Die schwächelnde Konjunktur hat die wirtschaftspolitische Debatte belebt. Die Frage, ob Konjunkturprogramme angemessen seien, wird intensiv diskutiert. Da melden sich US-Ökonomen wie selbstverständlich zu Wort und werden begierig in deutschen Medien zitiert, wenn es darum geht, der Bundesregierung keynesianische Kompensationspolitik zu empfehlen. Meist wird dies mit dem Hinweis garniert, man verstehe die deutschen Ökonomen mit ihrer überwiegend ablehnenden Haltung dieser Position gegenüber nicht so richtig.

Der interessierte Laie mag ebenso wie der mitten im Wirtschaftsleben stehende Praktiker den Eindruck gewinnen, dass es hier um den eingeübten Austausch verkrusteter, ideologisch verankerter Meinungsbilder gehe. Und nicht wenige werden wohl denken, dass es mal wieder die rückständige deutsche Ökonomenzunft ist, die mit ihrer angebotspolitischen Ritualformel den angemessenen Weg zur Besserung verfehlt oder gar verbaut. Der Gefahr der Ritualisierung entgeht man jedoch am besten, wenn man nüchtern die Problemlandschaft betrachtet.

Da ist die Frage zu klären, wie bei einer Schuldenstandsquote von 65 Prozent (Maastricht-Definition) einerseits und greifbar strukturellen Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt andererseits traditionelle Nachfragepolitik gleichermaßen möglich und sinnvoll sein kann. Von den verbliebenen 3,2 Millionen registrierten Arbeitslosen empfangen knapp eine Million Personen Arbeitslosengeld, und rund 2,2 Millionen Menschen fallen unter die Regelung „Hartz IV“. Hier muss vor allem anderen die Reintegration in den Arbeitsmarkt durch Fordern und Fördern versucht werden.

In die Zukunft gedacht, schließt sich die Frage an, wo die relevanten Risiken liegen. Die Konjunkturindikatoren zeigen, dass vor allem über sinkende Auftragseingänge aus dem Ausland eine Belastung droht. Sucht man nach den Gründen für die Dämpfung der wirtschaftlichen Dynamik in aller Welt, so ist die Kreditmarktkrise mit ihrer asymmetrischen, im Wesentlichen auf die Vereinigten Staaten begrenzten Wirkung dafür nicht wirklich eine tragende Ursache. Die Verteuerung der Rohstoffe als globaler Schock bietet hingegen ein valideres Argument.

Öffentlich erregt der Preis für Rohöl Ärger, er ist für jeden an der Tankstelle oder beim Bezug von Heizöl schmerzlich spürbar. Mitunter wird der rasante ölpreisanstieg als Ausdruck abnehmender und dereinst endlicher Verfügbarkeit bewertet. Dabei haben sich die Ölreserven seit 1980 – in einer Zeit überwiegend niedriger Preise – fast verdoppelt. Bedrohliche Szenarien ergeben sich somit weniger aus der Verfügbarkeit als vielmehr aus berechtigten Zweifeln an der Zuverlässigkeit der Lieferländer. Energie ist ein Produktionsfaktor von grundlegender Bedeutung.

Energierohstoffe – Öl, Erdgas, Steinkohle, Braunkohle und Uran – wirken über Verfügbarkeit und Preisentwicklung in hohem Maße auf den volkswirtschaftlichen Strukturwandel. Wir treffen damit auf ein elementar angebotsseitiges Problem. So ist die Gestaltung des künftigen Energie-Mix dringlich. Neben der Suche nach bezahlbaren erneuerbaren Energieformen, dem Einsatz biogener Stoffe bietet sich Erdgas als Energieträger an. Eine sichere Stromversorgung braucht aber den ganzen Energie-Mix. Die Widerstände gegen Kernkraftwerke sowie die Proteste gegen den Bau von effizienten Kohlekraftwerken werden deshalb zum Standortsrisiko.

Hinter dem populären Thema der weltweiten Rohölversorgung gerät die Frage nach der Verfügbarkeit von Metallen und mineralischen Rohstoffen meist ins Hintertreffen. Völlig zu Unrecht. Hier liegt ein noch viel bedeutsameres Angebotsproblem, auch wenn nur rund 30 Prozent des Rohstoffimportwertes auf Metalle entfallen. Die Preissteigerungen der letzten Jahre beruhen ebenso auf einer gestiegenen Nachfrage aus Schwellenländern wie China und Indien. Dabei hat sich die Förderung seit Mitte der neunziger Jahre bei wichtigen Metallen sogar deutlich erhöht.

Doch bei den metallischen Rohstoffen sind mehr noch als die Förder- und Transportkapazitäten die zum Teil beachtlichen Konzentrationstendenzen sowohl auf der Ebene der Förderländer als auch auf der Ebene der Erzeugungsunternehmen zu beachten. So ist es keine Seltenheit, dass drei Viertel der Förderung aus nur drei Ländern oder 50 Prozent von lediglich drei Unternehmen kommen. Betrachtet man die hierdurch und zugleich durch eine fehlende oder nur mangelhafte Substituierbarkeit erfassten Rohstoffe, dann ist die deutsche Industrie tief und breit betroffen.

Eine sichere Versorgung mit metallischen und energetischen Rohstoffen ist elementar für die Wohlstandsperspektiven und Beschäftigungschancen unserer Volkswirtschaft. Als unverändert bedeutsamer Industriestandort kann sich Deutschland hier keine Unachtsamkeiten leisten. Der gelegentlich zu hörende Hinweis, dass dem Verlust der Industrie die Expansion der Dienstleister gegenüberstehe, verkennt die Zusammenhänge. Einkommensstarke Dienstleistungen sind nur aus starken industriellen Kernen heraus tragfähig. Unsere Wirtschaftsstruktur belegt dies.

Das fordert die Wirtschaftspolitik nicht als allwissenden industriepolitischen Agenten. Eine Rolle, die sie gar nicht zu spielen in der Lage wäre. Es geht, wie in der modernen Wachstumstheorie dargelegt, vielmehr darum, durch eine angebotsorientierte Strategie die Unternehmen so flexibel wie möglich agieren zu lassen. Dazu gehören eine angemessene Infrastruktur und nicht zuletzt die glaubwürdige Verpflichtung zu Freihandel sowie .Investitionssicherheit. Das – und nicht der gut gemeinte Rat ferner Ökonomen – entspricht der Problemlage.

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