Die Debatte über ethische Standards ist existenziell notwendig, um die Ordnung der Freiheit zu stabilisieren.

Die Frage nach der Moral des Einzelnen ist ebenso beliebt wie unbestimmt. Sie ist Anspruch und Anklage zugleich, sie will auf das Wesentliche hinweisen und läuft Gefahr, ins Unverbindliche zu entgleiten. Sie bezieht sich auf Verhaltensnormen und muss doch auf spezifische Regelwerke verzichten. Das damit umschriebene Terrain ist dadurch noch schwerer zu vermessen, dass die Moralfrage gerne als scharfes Trennschwert zwischen verschiedenen Lebensbereichen benutzt wird. Die Wirtschaft als Ganzes findet sich dabei schnell unter dem Generalverdacht fehlender Moral.

Man entkommt der Diskussion über die moralische Orientierung des Einzelnen grundsätzlich nicht, freilich haben solche Diskurse Konjunktur in Zeiten wie diesen – Zeiten, die durch gravierende Umbrüche der Lebenswirklichkeit, tiefgreifende Veränderungen politischer Systeme, die Krise von Institutionen sowie den Zerfall von Haftungsstrukturen gekennzeichnet sind. Dann ist die Debatte über Moral und explizite ethische Standards nicht nur hilfreich, sondern geradezu existenziell notwendig, um die Ordnung der Freiheit zu stabilisieren.

Dabei tritt ein fundamentales Problem der Freiheitsgesellschaft offen zutage. Das Dilemma nämlich, dass sie weder im Politischen noch im Ökonomischen ohne die Moral des Bürgers nicht auskommt, diese aber weder verordnen noch erzwingen oder einklagen kann. Für die Marktwirtschaft kommt erschwerend hinzu, dass sie nach der Individualmoral, nach den Motiven der Akteure nicht fragt. Allein deshalb ist die disziplinierte öffentliche Debatte über diese Fragen notwendig, nur so können gemeinsame Überzeugungen entstehen und kann Verbindendes wirksam werden.

Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln hat diese Woche zum achten Mal den Max-Weber-Preis für Wirtschaftsethik vergeben, um genau diesen Diskurs und die damit möglichen Klärungsprozesse zu befördern. Bundespräsident Köhler hat in seiner Festrede das skizzierte Dilemma zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen gemacht und in zwei Richtungen gewiesen. Einerseits führt kein Weg daran vorbei, Bürgersinn zu beleben, weil die damit verbundene Selbstbeherrschung und Selbstkontrolle die Fremdkontrolle – den Durchgriff des Staates – überflüssig machen.

Andererseits sei aber auch der Staat nicht machtlos dem benannten Dilemma ausgeliefert. So könne er Institutionen schaffen, die Anreize setzen, sich als vertrauenswürdig zu erweisen. Solche Regeln müssten als plausibel und gerecht empfunden werden können, beispielsweise weil gleiches Recht für alle gelte und alle gleichermaßen bei Fehlverhalten sanktioniert werden. Nicht unterschätzen dürfe man auch die Wirkung einfacher, transparenter und deswegen berechenbarer Systeme. Die Fairness staatlichen Handelns speist sich besonders auch daraus.

Es wird indes nicht gelingen, die Ordnung der Freiheit zu stabilisieren, wenn nur auf den Staat und die von ihm zu verantwortenden Regelwerke geschaut wird. In jedem Lebensbereich gibt es Spielregeln des Anstands; im Wirtschaftsleben durch den „ehrbaren Kaufmann“ bestimmt. In diesem Licht erscheinen, wie Horst Köhler es formulierte, „Rundum-Sorglospakete“ für Vorstände als fragwürdig, die das Haftungsprinzip schwächen. Allerdings zeigt der jüngst veröffentlichte Bericht zur Akzeptanz des Corporate-Governance-Kodexes, dass diese auf hohem Niveau liegt.

So zeigt sich, dass eine öffentlich artikulierte und politisch reflektierte Sorge Anpassungsleistungen auslösen kann. Unternehmen sind Teil des von Hannah Arendt beschriebenen „öffentlichen Raums“ – jener der Allgemeinheit zugewandten Lebenssphäre, die das allen Individuen Gemeinsame erfasst und nicht auf der ausschließlich persönlichen Wahrnehmung einer einzigen Person beruht. Es sei das Besondere des öffentlichen Zusammenseins, eigene wie andere Positionen und Personen relativierend durch die Augen der anderen zu sehen. Unternehmer müssen aufgrund ihrer herausgehobenen Position im öffentlichen Raum diesen verantwortlich mitgestalten. Verantwortungsethik greift hier erneut. Die Bereitschaft dazu erfordert nur scheinbar eine über das Unternehmen hinausgehende Übernahme von Verantwortung. Denn die verantwortliche Mitgestaltung des öffentlichen Raums ist der notwendige Beitrag zur Stabilisierung der Strukturen, zumal in Zeiten der institutionellen Verunsicherung. Insofern beeinflusst Moral den langfristigen Unternehmenserfolg fundamental.

Moral wirkt auf den Unternehmenswert. Dieses Bewusstsein und die Kenntnis der Fehlleistungen Einzelner in der jüngeren Vergangenheit sollten mehr als bisher zum verantwortungsvollen Handeln und Kommunizieren verleiten. Niemand muss sich in seiner Eigenschaft als Unternehmer moralisch verstecken und verzweifelt versuchen, den erwirtschafteten Gewinn im Nachhinein durch Spenden moralisch zu legitimieren. Aber jeder muss ein Interesse daran entwickeln, durch die offene Debatte über Missstände der atomisierten Massengesellschaft zu Orientierung und Stabilität zu verhelfen.

Dieser Diskurs wird jedoch nur gelingen, wenn er nicht durch den Vorwurf grundsätzlich mangelnder Moral einzelne gesellschaftliche Gruppen auf die Anklagebank setzt und dadurch vergiftet wird. Und er wird ebenso nur gelingen, wenn Sachzusammenhänge nicht beliebig ignoriert werden. Denn, so Joseph Kardinal Ratzinger 1985, „eine Moral, die die Sachkenntnis oder Wirtschaftsgesetze überspringen zu können meint, ist nicht Moral, sondern Moralismus, also das Gegenteil von Moral“. Das wird vielen Moralisten nicht gefallen, es zu akzeptieren ist indes unabdingbar.

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