Weltwirtschaftsgipfel in Heiligendamm und Evangelischer Kirchentag in Köln – Deutschland hat hinreichend Anlass, über Globalisierung und die Ungerechtigkeit der Welt zu debattieren. Dass es nicht beim Austausch von Argumenten bleibt, noch nicht einmal beim Ausdruck von Emotionen, das belegen die Straßenkämpfe von Rostock. Da trifft sich der internationale Gewalt-Event-Tourismus mit der Beliebigkeit einer Anti-Haltung, die sich tief gebeugt vom Übel in der Welt gegen alles wendet, was mit offenen Märkten und wirtschaftlicher Freiheit zu tun hat.

Für den ruhigen, sachbezogenen Diskurs gibt es kaum Raum und Gelegenheit. Auf dem Kirchentag findet zumindest ein Streitgespräch über die Chancen und Risiken der Globalisierung statt, das auch Ökonomen zu Wort kommen lässt. Doch das ist die Ausnahme. Sprachlosigkeit hat sich breit gemacht zwischen den Lagern. Die Marktökonomen werden schon per se von vielen als nicht satisfaktionsfähig angesehen, wenn es um Fragen der Gerechtigkeit und der Verteilung geht. Globalisierungskritik ist salonfähig, während ökonomische Rationalität als unanständig betrachtet wird.

Der Dialog scheitert oftmals bereits im Ansatz, weil Sachargumente – wie sie die Ökonomen in der Analyse der wirtschaftlichen Entwicklung gebrauchen – auf Werturteile treffen, die Globalisierungsgegner mit moralischer Attitüde und erhobenem Zeigefinger vortragen. Da passen die Ebenen einfach nicht zusammen. Sosehr man sich auch bemüht, das Sachurteil bleibt zahnlos gegen die moralische Verdammung. Es ist ja auch so einfach, in guter Absicht jene Wohlmeinenden zu versammeln, die angesichts eines chaotisch anmutenden weltwirtschaftlichen Geschehens überfordert sind und der Globalisierung mit unguten Gefühlen gegenüberstehen.

Doch dies ist nicht neu. Die im Namen der Vernunft geschaffenen Institutionen – Wissenschaft, Demokratie und Marktwirtschaft – erscheinen grundsätzlich als kalt und versagen bei der emotionalen Bindung. Jedenfalls, so Ralf Dahrendorf, sei es immer schon leichter gewesen, sich gegen ihre Fehlentwicklungen und Ungleichheiten zu empören, als sich für ihre Stärken zu begeistern. Dennoch oder gerade deshalb müssen wir immer wieder den Versuch unternehmen, die Chancen und Risiken der Globalisierung aus dem Sachzusammenhang abzuleiten.

Wenn wir ganz an den Anfang der Wirkungskette gehen, dann stoßen wir auf die Ausweitung der Freiheit auf immer mehr Menschen. Die Öffnung der kommunistischen Welt, aber auch die Umorientierung vieler Entwicklungs- und Schwellenländer stehen dafür in besonderer Weise. Mehr individuelle Freiheit und Verantwortung gaben vor über anderthalb Jahrzehnten zusammen mit dem kommunikationstechnischen Fortschritt und der Liberalisierung des Kapitalverkehrs den Startschuss für die Beschleunigung der Globalisierung.

Wenn immer mehr Menschen ihre Wünsche und Meinungen ungestört artikulieren können und sich damit in den dezentralen Austausch über Märkte einbringen, dann beschleunigt schon das, unabhängig von technischen Neuerungen, die Veränderung der uns umgebenden Lebenswelten. Dass dies vielen Menschen Angst macht, ist verständlich. Es sollte dennoch nicht den Blick auf den Anfang der Wirkungskette verstellen, der nichts mit dunklen Mächten zu tun hat, sondern mit einem Sieg der Freiheit.

Auch sind die Verbesserungen in der Welt zu betonen. Bei allen bedeutsamen Indikatoren wie Lebenserwartung, Kindersterblichkeit, Armut, und Versorgung mit Nahrungsmitteln sind in den vergangenen zwanzig Jahren große Fortschritte gemacht worden. Das Ausmaß der Besserung mag einen nicht befriedigen. Doch wichtig ist, dass diese Entwicklung in und mit der Globalisierung möglich war, und zwar ohne Devisentransaktionssteuern oder sonstige Eingriffe. Eindeutig ist für Ökonomen der Befund, dass die Öffnung der Märkte und die Einbindung in die internationale Wissens- und Arbeitsteilung der entscheidende Grund für diese Erfolge sind.

Sicherlich gibt es Fehlentwicklungen. Doch der genauere Blick lässt schnell erkennen, dass hierfür die Politik die Bürde der Verantwortung trägt. In den Industrieländern gilt das für mangelnde Marktöffnung und unverantwortlichen Protektionismus, in den Entwicklungsländern für Korruption und politische Willkür. Ein Plädoyer für Autarkie und Behinderung des internationalen Handels sowie Kapitalverkehrs lässt sich daraus nicht ableiten. Solche Forderungen verkennen, dass es gerade der Freihandel ist, der befriedende Wirkung hat und damit elementare Voraussetzungen für das erfolgreiche Wirtschaften schafft.

Dennoch findet die Ablehnung der Globalisierung ihren Widerhall, und das in eigenartigen Koalitionen. Da wird auf der Linken wie auf der extremen Rechten fast in gleicher Weise und aus identischer Motivation die offene, liberale Welt bekämpft. Im Mittelpunkt der Verteufelung stehen internationale Unternehmen und Kapitalmarktakteure, die aus Sicht der Kritiker nur durch ihre Selbstauflösung einen moralisch akzeptablen Beitrag leisten können. Hier findet sich viel von altlinker und rechtsextremer Diktion wieder.

Diese vielleicht ungewollte Koalition hat ein historisches Vorbild. Als nach der Weltwirtschaftskrise zu Beginn der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts sich ebenfalls eine Ablehnung liberaler Strukturen in der Weltwirtschaft Ausdruck verschaffte, waren es gleichfalls diese Ränder des politischen Spektrums, die dem Lockruf der Unfreiheit erlagen. Aufklärung und Skepsis gegen moralische Überhöhung werben dagegen für die Freiheit. Wir tun es, auch gegen Krawall und Diffamierung.