen Förderung im Ganztagsbetrieb.

Die Politik hat die Probleme erkannt. Doch die bisherigen Korrekturversuche der Länder tragen nicht weit, allein wegen der unzureichenden finanziellen Mittel. Wie sollen individuelle Förderpläne regelmäßig nach einer Lernstandserhebung erstellt und umgesetzt werden, da das Stundendeputat der Lehrer bundesweit kräftig erhöht wurde, die Klassengröße nicht reduziert wird und die notwendigen Ressourcen für Unterstützungssysteme nicht bereitgestellt werden? Wie sollen die für einen funktionierenden Ganztagsschulbetrieb erforderlichen baulichen Voraussetzungen geschaffen werden, wenn die Kommunen als Schulträger schon beim Unterhalt der bestehenden Gebäude überfordert sind?

Die Landesminister spüren, dass ihr Bemühen nicht nachhaltig sein wird. Die nervöse Reaktion auf jede Art von Kritik, und sei es nur der empirisch unterlegte Leistungsvergleich für die Bildungspolitik der Bundesländer, ist dafür ein Symptom.

Dennoch sind sie in der Pflicht, für eine angemessene Ausbildungsreife aller Schüler zu sorgen. Das erfordert die Kraft zu einer alle Bildungsstufen umfassenden Reform, den Mut zum gesamtstaatlich konsistenten Handeln und die Bereitschaft, mehr finanzielle Ressourcen für das zu reformierende Schulsystem zu mobilisieren.

Zur Klärung der Verantwortlichkeiten sind bestehende Fehlsteuerungen abzubauen. Das betrifft das Nebeneinander von Landesschulaufsicht und kommunaler Schulträgerschaft. Das betrifft die Möglichkeit der Länder, die finanziellen Folgen des Schulabbruchs teilweise abwälzen zu können. Stattdessen sollte ein Finanzierungspool bereitgestellt werden, den jedes Land - gemäß Verursachung - nach Anzahl der Risikoschüler zu füllen hätte und aus dem der Bund, die Arbeitsverwaltung und die ausbildenden Betriebe entschädigt würden. Pönale muss helfen, wenn Argumente nicht tragen.

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