Der Konjunkturhimmel hängt voller Wolken. Der Glanz des Aufschwungs scheint angesichts eines sich weiter verdichtenden Gemischs aus Risiken unterschiedlichster Herkunft zu verblassen. Manche fühlen sich schon an die Titanic erinnert, auf der am Schluss nur noch das Orchester fröhlich blieb und unverdrossen zum Tanz aufspielt.

So weit muss man nicht gehen, doch die Unsicherheiten über den Fortgang der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung nehmen seit dem Sommer deutlich zu. Die besondere Herausforderung liegt darin, dass es weder bei den prinzipiell bekannten noch bei den fundamental neuen Risikofaktoren leicht einzuschätzende Wirkungsmechanismen gibt. Seit geraumer Zeit steigt der Ölpreis. Nach früheren Erfahrungen kostet ein im Jahresdurchschnitt um zehn US-Dollar pro Barrel höheres Preisniveau etwa 0,3 Prozentpunkte Zuwachs beim Bruttoinlandsprodukt. Das gilt so offenkundig nicht mehr, und zwar trotz der jüngsten Rekordwerte von fast 100 US-Dollar. Gerade die deutsche Volkswirtschaft konnte die steigenden Ölpreise gut verkraften.

Dafür lassen sich zweifellos überzeugende Gründe anführen. Die gestiegene Energieeffizienz gehört ebenso dazu wie die Abfederung durch den starken Euro, beides mindert unsere volkswirtschaftliche Ölrechnung. Vor allem aber läuft das Recycling der Exporterlöse der erdölexportierenden Staaten, insoweit es über den Warenhandel stattfindet, stark zugunsten der deutschen Wirtschaft, deren Sortiment die besonderen Investitionsbedürfnisse der Rohstoffländer zu befriedigen vermag. Zudem ist die Preisentwicklung bei Öl - wie bei allen Rohstoffen - einer dynamischen Weltwirtschaft geschuldet, nicht aber, wie wiederholt früher, einer plötzlichen Angebotsverknappung.

Dennoch sehen die deutschen Unternehmen, wie jüngst in der Herbstumfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) ermittelt, das größte Risiko für die Konjunktur in weiter steigenden Energie- und Rohstoffkosten. Wenn man bedenkt, dass in der chemischen Industrie wie in der Metall- und Elektrobranche die Ausgaben für Energie teilweise beachtliches Gewicht haben, muss dies nicht verwundern. Die hier greifbare Unsicherheit in der Einschätzung von Risikofaktoren setzt sich fort bei der Frage, was die Aufwertung des Euros gesamtwirtschaftlich bedeutet. Zwar hören wir dramatische Geschichten von einzelnen Unternehmen, die im Euro-Raum produzieren und in US-Dollar fakturieren. Über alle Branchen hinweg sehen unsere Unternehmen - gemäß der IW-Umfrage - aber nur in geringem Maße die Euro-Aufwertung und einen damit verbundenen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit als Konjunkturrisiko. Die stärker als in anderen Volkswirtschaften betriebene Nutzung von Standorten außerhalb der Euro-Zone mindert die Effekte von Wechselkursschwankungen, weltweite Beschaffung und Produktion sind ebenfalls Instrumente zum Management von Währungsrisiken. Ferner dämpft die stark diversifizierte Regionalstruktur des Exports die Bedeutung des US-Dollars für unsere Unternehmen. Schließlich verhindert der Euro die früher üblichen Wechselkursverwerfungen zwischen den Ländern der Europäischen Union.

Insoweit lassen sich die Belastungen der Konjunktur durch diese Risiken eingrenzen. Besonders zur Verunsicherung trägt freilich unverändert die Kreditmarktkrise in den Vereinigten Staaten bei. Immer noch herrscht Unklarheit über deren Ausmaß. Irritierend wirkt für viele, dass die zuvor als Helden des Universums stilisierten Banker als natürliche Personen mit Fehl und Tadel enttarnt wurden. Wie weit mag das Ungemach gehen? Die direkten Effekte über die Kreditverfügbarkeit sind bisher aber sehr gering, nur zehn Prozent der vom IW befragten Unternehmen sehen darin ein bedeutsames Risiko.

Sorgen macht aber die Entwicklung an der vordersten Front der Finanzkrise: die steigende Zahl von Kreditausfällen und Hauspfändungen in den Vereinigten Staaten. Wird dadurch der private Konsum so stark belastet, dass eine Rezession in den USA unvermeidlich wird? Man kann das nicht kategorisch ausschließen, allerdings sollte man die Robustheit der US-Volkswirtschaft nicht unterschätzen. Trotz der offenbar stark zunehmenden Ausfälle und Pfändungen bleiben die privaten Haushalte davon ganz überwiegend unberührt. Die unverändert gute Beschäftigungslage federt die zuletzt maue Stimmung der Konsumenten ab.

Die Unternehmen in den Vereinigten Staaten sind auf der Kostenseite gut aufgestellt, die Investitionsindikatoren zeigen sich von der Kreditkrise unbeeindruckt. Das Szenario einer weichen Landung der US-Konjunktur hat deshalb die höchste Wahrscheinlichkeit. Den schwachen Dollar sollten wir auch als wichtigen Beitrag zur Auflösung des hohen Defizits in der Leistungsbilanz der USA sehen. Eine Normalisierung dieser großen Ungleichgewichte ist allemal wünschenswert.

Die Aussichten für die deutsche Volkswirtschaft sind derzeit mit Risiken verbunden, die immer wieder neu taxiert werden müssen. Doch es überwiegt die Einschätzung, dass der Aufschwung hält und dass Produktion und Beschäftigung weiterhin expandieren.

Unternehmen und Wirtschaftspolitik sind dadurch gleichermaßen zum Investieren aufgefordert. Die Unternehmen sichern so die Voraussetzungen ihres Erfolgs: Innovation, Kundenorientierung, Internationalität und Kosteneffizienz. Die Wirtschaftspolitik muss ihren Beitrag leisten, indem sie über Infrastruktur, Bildung, Forschung, Bürokratieabbau und transparente Besteuerung die Anpassungsfähigkeit der Unternehmen stärkt. Mehr Staatskonsum und höhere Sozialleistungen helfen dagegen nicht weiter. Es ist Zeit für Investitionen.

IconArtikel im Original | PDF