Ein Blick auf das deutsche Bildungssystem gibt derzeit wenig Anlass zur Freude. Aus dem allgemeinen Reformgewusel sticht die duale Berufsausbildung heraus. Während ansonsten häufig die Grundsatzfrage gestellt wird, hält sich hier die Einsicht, dass es vor allem um Korrekturen am System gehe. Natürlich ist auch die Berufsausbildung nicht ohne Probleme, wie die Lehrstellenlücke und der wachsende Bestand an Altbewerbern belegen. Doch zeigen die Erfahrungen mit dem Ausbildungspakt, dass die Ursachen unzureichender Ergebnisse vor allem in den Voraussetzungen und in den Rahmenbedingungen der Berufsausbildung liegen. Dass der Pakt am Montag dieser Woche für weitere drei Jahre verlängert wurde, kann als Bestätigung für diese These gesehen werden.

Unabhängig davon hat der Pakt einiges bewirkt: So wurde eine realistische Diskussion über die Ausbildungsreife junger Menschen möglich, die zuvor als politisch nicht korrekt galt. Entsprechende Mindeststandards sind in einem Kriterienkatalog definiert worden. Ebenso wurde die empirische Basis valider, da nun Bewerber, die nicht aktiv an einer Vermittlung in eine Lehrstelle oder eine Qualifizierungsmaßnahme mitwirken, nicht mehr in der Lehrstellenstatistik geführt werden. Schließlich wurde die Debatte entkrampft, weil die in jedem Fall untaugliche Ausbildungsplatzabgabe nicht mehr ernsthaft zum Instrumentenkasten der Bildungspolitik gezählt wird.

Durch den Pakt wurden natürlich nicht nur die Ausbildungsplatzbewerber stärker in die Pflicht genommen, sondern ebenso die Unternehmen. Es gelang im vergangenen Jahr jeweils reichlich 40 000 neue Ausbildungsbetriebe zu gewinnen. Zusätzlich wurden gut 40 000 Einstiegsqualifikationen bereitgestellt. Dies hilft, es hat aber das Ungleichgewicht auf dem Ausbildungsstellenmarkt nicht beseitigen können. Bei der Suche nach den Ursachen wird allzu leicht der Schwarze Peter entweder den jungen Menschen oder den Unternehmen zugeschoben. Angemessen ist hingegen die Frage, wofür eigentlich die ökonomische Logik spricht und warum diese möglicherweise nicht vollends zum Tragen kommt.

Der Übergang von der Schule in die Berufstätigkeit ist grundsätzlich mit Schwierigkeiten verbunden. Dies gilt vor allem infolge der Informationsasymmetrien zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die bei Schulabgängern wegen fehlender beruflicher Erfahrung und Reputation eine besondere Bedeutung haben. Entsprechend ist die Jugendarbeitslosigkeit im OECD-Durchschnitt doppelt so hoch wie die Arbeitslosigkeit der Älteren. Diese Probleme lassen sich jedoch verringern, wenn eine berufsnahe Ausbildung zwischen Schule und Berufstätigkeit geschaltet werden kann.

Tatsächlich zeigen empirische Analysen, dass in Ländern mit dualer Berufsausbildung die Arbeitslosigkeit Jugendlicher um rund fünf Prozentpunkte niedriger liegt als in Ländern ohne solche Angebote. Das duale System erweist sich als sinnvoller Zwischenschritt zwischen Schule und Beruf. Allerdings scheint sich im Laufe der neunziger Jahre dieser Vorteil leicht abgemildert zu haben. Dies dürfte vor allem an den zunehmenden Schwierigkeiten liegen, Problemgruppen zu integrieren.

Dahinter stehen sowohl gestiegene Anforderungen der Ausbildungsberufe als auch eine nicht unerhebliche Zahl von Jugendlichen mit eklatanten Pisa-Kompetenzmängeln. Etwas mehr als 22 Prozent eines jeden Jahrgangs erreichen nicht die Kompetenzstufe zwei beim Lesen - und sind damit faktisch nicht ausbildungsreif, obgleich sie in vielen Fällen ein Schulabgangszeugnis haben. Deshalb wird zu Recht versucht, durch Integrationshilfen und zweijährige Ausbildungsgänge eine Antwort zu finden. Auch die Einstiegsqualifikationen schaffen hier Abhilfe; ihre Nutzung spricht für sich.

Trotz der positiven Funktion der dualen Berufsausbildung verfügt aber nur gut die Hälfte aller Betriebe über die erforderliche Ausbildungsberechtigung. Daran wird sich angesichts der erforderlichen Sicherung von Mindeststandards für die Qualität der Ausbildung wenig ändern können. Hinzu kommt der Befund, dass lediglich die Hälfte aller berechtigten Betriebe auch tatsächlich ausbildet. Dabei zeigte sich zuletzt das Phänomen, dass der Mangel an ausbildungsreifen jungen Menschen Unternehmen veranlasst, ihre Ausbildungsangebote vom Markt zu nehmen und andere Wege der Rekrutierung zu wählen.

Damit rückt die Höhe der Ausbildungsvergütung in den Fokus. In vielen Branchen liegen die entsprechenden Beträge oberhalb der Bafög-Sätze. Gerade für leistungsschwächere Jugendliche ergeben sich so Zugangshürden. Das Ein-frieren der Vergütungen - wie in verschiedenen Tarifverträgen der letzten Jahre auch vereinbart - ist deshalb eine wichtige Option. Dafür sollte sich der politische Diskurs offener zeigen. Zumindest so lange, wie das allgemein bildende Schulsystem in dem benannten Ausmaß seine Aufgaben nicht erfüllt. Schließlich sollten wir nicht übersehen, dass der Strukturwandel mit der Stärkung der Dienstleistungsbranchen in unserer Wertschöpfung das Angebot an Ausbildungsstellen belastet. So liegt die Ausbildungsquote in Produktionsberufen mit zehn Prozent immer noch doppelt so hoch wie in Dienstleistungsberufen. Deshalb darf nicht nur den Problemgruppen Aufmerksamkeit geschenkt werden. Es ist auch auf den oberen Qualifikationsrand zu achten.

Zusatzqualifikationen, erleichterter Hochschulzugang und duale Studiengänge sind hier wegweisend. Der Karriereweg von der Lehre bis zur akademischen Weiterbildung muss selbstverständlicher werden. Dann bleibt die duale Berufsausbildung ein Asset für den Standort Deutschland.