Es ist eine Zeit der Superlative: Selbstzerstörung des Investment-Bankmgs, grandiose Schieflagen von Finanzinstituten, erdrutschartige Kurskorrekturen an den Börsen, massive Interventionen der Zentralbanken und Staatsgarantien von historischem Ausmaß. Finanzmärkte, Geldpolitik und Regierungshandeln befinden sich in einem Knäuel von verschlungenen Problemen, das sich ernsthaften Prognosen entzieht und die Vorstellungskraft auch der professionellen Beobachter überfordert. Alles wirkt wie eine Bankrotterklärung nicht nur der Finanzsysteme, sondern gar der marktwirtschaftlichen Steuerung.

In einer solchen Situation fehlt die Orientierung. Wir haben keine Blaupause für den Fall eines massiven Vertrauensverlustes in das Finanzsystem, das in seiner Funktionsfähigkeit auf ganz besondere Weise glaubwürdige und damit vertrauenswürdige Versprechen voraussetzt. Anders als in der Industrie können Leistung und Qualität nicht durch Anschauung und Erprobung getestet werden.

Der offenkundige Leichtsinn der Finanzmarktprofis gegenüber kaum überschaubaren Produkten und überhöhten Geschäftsmodellen hatte noch nicht einmal Fragen, geschweige denn Zweifel ausgelöst. Nun hält man alle anderen Akteure im Finanzgewerbe mindestens für so naiv, wie man es selbst offenkundig war.

Eine Misstrauensinfektion hat die Krise in den Finanzmärkten weit über die ursprünglichen, aus den Verbriefungen US-amerikanischer Subprime-Hypotheken resultierenden Verwerfungen an den Kreditmärkten hinausgetragen. Solide Geschäftsmodelle werden durch Liquiditätsengpässe infrage gestellt. Wer im System niemandem vertraut, der gewinnt auch kein Vertrauen bei jenen, die als Kunden und Anleger außerhalb dieses Systems stehen.

Dieser Effekt wird noch dadurch verstärkt, dass die Hauptdarsteller auf der Finanzbühne in Sprachlosigkeit verfallen sind. Persönlichkeiten, die bereit und in der Lage sind, die Zusammenhänge zu erklären und öffentlich Verantwortung zu übernehmen, sucht man vergebens. Allenfalls den Ruf nach staatlicher Hilfe vernimmt man.

Ob man nach solchen Äußerungen noch mit sich selbst im Reinen sein kann, ist die eine Frage. Die andere und viel bedeutsamere Frage richtet sich auf die Vorbildfunktion im öffentlichen Raum. Offenkundig hat niemand mehr ein Bewusstsein dafür, was es bedeutet, dort verantwortlich zu handeln und zu reden. Das Misstrauen zu kurieren muss in der Finanzwelt selbst beginnen. Der Einstieg dazu liegt in der Erkenntnis, dass ein Verhalten im Zeichen des Misstrauens mit beachtlichen Effizienzverlusten einhergeht.

Dies gilt umso mehr, je stärker Misstrauen emotional getragen ist. Als irrationaler Glaube gewinnt es Bestand und wird selbst nicht mehr überprüft. Das mit Vertrauen verbundene Risiko scheint den Akteuren derzeit nicht mehr tragbar. Aber sind denn die Effizienzverluste des Misstrauens noch tragbar? Denn die Kollateralschäden nicht mehr funktionierender Geld- und Kreditmärkte, die wir zurzeit gesamtwirtschaftlich zu befürchten haben, entspringen genau dieser Kategorie.

Wer Misstrauen überwinden will, der muss bereit sein, Angst auszuhalten. Denn wer in Situationen der Unsicherheit, in denen der Einzelne gewöhnlich misstraut, vertrauen muss, der erlebt über die Gefühle der Ohnmacht und der Hilflosigkeit hinaus auch Angst. Dennoch wird es nur auf diesem Wege gelingen, aus einer Situation kollektiver Erstarrung herauszukommen. Misstrauen wirkt derzeit an den Finanzmärkten wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Dies klar zu identifizieren wäre der notwendige Beginn einer Wende. Noch ist Vertrauen die gelebte soziale Norm.

Staatliches Handeln kann Vertrauen durch angemessene Anreizstrukturen stärken und befördern. Niemanden aus der Verantwortung zu entlassen ist dabei leichter gesagt als getan. Denn strafrechtliche Regeln sind in den Fällen, die uns derzeit beschäftigen, meist nicht bedeutsam. Wenn aber eine Haftung für volkswirtschaftliche Vermögensschäden nicht durchsetzbar ist, dann muss der Staat sehr viel genauer auf die Handlungsspielräume der Akteure und eine effektive Aufsicht schauen. Dies war in den Vereinigten Staaten sicherlich nicht gegeben. Ex post vermag diese Einsicht freilich nicht zu helfen.

Bei krisenhafter Zuspitzung, wie wir sie in den vergangenen Wochen erlebt haben, ist der Staat auf eine elementare Funktion reduziert. Es müssen Risiken abgefedert werden, die für den einzelnen Bürger untragbar sind. Dies ist typischerweise ein Fall für die solidarische Absicherung.

Dass damit selbst Probleme verbunden sind, weil auch den leichtsinnigen Akteuren an den Finanzmärkten ein Bail-out geboten wird, ist offenkundig. Jede Versicherung hat mit dem moralischen Risiko der Ausbeutung zu kämpfen. Deshalb ist es wichtig, dass die Finanzinstitute massiv und mit Sanktionen bewehrt in Rettungsprogramme eingebunden werden. Damit werden sie trotz allgemein grassierender Unsicherheit zum Vertrauen gezwungen. Ihre Angst aber müssen sie selbst überwinden, um letztlich wieder Zuversicht ausbilden zu können.

In der jetzigen Situation die reine Lehre zu bemühen und den Kollaps großer illiquider Banken zu fordern kann wegen der systemischen Wirkung kein ernsthafter und gut gemeinter Rat sein. Die Stunde der Ordnungspolitik schlägt nach der Krise, wenn aus all den Erkenntnissen harte Konsequenzen zu ziehen sind. Dass es so gekommen ist, müssen sich auch jene anrechnen lassen, die in Unkenntnis ordnungspolitischer Logik Übertreibungen nicht nur zugelassen, sondern befördert haben. Das Denken in Alternativen auszublenden, wie durch das Investment-Banking geschehen, ist eine marktwirtschaftliche Sünde. Solches ist der offenen Gesellschaft fremd.

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