Der gesellschaftliche Diskurs hat seit einigen Jahren die Neigung, in besonderer Weise Gefühle zu betonen. Da verschwiemeln harte Kategorien recht schnell und verlieren ihren spröden Charme. Gemeint sind Wortkombinationen, wie wir sie mit der Einführung des Euros erstmals mit großer Wirkung in die Öffentlichkeit hinein vernahmen: die "gefühlte Inflation". Draußen im Leben, wie es so schön heißt, wenn der gerade grundsätzlich gepflegte Meinungsaustausch zur Bedeutungslosigkeit herabgestuft werden soll, sei das Inflationsempfinden völlig verschieden von der amtlich ermittelten Teuerung.

Nach der gefühlten Inflation begann das "gefühlte Alter" seine Runden durch die Medien einer Gesellschaft zu ziehen, die zugleich erbarmungslos schrumpft wie altert und verzweifelt ihre Jugendlichkeit zu retten versucht. In diesen Wochen schließlich kam die "gefühlte Ungerechtigkeit" hinzu. Es sei nun mal zur Kenntnis zu nehmen, so hören wir aus der Politik, dass es die Menschen als ungerecht empfinden, wenn nach langjähriger Beitragszahlung die Dauer, für die Arbeitslosengeld in Anspruch genommen werden kann, genauso lang ist wie nach kurzer Versicherungsmitgliedschaft.

Was bedeutet diese Welle der Gefühle? Man vermag so der begrifflichen wie konzeptionellen Schärfe zu entkommen, die einen zur Klärung der Realität auffordert. Den gängigen oder als gängig unterstellten normativen Konzepten der Inflation, des Alters und der Gerechtigkeit werden individuelle Deutungen gegenübergestellt. Fragwürdige demoskopische Ergebnisse werden zur Richtschnur genommen. So hätten – wie immer wieder zu hören ist – in Umfragen 80 Prozent der Befragten für eine längere Bezugsdauer des Arbeitslosengelds I für Ältere votiert. Anders gewendet: 80 Prozent haben – wen sollte das überraschen? – quasi für Freibier gestimmt.

Wer auf Gefühle setzt, der will sich nicht der rationalen Entscheidung über Alternativen aussetzen und dafür Argumente austauschen. Natürlich stimmen die Menschen jeder Leistungsausweitung zu. Fragt man sie aber, ob sie mehr Leistungen oder geringere Beiträge präferieren, dann fallen die Ergebnisse ganz anders aus. Die "gefühlte Gerechtigkeit" ersetzt die Debatte zur Sache. Wer will schon als ungerecht "gefühlt" werden, niemand natürlich. Dann traut sich keiner mehr, die gebotenen Fragen zu stellen.

Ist es aber zu verantworten und damit fair, den Menschen vorzugaukeln, dass es einen "free lunch" geben könne? Ist es fair und gerecht, große Probleme im Dunkeln zu lassen und Nebensächliches ins Rampenlicht zu stellen? Gefühle können wohl helfen, Unstimmigkeiten und Verwerfungen zu erspüren. Ratgeber für die Gestaltung von Regelwerken, Systemen und Instrumenten oder für die Lösung von Problemen können sie indes keineswegs sein.

Gefühle verdichten sich schnell zu einem zeitgeistigen System frei schwebender Konsistenz von Behauptungen, die niemand überprüfen kann und die alles überlagern, was an empirischen Inhalten anfällt. Die politische Arena ist derzeit voll von Aufführungen, die mit der Realität nichts gemein haben und dennoch beifällig vom Publikum aufgenommen werden. Die Ignoranz der Fakten ist angesichts auch medial fehlender Emotionalisierung der guten Nachrichten ohne Reputationsverlust möglich.

Die Öffentlichkeit als Schauraum der Gefühle ist auch eine Folge unserer Medienlandschaft. Die Privatheit wird von vielen Menschen selbst nicht mehr als schützenswert empfunden. Das "emotionale Ich" findet unter den Bedingungen unserer Zeit leichter auf die Bühne des gesellschaftlichen Lebens als das "kognitive Ich".

Die Auffälligkeit nimmt in dem Maße zu, wie Verstand und Vernunft gar nicht mehr die Richtschnur individueller Entscheidung bilden, auch und gerade bei komplexen Sachverhalten. Die Originalität der Unvernunft wird zum Garanten des öffentlichen Auftritts. Wir sind ganz anders als frühere Generationen gewohnt, der eigenen emotionalen Betroffenheit Ausdruck zu geben.

"Gefühle", so erläutert der Hirnforscher Gerhard Roth, "sind Kurzberichte aus dem emotionalen Gedächtnis." Sie steuern letztlich auch dort, wo Verstand – als "Fähigkeit zum Problemlösen mithilfe erfahrungsgeleiteten und logischen Denkens" – und Vernunft – als "Fähigkeit zu mittel- und langfristiger Handlungsplanung aufgrund übergeordneter zweckrationaler und ethischer Prinzipien" – besonders gefordert sind.

Die letzte Entscheidung werde immer emotional getroffen. In modernen, aufgeklärten Gesellschaften umfasst die Erziehung zur Mündigkeit deshalb die systematische Bildung von Verstand und Vernunft, die Befähigung zur Kritik und zur Offenheit für Versuch und Irrtum.

Hier haben wir in Deutschland die größte Baustelle, wenn wir die Ergebnisse unseres Bildungssystems ernst nehmen. Wollen wir den politischen Diskurs wieder stärker an Sachargumente binden, dann muss aber vor allem das Vakuum an Orientierung und Führung in der Wirtschaftspolitik gefüllt werden. Denn dadurch entstehen Blasen der "gefühlten Gerechtigkeit", wie sie derzeit über uns schweben. Es führt nun mal kein Weg daran vorbei, dass die Politik einen Austausch darüber anstoßen muss, ob und wie wir die Anpassung an die ökonomische Realität der Globalisierung weiter leisten wollen.

Der Politik fällt auch die Aufgabe zu, Emotionen nicht noch zu schüren oder gar zum Maß der Überlegungen zu machen. Insofern hat die Kampagne des Radiosenders HR 1 unter dem Motto "Gib mir das Gefühl zurück!" einen tieferen Sinn. Denn Gefühle sind nun einmal privat, sie vermitteln einen individuellen Anspruch, sie sind keine gesellschaftliche Kategorie. Darauf sollte die Politik sich besinnen.