Die Politik ist auf Höhenwanderung. Nach der Bewältigung des Rettungspakets für die deutsche Finanzbranche waren die Vertreter von Bund und Ländern in dieser Woche zum Bildungsgipfel geladen. Manche haben einen Zusammenhang mit dem Hinweis herzustellen versucht, dass zwar mit leichter Hand 500 Milliarden Euro für die Banken verfügbar seien, für die Bildung aber schon wenige Milliarden zur Behebung gröbster Mängel fehlten. Diese Verquickung ist unsinnig. Gleichwohl gibt es beachtliche Verbindungen beider Themen.

Die Krise an den Finanzmärkten hat alle daran erinnert, dass in der Welt der Freiheit die Parole des „laissez faire, laissez aller" nicht trägt, weil sie den Keim der Selbstzerstörung in sich trägt. Spielregeln sind notwendig, um Machtbildungen zu verhindern, die anderen die Freiheit rauben. Genau dies war die Einsicht jener Ökonomen, die in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts die theoretischen Grundlagen für die Ordnungspolitik und damit die von Ludwig Erhard und seinem Staatssekretär Alfred Müller-Armack begründete Soziale Marktwirtschaft legten.

Wenn von ungezügelten Märkten und falscher Regulierung gesprochen wird, dann wiederholt sich jene Erkenntnis – allerdings unter den Bedingungen der Globalisierung. Zu Recht wird gefragt, wo die Instanzen und die Regelwerke sind, die das schlüssig fortsetzen, was wir auf nationaler Ebene etabliert haben. Der Verweis auf die bestehenden internationalen Institutionen belässt angesichts offenkundiger Mängel Zweifel. Gleichwohl lassen sich hier Ansatzpunkte finden. Das haben die Verabredungen auf europäischer Ebene und auf der G7-Plattform sowie die Einbindung des Internationalen Währungsfonds in diesen Wochen gezeigt.

Die Krise bietet die große Chance, die internationalen Institutionen weiterzuentwickeln und erkennbare Lücken in der globalen Koordination zu füllen. Die Wettbewerbspolitik gehört beispielhaft ebenso dazu wie die Finanzaufsicht, die Regelung globaler Umweltprobleme oder die weltweite Sicherung der Investitionsfreiheit. Doch auch wenn es uns gelingt, in diesen und anderen Bereichen angemessene Regelwerke zu entwickeln, so sollte jedem klar sein: Eine Welt ohne Risiken bekommen wir dadurch nicht. Eine solche Welt gibt es nicht. Wir sollten sie uns auch nicht wünschen, wäre es doch auch eine Welt ohne Chancen. Unsicherheit gehört nun einmal zum Leben, selbst wenn sie mitunter beängstigend sein kann.

Der Ruf nach Regeln sollte nicht den Blick dafür verstellen, dass der Einzelne – egal, in welcher ökonomischen und gesellschaftlichen Position er sich befindet – nie aus der Verantwortung für sich und sein Handeln entlassen ist. Allein durch adäquate Spielregeln wird man noch kein guter Spieler. Man benötigt seinen eigenen Antrieb, man sollte sich selbst motivieren können; man muss wissen, was sich gehört und was nicht und was es bedeutet, Verantwortung zu tragen sowie Respekt zu geben und zu erhalten.

Solche Fähigkeiten haben wenig mit spezifischen Qualifikationen zu tun. Es geht um Sozialisation, um die Fähigkeit zur verantwortlichen Mitgestaltung des öffentlichen Raums, kurz zum ersprießlichen Miteinander.

Damit sind wir beim Thema Bildung. Wie in der Euphorie der 68er erleben wir eine Welle von Reformen. Selten zuvor waren in so kurzer Zeit so viele Änderungen von unseren Schulen umzusetzen und von unseren Kindern zu verkraften. Nicht, dass den Reformen überwiegend die falsche Zielsetzung oder die verkehrten Themen vorzuwerfen wären. Doch auffallend ist die mangelnde Koordinierung der Veränderungen, und zwar sowohl im föderalen Miteinander wie in der zeitlichen Abfolge. „Überstürzt" ist für den Aktionismus der Ministerien noch ein nettes Adjektiv.

Erst wurde in vielen Ländern die Verkürzung der Gymnasialzeit ohne tragfähiges Konzept, geschweige denn einen angemessenen Plan eingeführt. Nun – ganz überrascht und aufgeschreckt durch den öffentlichen Protest und entsprechende Wahlergebnisse – wird die im Grundsatz richtige Reform hektisch korrigiert. So wird das eine Chaos nur durch ein anderes abgelöst. Die Bereitschaft der Länder, die notwendigen finanziellen Mittel bereitzustellen, ist nicht gewachsen, wohl aber die Offenheit, vom Bund bereits im Vorfeld des Bildungsgipfels mehr Geld zu fordern.

In der Hektik der Schulpolitik drückt sich freilich auch aus, dass der Pisa-Schock Eltern und Bildungspolitiker gleichermaßen in Panik versetzt hat. Die Angst, im internationalen Wettbewerb um Fähigkeiten mit dem eigenen Nachwuchs schlecht dazustehen, begründet diesen Aktionismus ebenso wie die bei vielen Eltern zu beobachtende Verengung des Bildungsbegriffs auf die Vermittlung spezifischer Qualifikationen. Darauf zu achten ist richtig, die Frage der Sozialisation zu verdrängen ist gefährlich. Denn wo sollen die Werteorientierungen herkommen, wenn nicht über einen gesellschaftlichen Diskurs, der sich im Bildungsauftrag niederschlägt?

Dafür muss Schule aber mehr Zeit für pädagogische Ganztagskonzepte erhalten. Wer glaubt, dass eine nachmittägliche Hausaufgabenbetreuung dies erfüllt, der irrt. Nur die Ausweitung der Bildungszeiten gibt den Spielraum für die Förderung der Starken ebenso wie der Schwachen und schafft zugleich die Möglichkeit, Schule auch als Bildungsort für Demokratiefähigkeit weiterzuentwickeln. Neben den klassischen geisteswissenschaftlichen Fächern gehören dazu auch Schülerprojekte, die das Erleben von unternehmerischer Freiheit und Haftung bieten. Wer die Wertedebatte ernst meint, der muss erst recht in Bildung investieren.

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