Globalisierung und Kapitalismus sind für viele Menschen gleichermaßen negativ besetzt. Beide begründen Anpassungslasten, die kaum antizipierbar sind, und beide lösen Verunsicherung aus, die für den Einzelnen schnell zur Überforderung werden kann. Die gegenwärtige Finanzkrise scheint die oft subkutane Aversion zu rechtfertigen: Ein allgemeines Systemversagen wird wie selbstverständlich konstatiert. Dahinter steht die These, dass die Marktwirtschaft – die ohnehin wegen ihrer mitunter vulgär-anarchischen Wirkungsweise skeptisch beäugt wird – durch die Globalisierung vollends außer Rand und Band geraten sei. Damit verbindet sich häufig die Feststellung, dass gerade die „soziale Marktwirtschaft“ durch die Globalisierung eine Verformung erfahre, die sie auf eine urkapitalistische Prägung zurückwerfe.

Kinder der Freiheit

Gegen diese These spricht: Marktwirtschaft und Globalisierung sind beide Kinder der Freiheit. Die marktwirtschaftliche Ordnung baut auf der Entscheidungsfreiheit und Kompetenz des Individuums auf, die Globalisierung ruht auf der Öffnung zuvor abgeschotteter geografischer Strukturen und erweitert damit den Raum für Arbeits-, Wissens- und Risikoteilung. Die Wirkungseffizienz des Wettbewerbs über Märkte wird deutlich gestärkt, die Sanktionskraft der Kapitalmärkte ebenfalls. Ohne grundsätzlich bestehende Funktionszusammenhänge zu verändern, führt aber die Öffnung ehemals abgeschotteter Räume über die damit unvermeidbare Konfrontation sehr unterschiedlicher Wohlstandsniveaus, Wirtschaftsstrukturen und gesellschaftlicher Werteordnungen zur Systemfrage.

Deshalb findet sich mitunter die These, dass die Marktwirtschaft nur angemessen funktionieren könne, wenn einigermaßen vergleichbare wirtschaftliche Verhältnisse bestehen. Der Wohlstand mehrende Effekt offener Märkte und freier internationaler Faktor- und Güterbewegungen wird, wenn nicht prinzipiell so doch unter den speziellen disparaten Bedingungen der Weltwirtschaft, negiert. Die unkontrollierten Ströme des Kapitals führten dazu, dass Entwicklungsunterschiede brutal ausgenutzt würden, um eine Abwärtsspirale bei den Anforderungen der Arbeitnehmer und der Empfänger von Sozialleistungen an das gesamtwirtschaftliche Produktionsergebnis geschmeidig organisieren zu können. Die Globalisierung der Marktwirtschaft – oder hier besser des Kapitalismus – eröffne einseitige Ausbeutungsspielräume, die nur den Interessen des international organisierten Kapitals dienten.

Der Blick auf die Realität zeigt jedoch ein anderes Bild. Erstens wird deutlich, dass einseitige Transfers als gute Gaben der entwickelten Länder an die ärmeren für sich genommen noch nirgends nachhaltig Wohlstand begründet haben. Es bedarf bei allen Entwicklungshilfen – individuell oder staatlich – der Entwicklungsfähigkeit desjenigen, der Hilfe beansprucht. Ohne eine Öffnung zu marktwirtschaftlichen Strukturen bzw. ohne eigene Leistung wird es nicht gehen. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass eine verantwortliche Politik der entwickelten Länder eine Öffnung nicht behindern darf, wenn Entwicklungschancen gewährt werden sollen.

Zweitens jedoch zeigt der empirische Befund, wenn Hilfe und Öffnung zusammentreffen, dann ist die Chance für einen Prozess substanzieller Einkommensmehrung groß. Studien des Internationalen Währungsfonds (2007) belegen zwar, dass die Ungleichheit der Einkommensverteilung in den vergangenen zwei Dekaden weltweit zugenommen hat. Doch zugleich wird deutlich, dass die durchschnittlichen Realeinkommen der ärmsten Bevölkerungsgruppen überall gestiegen sind. Die größere Ungleichheit geht absolut nicht zu Lasten der Ärmsten. Sie ist vielmehr durch die verstärkte Bedeutung höherer Einkommen getrieben. Die Studie des Währungsfonds identifiziert als Ursachen der Ungleichheit sehr wohl einen Beitrag der über Handel und Kapitalbewegungen laufenden Globalisierung. Allerdings kommt dem technischen Fortschritt eine deutlich größere Bedeutung zu, da er die Nachfrage nach Fachkräften stark erhöht. Der Effekt der Globalisierung wird zudem fast ausgeglichen durch den Einfluss des besseren Zugangs zur Bildung sowie den Rückgang der Agrarbeschäftigung, die gerade in der Dritten Welt mit schlechten Einkommensperspektiven verbunden ist.

Während technischer Fortschritt weltweit die Ungleichheit verstärkt, gilt dies für die Globalisierung nicht: Ihre Wirkung hat je nach Entwicklungsstand durchaus unterschiedliche Vorzeichen. In den Industrieländern befördert die Globalisierung nahezu mit gleicher Kraft wie der technische Fortschritt die Ungleichheit, in den Entwicklungsländern wirkt sie hingegen leicht und in den Schwellenländern stark nivellierend. Dahinter verbirgt sich eine unterschiedliche Bedeutung des internationalen Handels einerseits und der Kapitalbewegungen andererseits für die Einkommensverteilung. Es zeigt sich nämlich, dass der boomende Welthandel unter liberalen Bedingungen die Ungleichheit der Einkommen sowohl in den Industrieländern als auch in den Entwicklungsländern mindert. Die Direktinvestitionen verschärfen indes die Ungleichverteilung – in den Zielländern, weil dort die Nachfrage nach relativ qualifizierter Arbeit steigt, in den Ursprungsländern, weil dort die Nachfrage nach gering qualifizierter Arbeit sinkt. So verlagert die Globalisierung Arbeitsplätze, die in Industrieländern als wenig qualifiziert gelten, in Entwicklungsländer, wo sie als anspruchsvoll willkommen sind.

Dies muss die Einkommensposition der entsprechenden Bevölkerungsgruppen in den entwickelten Volkswirtschaften nicht belasten, weil zugleich der internationale Handel die Realeinkommen positiv beeinflusst. Der jeweils verteilbare Kuchen wird größer. Dabei schlägt sich tendenziell auch der Handel mit Vorprodukten günstig in der Produktivitätsentwicklung in den etablierten Ländern nieder. In Europa – so der Währungsfonds – sind die Reallöhne gering Qualifizierter weitgehend im Gleichklang mit denen höher Qualifizierter gestiegen. Freilich hat sich die Beschäftigung der erstgenannten Gruppe vermindert, die der zweiten Gruppe erhöht.

Es gibt gute Gründe, davon auszugehen, dass diese positive Entwicklung sich in den letzten Jahren fortgesetzt hat. Der Aufschwung dieses Jahrzehnts hat alle Wirtschaftsräume der Welt erfasst. Selbst Afrika hat sich im Durchschnitt stärker entwickelt als die Industrieländer, freilich von einem geringen Wohlstandsniveau aus und mit erheblichen Differenzierungen. Gründe für solche Unterschiede liegen allerdings weniger in den Wirkungen der ökonomischen Globalisierung als vielmehr in Instabilität, Unzulänglichkeiten und hoher Korruptionsanfälligkeit der nationalen politischen Systeme sowie gezielten Interventionen einzelner großer Volkswirtschaften mit Blick auf die Sicherung bestimmter Ressourcen. Das Agieren Chinas kann als Instrumentalisierung von Entwicklungsnotwendigkeiten für die Ausbeutung und exklusive Sicherung von Rohstoffvorkommen bewertet werden.

Die Kritik am globalen Kapitalismus bezieht sich neben den vermeintlichen Verteilungswirkungen darauf, dass gerade die Globalisierung der Finanzmärkte – vor allem über eine Liberalisierung der Kapitalbewegungen – die weniger entwickelten Volkswirtschaften belaste und dort zu Krisen führe. Eine vergleichende Studie des Währungsfonds (2006) über die dafür bedeutsamen Forschungsergebnisse zeigt dreierlei: Erstens ist es tatsächlich schwer, empirisch robuste Belege – zumal für die kurze Frist – für den positiven Effekt einer Öffnung nationaler Finanzmärkte auf das Wachstum der betreffenden Volkswirtschaft – vor allem über eine leichtere und bessere Finanzierung volkswirtschaftlicher Investitionen – zu identifizieren. Zweitens gibt es keine Anhaltspunkte für die These, dass eine solche Öffnung in den vergangenen Jahrzehnten die Ursache für Finanzkrisen in den jeweiligen Entwicklungsländern war. Drittens ergeben sich aber auf mittlere und längere Sicht spürbare Wirkungen der Liberalisierung dadurch, dass so die Entwicklung eines nationalen Finanzsektors unterstützt, die Disziplin der Wirtschaftspolitik gestärkt, der Druck für besseres Regieren und eine angemessene Unternehmensführung erhöht wird sowie Effizienzgewinne realisiert werden, indem sich das Wettbewerbsumfeld für heimische Unternehmen verdichtet.

Potenzial nicht ausgeschöpft

Insgesamt, so der US-Ökonom und frühere Fed-Gouverneur Frederic Mishkin, ist die Internationalisierung der Finanzmärkte ein besonders kontroverses Forschungsfeld der Ökonomie. Unstreitig ist, dass diese Facette der Globalisierung ihr Entwicklungspotenzial noch lange nicht ausgeschöpft hat. Die Tatsache, dass die meisten Kapitalbewegungen zwischen reichen Ländern stattfinden, also solchen, die eine vergleichbare Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals aufweisen, deutet darauf hin. Ebenso der Umstand, dass heute die Kapitalbewegung von der Nordhälfte des Globus in die Südhälfte bezogen auf das gesamte im Süden vorhandene Kapital von geringerer Bedeutung ist, als dies Ende des 19. Jahrhunderts der Fall war. Die unterschiedliche Reife der Institutionen und Regulierungssysteme trägt dazu wesentlich bei. Vor allem in vielen Entwicklungsländern überfordert die Qualität asymmetrischer Information zwischen den Marktparteien die vorhandenen Strukturen und Institute. Insgesamt sind es mangelhafte Regelwerke, unzureichende Aufsicht und schwache, für politische Manipulation anfällige Finanzintermediäre, die den Rückstand der finanzwirtschaftlichen Globalisierung erklären.

Die wie selbstverständlich vorgetragenen Thesen, dass unkontrollierte Kapitalbewegungen die Ursache allen Übels seien, verkennen, wo die Aufgabe der staatlichen Autoritäten liegt und welche Folgen einem Staatsversagen zuzurechnen sind. Insgesamt, so die Bundesbank im Monatsbericht vom Juli 2008, sind "die zunehmende Arbeitsteilung an den Finanzmärkten und ihre stärkere globale Integration positiv zu werten..., für sich genommen aber keine Garantie für wirtschaftlichen Fortschritt". Dies führt uns zu den Eingangsüberlegungen zurück: So wie Marktwirtschaft und Globalisierung beide auf der Freiheit beruhen, so bedürfen beide der Sicherung der Freiheit – ganz im Sinne von Walter Eucken – durch einen starken Staat bzw. eine starke Staatengemeinschaft. In diesem Sinne hat die Finanzkrise die Chance, als Reinigungskrise zu wirken.

Von Michael Hüther Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln