Am Montag dieser Woche war mal wieder Dienstleistungstag. Dies nicht, weil bundesweit eine Kehrwoche angesetzt war, sondern weil für viele Industrieländer der Einkaufsmanagerindex für das Dienstleistungsgewerbe veröffentlicht wurde. In den USA wie in Europa war der Januar auf Expansion gestellt. Die Servicebranchen boomen, in der Regel stetig, auf hohem Niveau und weniger volatil als die Industrie. Mittlerweile erwirtschaften die deutschen Dienstleister zusammen knapp 70 Prozent der Wertschöpfung und beschäftigen rund 72 Prozent der Erwerbstätigen.

Gleichwohl steht die Industrie unverändert im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Die Taktung der Konjunktur wird immer noch durch sie bestimmt. Konjunkturhoffnungen und -sorgen richten sich an diese Branche. Aber auch beim Strukturwandel dominiert der Blick auf die Industrie, allerdings mit einer durchweg negativen Konnotation. Deindustrialisierung lautet globalisierungsgetrieben die Angst, die viele Menschen bei uns bewegt.

Die Industrie hat am statistischen Gewicht gemessen an Bedeutung verloren, und zwar weltweit, nach landesspezifischem Entwicklungsstand allerdings mit unterschiedlicher Intensität. Die Befürchtungen hier zu Lande beruhen auf der Einschätzung, dass der Bedeutungsverlust der Industrie vor allem durch Verlagerungen in das Ausland verursacht sei. Die Dynamik des "Offshoring" kann an dem Anteil von Vorleistungsimporten am deutschen Export abgelesen werden, der in den vergangenen zehn Jahren deutlich ausgeweitet wurde. Allerdings: Die Verlagerung von Unternehmensteilen geht nicht zwingend zu Lasten der Industrieproduktion in Deutschland. Dies gilt vor allem dann, wenn sich mit der Auslandsinvestition die Durchdringung des Marktes verbindet, wenn der Bezug günstigerer Vorleistungen die preisliche Wettbewerbsfähigkeit unserer Exportprodukte verbessert und wenn das "Offshoring" den Zugriff auf Fachkräfte ermöglicht, die zu Hause, wie im naturwissenschaftlich-technischen Bereich zu beobachten ist, nicht ausreichend verfügbar sind.

Natürlich gibt es auch rein kostengetriebene Verlagerungen zum Nachteil für den deutschen Standort. Nach einer Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln sind rund 13 Prozent der Produktion in der deutschen Metall- und Elektroindustrie durch eine solche Verlagerung akut gefährdet. Bedroht sind vor allem Bereiche, die eher technologisch einfach, älter, standardisiert und arbeitsintensiv sind. Ein geringeres Bedrohungspotenzial gibt es für jene Unternehmensaktivitäten, die auf Hochtechnologie, hohen Spezialisierungsgrad und die Beherrschung von Komplexität setzen. Der Befund zeigt, wie es gelingen kann, Wertschöpfung und Arbeitsplätze in Deutschland zu halten: durch eine verstärkte Dienstleistungsintensität (Tertiarisierung) industrieller Produktion. Dahinter stehen verschiedene Ursachen: Erstens erfordert die Differenzierung der Kundenwünsche eine entsprechende Spezialisierung der Produkte ebenso wie eine höhere Serviceorientierung. Zweitens erlauben Mehrzweckausrüstungen und programmierbare Maschinen den flexiblen sowie vielseitigen Einsatz der Produktionsmittel, wodurch der Dienstleistungsbedarf im Herstellungsprozess steigt.

Drittens verändern Computernetzwerke grundlegend die Informationsströme zwischen Unternehmensführung und Beschäftigten, zwischen Firmen und Lieferanten sowie zwischen Produzenten und Kunden. Dies trägt und befördert die Differenzierungsprozesse der Produktion. Das damit zugleich steigende Maß an Wissensteilung erhöht die gegenseitige Abhängigkeit.

Viertens schließlich verbindet sich mit der höheren Qualifikation der Beschäftigten ein Bedeutungsgewinn von Humankapital. Die Personalorientierung dominiert zunehmend die betriebliche Realität. Dies erfordert entsprechende kommunikative und soziale Fähigkeiten.

So hat der Strukturwandel die Industrie zweifach tertiarisiert: bei den Produktionsprozessen und bei den Produkten, die heute nur noch im Paket mit begleitenden Diensten wettbewerbsfähig sind. Der Bedeutungsgewinn der Serviceökonomie ist ohne die Industrie nicht denkbar. Denn allein über haushaltsnahe oder gesellschaftliche Dienstleistungen werden wir unseren Wohlstand nicht sichern können. Industrie und Dienstleister sind über gegenseitige Verflechtungen bei den Vorleistungen zu einem Verbundsektor geworden, der vor einer weiteren Expansion steht.

Die Politik hat darauf strategisch eine Antwort zu finden. Dabei muss es um die Attraktivität des deutschen Standorts gehen. Dies erfordert neben einer an der Produktivität orientierten Lohnpolitik ein wettbewerbsfähiges Steuersystem sowie einen effizienten Regulierungsrahmen. Während die Bundesregierung mit dem vorliegenden Reformentwurf bei der Ertragsbelastung und mit dem systematischen Bürokratieabbau einen großen Schritt nach vorn wagt, treiben die Gewerkschaften mit ihren überzogenen Forderungen für die anstehenden Tarifverhandlungen Wertschöpfung aus dem Land.

Bildungsreform und Bildungsexpansion - bezogen auf alle Stufen des Systems - sind unvermeidlich zentrale Bausteine, um in der globalen Wissensökonomie bestehen zu können. Forschungseinrichtungen müssen sich stärker als bisher an den Bedürfnissen der Nutzer orientieren, um damit vor Ort die Vernetzung zu ermöglichen. Die Forschungsprämie ist ein richtiger Ansatz. Schließlich kann eine regionale Infrastrukturpolitik durch angemessene Verkehrsnetze, aber auch durch Gewerbe- und Gründerzentren ihren Beitrag leisten. Auf einer solchen Basis droht Deutschland nicht zur Industriewüste zu werden.

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