Lange war der Blick auf den deutschen Arbeitsmarkt durch steigende Arbeitslosigkeit getrübt. Die Stagnation hatte jede Hoffnung auf eine wieder steigende Beschäftigung zunichte gemacht. Nicht dass die Arbeitslosigkeit heute ohne Bedeutung wäre, doch die jüngere Entwicklung hat nun ein Thema in den Vordergrund geschoben, das uns ungewohnt erscheint und hilflose Reaktionen hervorruft. Gemeint ist der Fachkräftemangel, der sich vielfach bei Hochqualifizierten und in besonderer Schärfe bei den technischen Qualifikationen zeigt.

Beklagt werden vor allem die Versäumnisse der Unternehmen in der Aus- und Weiterbildung. Dabei wird schnell einsichtig, dass der Fachkräftemangel vielfältige Ursachen hat. Zu nennen sind vor allem: die Studierneigung der jungen Menschen, die Ausstattung und Orientierung der Fachhochschulen und Universitäten, die Bedingungen der beruflichen Ausbildung, die Ausbildungsbereitschaft der Wirtschaft, die mit dem technischen Fortschritt verbundene Wissensintensivierung der Wertschöpfung, die Schrumpfung und Alterung der Bevölkerung.

Der demografische Wandel fordert uns besonders. Soll unsere Volkswirtschaft nicht an Wirtschaftskraft verlieren, müssen alle Potenziale zusätzlicher Erwerbsbeteiligung genutzt werden. Die gute Nachricht ist, dass wir noch hinreichend Potenziale besitzen, vor allem durch die stärkere Bindung älterer Arbeitnehmer an den Arbeitsmarkt und die ökonomische Steuerung der Zuwanderung. Die schlechte Nachricht ist, dass wir uns damit auf ideologisch vermintem Terrain bewegen, weil eine lange geübte Praxis und verfestigte Vorurteile meinungsprägend sind.

So wurde die Frühverrentung Mitte der 80er-Jahre zum allseits gewünschten Instrument der Beschäftigungsregulierung. Staat und Tarifvertragsparteien waren – durchaus aus unterschiedlichen Motiven – dabei im Konsens. Was damals schon angesichts der Vergeudung von Erfahrungswissen fragwürdig war, das ist heute gar nicht mehr zu vertreten. Der Gesetzgeber hat vor zehn Jahren mit der Altersteilzeit versucht gegenzusteuern. Der gleitende Übergang in den Ruhestand sollte erleichtert werden, tatsächlich wurde so unverändert die Lebensarbeitszeit verkürzt.

Zum 31.12.2009 soll die staatliche Förderung der Altersteilzeit auslaufen. Das folgt konsequent den Versuchen, den Rentenbeginn sukzessive auf das gesetzlich definierte Zugangsalter heraufzusetzen. Tatsächlich ist es in diesem Aufschwung gelungen, die Erwerbsbeteiligung der 55- bis 64-Jährigen von unter 40 Prozent auf über 50 Prozent zu erhöhen. Doch damit liegen wir immer noch unter den Werten vieler OECD-Staaten. Trotz dieser Erfahrung fordert die SPD nun die Verlängerung der staatlichen Förderung, die IG Metall die Finanzierung durch die Arbeitgeber.

Diese Forderungen sind fragwürdig, denn die Altersteilzeit hat bislang ihre Ziele verfehlt. Sie hat keinen gleitenden Übergang oder gar eine längere Lebensarbeitszeit ermöglicht, sondern durch die 90-prozentige Nutzung des Blockmodells die Frühverrentung fortgesetzt. Lediglich 13 Prozent der Nutznießer waren Arbeiter. Dies und die Verteilung über die Wirtschaftszweige sowie innerhalb des in der Nutzung dominanten öffentlichen Sektors sprechen dafür, dass hohe körperliche Belastungen in der übergroßen Mehrzahl der Altersteilzeitfälle keine Rolle spielen.

Nach einer Auswertung der Rentenversicherungsträger ist der Verdienst von Altersteilzeitbeschäftigten überdurchschnittlich hoch. So wird die Altersteilzeit kaum als Instrument genutzt, um die Arbeitsbelastung älterer Mitarbeiter mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen oder abnehmender körperlicher Belastbarkeit anzupassen. Vielmehr ermöglicht Altersteilzeit denjenigen den vorzeitigen Ausstieg aus dem Erwerbsleben, die sich diesen trotz der Abschläge an der Rente leisten können. So spricht rein gar nichts für die undifferenzierte Fortführung dieses Instruments.

Die Kanzlerin ist mit ihrer Ablehnung des SPD-Vorschlags gut beraten. Es wäre volkswirtschaftlich, aber auch mit Blick auf die Erhaltung der individuellen Leistungsfähigkeit und der damit verbundenen gesundheitlichen Prävention nicht zu verantworten.Allerdings reicht dies nicht, um dem Fachkräftemangel Rechnung zu tragen. Neben bildungspolitischen Anstrengungen ist dafür auch ein qualifikationsorientiertes Einwanderungssystem erforderlich. Bislang versucht die Politik, von Sonderregelungen für einzelne Berufe abgesehen, aber vor allem, Zuwanderung zu unterbinden.

Deutschland hat ein so schlechtes durchschnittliches Qualifikationsniveau der Einwanderer wie kaum ein anderes Land. Wir verschenken Wachstumschancen. Denn eine Zuwanderung von Hochqualifizierten steigert den Ertrag von Investitionen, weil neue Kombinationen die Leistungsfähigkeit insgesamt erhöhen. Würde es gelingen, die Qualifikationsstruktur der Einwanderer zumindest auf das Niveau der in Deutschland geborenen Bevölkerung anzuheben, so würde – nach einer Studie des IW Köln – eine Nettozuwanderung langfristig die jährliche Wirtschaftsleistung je Einwohner spürbar erhöhen.

Ökonomische Logik steht häufig gegen spontane Intuition. Das macht es in beiden Themen – der Beschäftigung Älterer wie der Zuwanderung – so schwierig. Immer wird unterstellt, aus dem gegebenen Volumen an Arbeit stehe weniger für alle zur Verfügung. Erstens jedoch haben wir erfahren, wie stark Beschäftigung expandieren kann, wenn Strukturen aufgebrochen werden. Zweitens ist der Verzicht auf Qualifikation und Erfahrungswissen zugleich die Preisgabe von mehr Wohlstand und mehr Chancen für alle. Will dafür wirklich jemand die Verantwortung tragen?