„Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen.“ So lesen wir bei Loriot in dem skurrilen Dialog eines Ehepaars, der durch Missverständnis, Missverstehenwollen und nicht Zuhörenkönnen gekennzeichnet ist. Das kleine Kabinettstück grotesken Humors lebt von einem geschlechtertypischen Verhalten. Das Gespräch entspinnt sich vor einer Esseneinladung, während sie sich die Fingernägel lackiert und er die Tageszeitung liest. Die Freude, die einem der Sketch bereitet, und das Lachen, das unweigerlich eintritt, beruhen auf der gekonnten Überzeichnung eines nicht lebensfremden, sondern lebenswirklichen Verhaltensmusters.

Solches Lachen – und mehr noch seine Ursache – kann künftig strengen Sittenwächtern zum Opfer fallen, führt ein Beschluss des Europäischen Parlaments zu den gewünschten Maßnahmen auf nationaler Ebene. Das Parlament hat Anfang des Monats einer Vorlage des Ausschusses für die Rechte der Frau und die Gleichstellung der Geschlechter weitgehend zugestimmt. Sexistischen Klischees wird der Kampf angesagt, zunächst nur in der Fernsehwerbung. Doch wer den Text der Vorlage liest, der kann Weiterungen nicht ausschließen, er muss sie sogar befürchten.

Nun kann man die Diskriminierung der Menschen nach ihrem Geschlecht nicht gutheißen. Die Frage jedoch stellt sich, wie weit die Antidiskriminierung sinnvoll gehen kann und wie man dies auf angemessene Weise erreicht. In dem Ausschussbericht werden beispielsweise diskriminierende geschlechtsspezifische Botschaften als „ein Hindernis für das Entstehen einer modernen und gleichen Gesellschaft “ bewertet. Ist die Gleichheit von Männern und Frauen die Voraussetzung der modernen Gesellschaft? Welche Gleichheit ist hier gemeint, am Ende die des Geschlechts?

Die humoristischen Texte von Loriot lehren uns auf lebensnahe Weise das Gegenteil. Männer und Frauen sind grundverschieden, und das ist gut so. Man stelle sich vor, es wäre anders. Worauf auch soll sich Gleichheit beziehen? Auf die Gestaltung der innerfamiliären Arbeitsteilung? Auf das Ranking gesellschaftspolitisch relevanter Themen wie Frauen, Umwelt und Karneval (der Kundige erkennt auch hier das Loriot-Zitat)? Oder müssen Frauen und Männer gleichermaßen auf den Hund kommen, also in Krisen und Besonderheiten verstrickt werden?

Die Gleichheitsvorstellung des Frauenausschusses im Europaparlament ist offenkundig geprägt von dessen Berichterstattender, einer Politikerin der „Vereinigten Linken.“ Geübt in Gesinnungsethik und Gesinnungskontrolle liegt dann der Gedanke nicht fern, von den Mitgliedstaaten der Union „nationale Medienüberwachungsgremien mit einer spezifischen Abteilung für die Gleichstellung der Geschlechter “ einzurichten. Gott sei Dank – oh je, auch schon wieder eine Diskriminierung – ist das Parlament diesem Vorschlag nicht gefolgt. Doch es wird deutlich, worum es geht.

Geleitet von einem Menschenbild, das den Einzelnen als unterdrücktes, fremdbestimmtes und damit weitgehend abhängiges Individuum sieht, wird die kollektive Zuständigkeit reklamiert. Der einzelne Mensch soll letztlich als inkompetent aus der Verantwortung für sich und das Ganze entlassen werden. Die elementare Voraussetzung der Freiheitsgesellschaft, nämlich die Fähigkeit zur selbstverantwortlichen Entscheidung, wird negiert. Damit verliert die Freiheit moralisch an Wert und für die gesellschaftliche Realität an Gestaltungskraft. Mehr Staat tut dann not.

Wo die Freiheit nicht als ergebnisoffener Prozess verstanden, geduldet und ertragen wird, da wird sie am Ende ganz verschwinden. Dann reden wir nur noch über „gut “ und „böse “, statt den Diskurs auf die Frage zu richten, was hilft und was nicht hilft, was angemessen und was weniger angemessen ist. Die offene Gesellschaft und die marktwirtschaftliche Ordnung sind beide auf den Grundsatz gebaut, Macht nur vorübergehend zu dulden und Gewalten zu teilen.

Der überhöhte moralische Anspruch – hier im Gewande der Antidiskriminierung – ist meist der schlecht getarnte Versuch, Deutungs- und Gestaltungsmacht einseitig zu beanspruchen. Dazu gehört die ausschließende Diskreditierung Andersdenkender. Wer den menschlich illusionären und gesellschaftlich ruinösen Projekten nicht zustimmen kann, wer sich die gesunde Skepsis bewahrt und wer auch den Sinn für Humor nicht verliert, der wird schnell zum Feind des behaupteten Fortschritts.

Die dabei wirksame Form der Entmündigung verkennt die Tatsache, dass unser Wirtschaftssystem vom souveränen Konsumenten her gedacht ist. Übersehen wird auch die davon ausgehende Steuerungsmacht. Stereotypen in der Werbung haben kein langes Leben, die Konsumenten lassen es angesichts von Erfahrungen, Lernkurven, veränderten Wünschen und Notwendigkeiten gar nicht zu. Der gesellschaftliche Wandel und seine Rezeption sowie die sich verändernden demografischen Bedingungen tun ein Übriges. Werbung ist ebenso reagierend wie agierend.

Man wird den Eindruck nicht los, dass jene Apostel des Guten – ob im Frauenausschuss des EU-Parlaments oder ob als Aktivisten bei Attac – den Himmel auf Erden wollen, wo wir doch nur die Erde auf Erden haben können. Damit wird keinem Fatalismus das Wort geredet, wohl aber einer realistischen Einschätzung unserer Lebensumwelt. Freiheit und Freiheitsfähigkeit sind anstrengend. Wer sich aber darauf einlässt und der Versuchung zur Unfreiheit widersteht, der wird – ganz wie in diesem Gedicht von Christian Morgenstern – auf das Höchste belohnt: „Freiheit ist kein käuflich Gericht / man hat sie oder man hat sie nicht / und wer sie hat, wer wirklich frei / hat noch ein kleines Lächeln dabei .“

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